Bei der diesjährigen Endausscheidung des Wettbewerbs "Jugend forscht" gibt es einen runden Geburtstag zu feiern - dreißig Jahre wird die Stiftung alt.Auch in diesem Jahr dürfte den Juroren, wenn sie Mitte der Woche ihr Votum bekanntgeben, die Auswahl unter den anspruchsvollen Arbeiten der Jungforscher nicht leichtgefallen sein.Ein Warnsystem für Gleisarbeiter hat eine hessische Schülergruppe entwickelt, ein Hamburger Jugendlicher bewirbt sich mit einem sprachgesteuerten elektronischen Codeschloß , und in Bremen untersuchten Schüler den Einfluß von Nitrat auf die Physiologie von Grünalgen. Wer indes die Namen der Teilnehmer untersucht, macht eine betrübliche Entdeckung: Stefan, Patrick, Nils, Markus, Robert, Benjamin, Kai, Peter, Andreas, Tilman - lange muß man blättern, um Konstanze und Svenja auf der Liste zu finden.Dreißig Jahre "Jugend forscht", doch noch immer trägt das Gesicht der technisch-naturwissenschaftlichen Pokaljagd vorwiegend maskuline Züge.Eine Anfrage in der Geschäftsleitung der Hamburger Stiftung erbringt zunächst eine achselzuckend lapidare Antwort: Die Ge schlechterquoten bei "Jugend forscht" seien eben ein Spiegel der Gesellschaft. Ein Blick auf die Zahlenkolonnen der dreißigjährigen Bilanz scheint dies zu bestätigen. 1966, als Henri Nannen zum ersten Mal zur Teilnahme aufrief, folgten gerade mal zwanzig Mädchen diesem Ruf, aber zehnmal so viele Jungen.Das Wort "Emanzipation" war damals noch weitgehend ein Fremdwort.Dreißig Jahre später, nachdem viele Männerdomänen ihre Exklusivität eingebüßt haben, sind auch die Quoten bei "Jugend forscht" verschoben.Der weibliche Anteil der Bewerber ist auf ein Viertel angewachsen.Dies es erfreuliche Kontingent bei den Bewerbern der Länder ist bis zur obersten Ausscheidung auf Bundesebene allerdings auf ein Zehntel geschrumpft. Besonders drastisch ist die Auslese in Mathematik, Physik und Informatik.Im Bundeswettbewerb ist kein einziges Mädchen vertreten.So scheint die juvenile Konkurrenz der Geschlechter auch das Schicksal der Frauen auf den wissenschaftlichen Karriereleitern widerzuspiegeln.In der Physik etwa haben die weiblichen Studienanfänger noch einen beachtlichen Anteil, indessen läßt sich die Anzahl der Physikprofessorinnen an einer Hand abzählen.Wer vermutet, daß sich Frauen naturgemäß wenig für Physik interessieren, kann sich durch einen internationalen Vergleich belehren lassen.An italienischen Physikinstituten etwa liegt der Frauenanteil, wie die amerikanische Zeitschrift Science ermittelte, bei 25 Prozent, in Ungar n ist das Verhältnis von Männern und Frauen paritätisch. Für den Vergleich mit anderen Gesellschaften muß man nicht einmal in die Ferne schweifen.Bei einem vergleichbaren Jugendwettbewerb der ehemaligen DDR, der "Messe der Meister von Morgen", lag der Mädchenanteil über die Jahre konstant bei einem Drittel.Entsprechend schlägt sich die deutsch-deutsche Wiedervereinigung in der Statistik von "Jugend forscht" in einem Zuwachs der Mädchenquote nieder. In der Hamburger Geschäftsleitung wird die Misere allerdings nicht nur konstatiert und verbucht.Nach Kräften bemüht sich die Stiftung, Schülerinnen zur Teilnahme am Wettbewerb zu ermuntern.Etwa mit einem Plakat, von dem ein Mädchen dem Betrachter - ganz in Einsteinscher Manier - die Zunge entgegenstreckt.Darüber schwebt provozierend in großen Lettern die Zeile: "Mädchen können besser Mathe".Außerdem winkt dem weiblichen Geschlecht noch ein besonderer Preis: ein Stipendium am Smith-College im a merikanischen Massachusetts, einem Mädchenkolleg, das als "Kaderschmiede" für Frauen in Führungspositionen gilt. Ein weiterer, den weiblichen Teilnehmern gewidmeter Preis, "Mädchen und Technik", fand allerdings nicht die erhoffte Resonanz.Die Siegerin des Vorjahres wollte ihn gar nicht erst annehmen.Was sich die jungen Forscherinnen wünschen, so hört die Hamburger Geschäftsführerin Uta Krautkrämer immer wieder, ist keine positive Diskriminierung, sondern eine ganz normale Würdigung ihres Könnens.Mädchen haben, wie Uta Krautkrämer meint, einen eher "bodennahen", pragmatischen Zugang zu Mathemati k, Technik und Naturwissenschaften.Außerdem schätzen Mädchen, wie sich bei den Vorträgen zeigt, ihre eigenen Arbeiten oft kritischer ein, während die Jungen, wie von einem prometheischen Drang getrieben, zur Selbstüberschätzung neigen.Sie bewer ten ihre Leistung unrealistisch höher als die der Mädchen.Daraus erwächst ihnen oft ein großer Konkurrenzvorteil. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch eine 1991 von "Jugend forscht" initiierte Studie an bundesdeutschen Schulen.Die Studie empfiehlt, das "Geschlechterrollenstereotyp" im koedukativen Unterricht zu brechen.Uta Krautkrämer hält dagegen eine zeitweise oder teilweise Aufhebung der Koedukation für nötig, um die Chancen der Mädchen zu verbessern.Solange an den Schulen nicht mehr unternommen werde, komme der Mädchenanteil bei "Jugend forscht" - allen Umwerbungen und Sonderpreisen zum Trotz - nicht übe r das hoffnungsvolle Drittel hinaus.