BERLIN. - Früher, als Westberlin noch Berlin war, da waren die Reizthemen von belangloser Art: die Laubenpieper, das Tempolimit, Bußgeld für den Hundedreck. Dauerbrenner in der Inselstadt, die man im Wahlkampf aussparte oder aber für schnellen Stimmenfang polternd in die Arena warf. Jetzt, im wiedervereinigten Berlin, das neue Thema: die Straßennamen. Der Streit um Schilder, Geschichtsverständnis und Identität.

Eine Weisung des Verkehrssenators - ganz zufällig zum beginnenden Wahlkampf versandt - hat ihn jetzt wiederbelebt: Fünf weitere Kommunisten sollen aus dem Ostberliner Stadtbild verschwinden. So jedenfalls ordnete es Staatssekretär Ingo Schmitt ganz forsch in Abwesenheit seines Verkehrssenators an. Und seien die Bezirke zur Umbenennung nicht willens, dann werde der Herr Senator selbst die Rottöne von den Straßenschildern kratzen.

Clara Zetkin, in Stuttgart als Namenspatronin wohl gelitten, soll in der Hauptstadt der Kurfürstin Dorothea weichen. Nikolai Bersarin, erster sowjetischer Stadtkommandant Berlins, soll pünktlich zum 50. Jahrestag des Kriegsendes seinen Platz an die Balten abgeben. Die Dimitroffstraße, nach dem Chef der Kommunistischen Internationale benannt, soll künftig an Danzig erinnern. Der kommunistische Reichstagsabgeordnete Hans Beimler soll dem Sozialdemokraten Otto Braun weichen, und der Spanienkämpfer Artur Becker wird gegen den Großmeister des Deutschen Ordens, Heinrich von Kniprode, getauscht.

Die Reaktion auf diese "Straßenreinigung" war ebenso programmiert wie kalkuliert. Die drei betroffenen Bezirke, die bis Mitte Mai erklären müssen, ob sie der Weisung folgen wollen, widersetzen sich. Der Bürgermeister von Berlin-Mitte kündigt das "Ende der Stillhaltephase an" und ruft zum zivilen Ungehorsam gegen diese "Bereinigung" der Historie auf. Im Rathaus am Alexanderplatz reihen sich die Unterschriften in einer Protestliste, die das Bezirksoberhaupt selbst initiiert hat. Die Lokalzeitungen drucken wütende Leserbriefe, und Gregor Gysi stritt öffentlich mit dem Historiker Heinrich August Winkler.

Mehr als achtzig Ostberliner Straßen haben seit der Wende bereits den Namen gewechselt - das Gros im Einverständnis mit den Anwohnern, etliche aber auch erst nach langer Diskussion. Da erbitterte die Ostberliner nicht nur der Radierstift, der immer forscher die Spuren der DDR-Geschichte aus dem Stadtbild tilgte. Da irritierte auch das selbstherrliche Gebaren, mit dem der Verkehrssenator in eine Angelegenheit der Bezirke hineinregierte. Und da kränkte vor allem das zweierlei Maß, mit dem die Hauptstadt ihre Straßenschilder unter die Lupe nahm. Denn während man in Ostberlin DDR-Größen wie Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl von den Straßen holte, darf in Westberlin die von den Nazis benannte Reichssportfeldstraße weiterhin zum Olympiastadion führen und eine Siedlung straßenweise nach "heldenhaften" Kampffliegern des Zweiten Weltkriegs heißen.

Der Protest der Ostberliner blieb meist ungehört. Auch das erboste. Wo sich die Bezirke den Umbenennungsplänen widersetzten, machte der Verkehrssenator von seinem "Eintrittsrecht" Gebrauch. Zuletzt taufte er den Marx-Engels-Platz wieder in Schloßplatz um.

Doch mit den jüngsten Plänen scheint der Bogen überspannt. Die russische Botschaft sieht in der Umbenennung des Bersarinplatzes einen Affront, die Frauensenatorin stellt sich gegen die Tilgung Clara Zetkins vom Straßenschild quer, die SPD ist sauer, weil man sich doch koalitionsintern mit der CDU einig glaubte, in dieser Legislaturperiode den Straßenkrieg nicht neu zu entfachen, und selbst Bürgermeister Diepgen geht auf Distanz: Ungewöhnlich deutlich hat er die CDU-geführte Verkehrsverwaltung gerüffelt. Zumindest was den Namenswechsel des Bersarinplatzes angeht, will Diepgen die Umbenennungspläne jetzt noch einmal von einer Historikerkommission begutachten lassen. Die hatte sich, 1993 zum Schiedsrichter im Straßenstreit berufen, nicht einhellig, aber mehrheitlich gegen einen Platz für den früheren Stadtkommandanten entschieden. Doch dieses Votum könne sich angesichts drohender deutsch-russischer Verstimmungen inzwischen ja geändert haben, hoffen einige Senatoren.