Für zeitgenössische Künstler sind Vernissagen und Verkaufsausstellungen nicht mehr das Maß aller Dinge.Wer erfolgreich sein will, verkauft seine Arbeiten an die Hotellerie.Feinsinnige, aber kühl kalkulierende Hotelmanager haben die Kunst als Marketinginstrument entdeckt. Als Vorreiter dieses Trends gilt das "Paramount Hotel" in New York.Als der kreative Wirbelwind Philippe Starck Ende der achtziger Jahre das damals heruntergewirtschaftete Haus in der Nähe des Times Square neu stylte, stieg die Zimmerauslastung auf weit über achtzig Prozent. Das Paramount-Modell mit skurrilen Elementen wie gläsernen Liegestühlen im Foyer, Teppichen im Schachmusterdesign und Telephonen im Fünfziger-Jahre-Look machte Schule.In den vergangenen fünf Jahren entstanden allein in Deutschland rund dreißig Kunst- oder Designhotels.Der spanische Farbenvirtuose Gustavo pinselte sich durch das gleichnamige Berliner Sorat-Hotel, Werke von Georg Baselitz schmücken das Hotel "Elephant" in Weimar, und der ehemalige Rosenthal-Art-director Dirk Obliers stylte die Sui ten in "Pflaums Posthotel" in Pegnitz. Selbst Genius Karl Lagerfeld legte Hand an.Bei der Renovierung des "Schloßhotels Vier Jahreszeiten" im Berliner Grunewald fungierte der Modezar als kreativer Kopf: Er wählte unter anderem die Tapeten aus, entwarf die Menükarten und das Hotel-Logo, das Briefpapier und die Uniformen für die Angestellten. Das Gütesiegel "Designed by Lagerfeld" ist teuer.Statt auf zwanzig Millionen - wie ursprünglich geplant - summierte sich die Renovierung des 1914 gebauten Palais auf dreißig Millionen Mark.Lagerfelds Lohn: Zeit seines Lebens darf der Mode-Maestro kostenlos in der von ihm konzipierten Kaiser-Suite nächtigen.Um die hohen Investitionen aufzufangen, müssen Kunden tief in die Tasche greifen: Übernachtungsgäste zahlen zwischen 545 und 645 Mark - ohne Frühstück.Das morgendliche Buffet kostet 33 M ark extra. Auch Maritim, Deutschlands größte Hotelkette - ansonsten auf eher konventionelle Architektur spezialisiert -, versucht sich mit "Art und Design".Am 1.Mai eröffnete an der Ostberliner Friedrichstraße das "Maritim pro Arte Hotel" mit Bildern und Skulpturen von Berliner Künstlern wie Elvira Bach, Bernd Zimmer und Wolfgang Zillharz (Künstlername Salome).Zudem wurde Erfolgsgarant Philippe Starck als Ideengeber engagiert, das italienische Designerduo Saporiti & Polini gestaltete Foyer und Suiten.Mehr als hundert Millionen Mark kostete die Kunstrenovierung des ehemaligen "Metropol Hotels". Ob sich derart hohe Investitionen wie beim "Maritim pro Arte" oder dem "Schloßhotel Vier Jahreszeiten" je bezahlt machen werden, bezweifeln Fachleute."Bei manchen Häusern wird nicht nach der Rendite geschielt", vermutet Sabine Breiler von der Münchner Continental Hotel Consultants GmbH (CHC), "sie sollen vielmehr das Image eines Unternehmens heben."Geld verdient werden soll dann mit anderen Herbergen. Als Prestigeobjekt der besonderen Art versteht sich seit 1989 der "Teufelhof" in Basel.Alle zwei Jahre werden die acht Zimmer des Hauses von internationalen Künstlern neu gestaltet.Dafür gibt der Direktor und Mäzen Dominique Thommy rund 100 000 Schweizer Franken aus.Das "Museum mit Betten" - so ein Fachmagazin - kommt an: Der "Teufelhof" ist bei Übernachtungspreisen zwischen 250 und 300 Mark zu 90 Prozent ausgebucht. Ebenfalls hohe Belegungsquoten verzeichnet seit Jahren das Berliner "art'otel"-Hotel.Mit einer Auslastung von 75 Prozent hält das Haus - es gehört zur Sorat-Gruppe - eine Spitzenposition auf dem hart umkämpften Hotelmarkt der Bundeshauptstadt.Auch bei den meisten anderen Sorat-Hotels liegt die Auslastungsquote bei weit über 60 Prozent.Die 10 Häuser in Berlin, Düsseldorf, Brandenburg, Wittenberg, Cottbus und Görlitz erwirtschafteten im vergangenen Jahr einen Umsatz von 25 Millionen Mark.Weite re Filialen eröffnen in Kürze in Regensburg und Erfurt. Bei den reisenden Managern der heutigen Generation, begründet Sorat-Geschäftsführer Nicolas Meißner seinen Erfolg, habe er einen ausgeprägten Sinn für ästhetisches Wohnen ausgemacht."Deshalb", so sein Credo, "ist Ambiente wichtiger als ein Swimmingpool."Meißner setzt nicht nur auf einzelne Kunstobjekte, sondern vor allem auch auf ausgefallene Architektur - Sorat-Häuser sind beispielsweise in einer ehemaligen Mühle, einer Schmiede oder Meierei untergebracht. Auch Häuser der Flamberg-Gruppe - wie etwa in Weimar und Nördlingen - befinden sich in historischem Gemäuer.Doch schätzen die Kunden vor allem das anspruchsvolle Kunstangebot im Inneren.Mit Arbeiten der "Neuen Wilden" wie Georg Baselitz, Elvira Bach, Hans Peter Adamski und Rainer Fetting gleicht etwa das Foyer des "Parkhotels Hoflößnitz" in Radebeul bei Dresden einer gut bestückten Galerie.Trotz künstlerischer Investitionen von mehr als einer Million Mark hat "Hoflößnitz"-Direktor Frank Schwabe nicht zu kräftig an der Preisschraube gedreht: Gäste zahlen pro Nacht vergleichsweise geringe 260 Mark. Wer dagegen im Kölner "Hotel im Wasserturm" Originale von Donald Judd bewundern will, wird pro Übernachtung mit mindestens 390 Mark zur Kasse gebeten.Abhängig von der künstlerischen Qualität der Räume sind die Preise in "Pflaums Posthotel" in Pegnitz.Für ein "fränkisches Zimmer" verlangt der Besitzer Andreas Pflaum 175 Mark, während für eine Übernachtung in der ultramodernen "Parsival"-Suite 1500 Mark auf die Rechnung gesetzt werden.Mit zeitgenössischer Kunst überraschen auch die D orint-Hotels: In Trier sitzt beispielsweise der "Stumme Mann" des Düsseldorfer Bildhauers Herbert Wilhelms im Foyer, und in der Dorint-Filiale am Nürburgring hängt die fünf Meter hohe und 30 000 Mark teure Installation "Fetisch Lenkrad" der Ob jektkünstlerin Marlene Roubert. Ebenfalls sehr unterschiedliche Designer und Künstler bestimmen das Interieur des art'otel-Konzepts der Seidler-Gruppe.Bei dem soeben eröffneten Haus in Dresden vermitteln Werke von A.R.Penck ein verspieltes Ambiente, während im Seidler-Pendant in Potsdam Arbeiten von Jasper Morrison und der Photographie-Professorin Katharina Sievering für ruhigere Töne sorgen. Eher schrill ist das Outfit bei den meisten Mitgliedern der Design Hotels Inc.Renommierte Adressen wie das "The Halkin" (London), "Claris" (Barcelona), "Wasserturm" (Köln) oder "Green View" (Miami) zahlen jährlich bis zu 18 000 US-Dollar, um über ein eigenes Reservierungssystem vom 1.Juni an buchbar zu sein."Ein Hotelzimmer ist mehr als nur ein Schlafquartier", doziert Design-Geschäftsführer Claus Sendlinger, "unsere Häuser sind Lifestyle pur." Hoteliers, denen der Kauf von wertvollen Objekten zu teuer ist, können inzwischen auch Kunstwerke mieten.Peter Krebs von der Wuppertaler Art Concept Leasing Gesellschaft für moderne Kunst mbH stellt Hoteliers Kunstwerke im "Sale and Lease Back"-Verfahren zur Verfügung.Arbeiten des Leipzigers Alexander Etz können beispielsweise gegen eine monatliche Gebühr von 996,81 Mark aufgehängt werden. Nicht nur das Hotelgewerbe geht mit auffälliger Optik auf Kundenfang.Sogar die Kirche hat moderne Kunst als Lockmittel entdeckt: Während der diesjährigen Fastenzeit hing der sechs Meter breite und vier Meter hohe Bildteppich "Anna selbdritt" von Georg Baselitz in der Münchner evangelischen St.-Lukas-Kirche.Mit Erfolg - die Gottesdienste waren reger besucht und die Kirche Stadtgespräch."Trotz vereinzelter Proteste", ist Pfarrer Andreas Ebert von der Idee überzeugt, "werden wir auch in Zuk unft Kunstwerke installieren."