Am Ende erledigt sich auch diese anspruchsvolle Unternehmung, zwei bedeutende Bibliotheken mit Vernunft und Würde zu behausen, auf die platteste Weise. Am Ende interessiert die Regierung des Freistaates Sachsen nur noch: Wieviel, besser, wie wenig kostet es? Und schon geht es nicht mehr um die beste, dem kulturellen Anspruch des Landes dienlichste, sondern bloß noch um "eine bezahlbare Lösung". Genauso lauteten denn auch die ersten Wörter, mit denen Hans Joachim Meyer, der Minister für Wissenschaft und Kunst, auf die Einwände seiner Kritiker reagierte. Es geschah auf einer Fachdiskussion, deren Thema seit nunmehr drei Jahren in den Dresdner Köpfen rumort: die von der sächsischen Regierung und ihren Ratgebern gewünschte, von vielen Experten hingegen gefürchtete Zusammenlegung zweier vollständig verschiedener Bibliotheken.

Die eine ist die 450 Jahre alte Sächsische Landesbibliothek mit ihren unglaublichen Schätzen (auch aus Sondergebieten, die sie seit 1945 zu pflegen hat, Kunst, Design, Photographie, Stenographie). Die andere ist die Bibliothek der Technischen Universität, die, seit Regierung und Landtag sie 1992, als ob es ringsum nicht schon von Universitäten wimmelte, zur "Voll-Universität" befördert hat, welche nun aber auch eine "Voll-Bibliothek" mit geistes- und sozialwissenschaftlicher Literatur (die die Landesbibliothek führt) braucht. Also: Kooperation zweier sich ergänzender Bibliotheken? Nein, sagen der Minister und sein Beirat: Fusion. Aus zwei mach eins.

Beide sind zum Gotterbarmen eingepfercht, die Uni-Bibliothek "in einer Villa und über sechzig Baracken" auf dem Campus am Südrand, die Landesbibliothek in einer Kaserne am Nordrand der Stadt. Für die erste empfiehlt sich selbstverständlich ein Neubau, für die zweite hingegen ein großer, 1914 für Tabak und Baumwolle errichteter Speicher von außerst markanter Gestalt, ein Stahlbetonkoloß, der mit seiner mannigfaltig rhythmisierten Architektur die Kenner begeistert. Entworfen hat ihn der weiland Stadtbaurat Hans Erlwein.

Zwei Architekten haben in einem sorgfältigen Gutachten unterdessen nachgewiesen, daß sich der riesige Bau hervorragend für die Landesbibliothek eigne, daß der Platz bis ins Jahr 2020 reiche, daß der Speicher sich für gut 73 Millionen Mark restaurieren lasse, daß mit ihm nicht zuletzt ein Baudenkmal von nationaler Bedeutung erhalten bliebe. Und welch eine Symbolik: Das Bücherschatzhaus liegt direkt neben dem schönen neuen Landtagsgebäude - Geist und Politik als Nachbarn.

Davon aber redet die Regierung gar nicht mehr. Sie weiß auch nichts von der städtebaulichen Vision, die sich mit Landtag und Bücherspeicher weiter nach Westen eröffnet, wenn mit der Internationalen Gartenbauausstellung die Kulturmeile aufs Ostragehege fortgesetzt werden wird. Sie interessiert sich hauptsächlich dafür, daß der Bund ein Drittel der Neubaukosten für die gemischte Universitäts- und Landesbibliothek bezahlt.

Und schon werden wir in absonderliche Zahlenspiele verstrickt, die nicht aufgehen. So werden aus 17 000 Quadratmetern für die Uni- und 23 000 für die Landesbibliothek nicht 40 000, sondern nur 29 000 Quadratmeter für beide zusammen - in einem viel zu kleinen Neubau, der noch im zweiten Bauabschnitt gerade Platz für die Universitätsbibliothek verspricht, kaum für die Landesbibliothek. Was bedeutet, daß sie, Prunkstück sächsischen Geistes, noch lange bleiben muß, wo sie ist, in der alten Kaserne - und daß der Erlweinspeicher verfällt oder von der Stadt kommerzieller Entstellung preisgegeben werden muß.

Paul Raabe, ehemals Direktor der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, sagt: "Eine Bibliothek von europäischer Bedeutung wie die des Landes Sachsen muß man auch darstellen", nämlich "das unglaubliche Gewicht, das diese Tradition in Zeiten hat, da immer weniger gelesen wird". Und man müsse sie dort zeigen, wo sie gesucht werde: im Zentrum Dresdens, am Elbufer, neben Semperoper und Landtag. Da gehört sie hin!