Der Friedenspreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ist eine hohe Auszeichnung.Er hat immer wieder politisch Zeichen gesetzt. 1995 will man sich gegen die gefährlichen Tendenzen wenden, den Islam zum neuen Feindbild zu machen.Diese Absicht ist außerordentlich zu begrüßen. Die Wahl fiel auf Annemarie Schimmel, gegenwärtig wahrscheinlich die in der Öffentlichkeit bekannteste Vertreterin der Islamwissenschaft.Bereits als Neunzehnjährige promovierte sie, fünf Jahre später war sie habilitiert.Als Dozentin war sie anschließend in Marburg und Ankara tätig.Es folgten Professuren in Bonn und Harvard, und noch heute ist die inzwischen Dreiundsiebzigjährige eine gefragte Referentin im In- und Ausland, nicht zuletzt auch im Orient.Ihre Aufsätze und Bücher f üllen Regale. Schon früh, als dies in der Orientalistik noch als tabu galt, hat sie sich in zahlreichen Veröffentlichungen immer wieder auch an eine breitere Öffentlichkeit gewandt, hat Werke aus dem Türkischen, Arabischen, Persischen und Urdu allgemeinverständlich übersetzt, kurzum, sie hat kompetente Aufklärung in Sachen Islam betrieben.Ihre ganze Liebe galt stets der islamischen Mystik, jener stillen, verinnerlichten, toleranten und unaggressiven Religiosität, die so gar nicht zum westlichen Feindbild vom Islam paßt. Nicht nur die Absicht des Börsenvereins, sondern auch seine Entscheidung für Frau Schimmel war lobenswert, und mit Frau Schimmel hatten sich gewiß auch schon zahlreiche ihrer Kollegen und Schüler ein wenig geehrt gefühlt - bis vergangenen Donnerstag. Am 4.Mai 1995 wurde sie in einem Interview in den ARD-"Tagesthemen" anläßlich ihrer Nominierung für den Friedenspreis auch nach ihrer Einschätzung des Todesurteils gegen Salman Rushdie gefragt."Eine Morddrohung ist natürlich immer etwas Gräßliches", stellte sie zunächst zwar fest, ließ dann aber durchaus Verständnis für die Entscheidung Chomeinis erkennen."In sehr übler Art" habe Rushdie die Gefühle gläubiger Muslime verletzt, und sie selbst habe "erwachsene Männer weinen sehen", als sie vom Inh alt der "Satanischen Verse" erfahren hätten.Das Weinen der Muslime - welcher Muslime? -, eine Rechtfertigung für Mord? Damit hat Frau Schimmel nicht nur ihr eigenes Lebenswerk, sondern auch die Aufklärungsarbeit jener Fachkollegen in Mißkredit gebracht, ja, bis zu einem gewissen Grad unglaubwürdig gemacht, die seit einigen Jahren in unzähligen Vorträgen, Interviews und Veröffentlichungen versuchen, dem gängigen pauschalen Islam-Feindbild eine differenzierte Sichtweise entgegenzusetzen.Keine Diskussion dürfte in nächster Zeit vorübergehen, ohne daß ein Zuhörer einwirft: "Aber Frau Schimmel, die Friedenspreisträ gerin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, hat gesagt . . ." - "Ja", wird dann meine Antwort sein - und ich bin selbst ein Schüler von ihr -, "Frau Schimmel hat dem Ansehen nicht nur der Islamwissenschaft, sondern dem gesamten im Börsenverein vertretenen Verlagsgewerbe schwersten Schaden zugefügt", und werde dann folgende Sätze zitieren, die der iranische Ajatollah Djalal Gandjeih 1988 nach Verhängung des Todesurteils öffentlich vor der Presse in London geäußert hat: "Aufgrund meiner religiösen Autorität, im Namen des Islam und des iranischen Widersta ndes, des Friedens und der Freiheit erkläre ich Chomeini für aus der muslimischen Gemeinschaft ausgeschlossen.Dieser reaktionäre Politiker hat den Namen des Islam mißbraucht, um an die Macht zu gelangen, und fährt fort, den Islam zu mißbrauchen, u m um jeden Preis sein unerträgliches Regime zu stützen" ("Pour Rushdie, Cent intellectuels arabes et musulmans pour la liberté d`expression", Paris 1993). Es ist beschämend, daß zwar Ajatollah Gandjeih wie auch viele andere muslimische Intellektuelle den Mut hatte und hat, die Fetwa gegen Rushdie schärfstens zu verurteilen, während sich eine der renommiertesten - nichtmuslimischen - Orientalistinnen bemüßigt fühlt, mit weinenden Muslimen um Verständnis dafür zu werben. Frau Schimmel ist erfüllt von einer großen Liebe zum Orient, doch macht eben Liebe zuweilen blind.So gefährlich das gegenwärtig gepflegte Feindbild Islam und das Gerede vom angeblich bevorstehenden Kampf der westlichen mit der islamischen Kultur ist, weil es zu einer Selffulfilling prophecy zu werden droht, so wenig hilfreich ist eine unkritische Verklärung aller mit religiösen oder pseudoreligiösen Parolen legitimierten Vorgänge im islamischen Raum, weil sie unglaubwürdig ist. Wie muslimische Autoren gesellschaftliche Mißstände und historische, oft genug im Namen des Christentums entstandene Fehlentwicklungen im Westen geißeln und uns damit einen Spiegel vorhalten, der zur Selbstkritik anregt, so muß es auch uns, und gerade auch den Islamwissenschaftlern, bei aller Liebe für den Orient geradezu eine Pflicht sein, problematische Phänomene in der islamischen Welt kritisch zu betrachten.Sich gegenseitig einer uneingeschränkten Liebe zu versichern macht noch kei nen Dialog aus. Salman Rushdies "Satanische Verse" sind ein Roman, literarische Fiktion also.Literarische Fiktion ist eine Kunstgattung, und über Kunst läßt sich bekanntlich trefflich streiten.Den literarischen Anspruch Rushdies in Frage zu stellen ist Frau Schimmel und anderen, auch muslimischen, Kritikern unbenommen.Rushdie verarbeitet in diesem und anderen Werken seine traumatischen Erfahrungen als Wanderer zwischen den Kulturen.Daß er sich dabei auch einiger Elemente der islamischen Überlieferung bedient, i st naheliegend.Daß er damit keine Herabwürdigung des Islam beabsichtigte, hat er immer wieder zum Ausdruck gebracht. Vergangenen Montag hat Rushdie allerdings in einer Pressekonferenz auf Frau Schimmels Äußerungen in einer derart ironischen Weise reagiert, daß er Gefahr läuft, sich selbst in dieser Affäre das Wasser abzugraben.Wenn er, wie dpa schreibt, bezweifelt, "ob sie mein Buch wirklich gelesen hat", fragt man sich, ob er je eines der Bücher von Frau Schimmel gelesen und registriert hat, daß von dieser das Todesurteil gegen ihn als "etwas Gräßliches" charakterisiert wurde. Auch dies ändert jedoch nichts an Frau Schimmels Verniedlichung der Fetwa Chomeinis.Ein Friedenspreis ist ein Preis für den Frieden.Wenn auf den Preisträger nur der Schatten des Verständnisses für ein Todesurteil fällt, sollte die Entscheidung nochmals überdacht werden, von beiden Seiten.Frau Schimmel wird von vielen Muslimen, gerade von pazifistisch und liberal gesinnten, zu Recht hochgeschätzt.Und gerade diese Muslime haben sich nie mit dem Todesurteil Chomeinis gegen Rushdie ident ifiziert.Ich kann mir vorstellen, daß diese nun wirklich weinen. Gernot Rotter ist Professor für gegenwartsbezogene Orientwissenschaft an der Universität Hamburg Siehe auch die Verteidigungsrede des türkischen Schriftstellers Yaçar Kemal auf der nächsten Seite