Sein Name ist "Grasfresser". Es trägt diesen Namen zu Recht, tut es doch den ganzen langen Tag nichts anderes, als sich durch den Garten zu bewegen, ständig auf der Suche nach Grashalmen, die länger als 5,5 Zentimeter sind, um diese sodann zu beknabbern. Wenn es auch die dazu nötige Energie nicht aus der Verdauung der Grasspitzen, sondern aus 34 Solarzellen schöpft, so gleicht das elektronische Schaf ansonsten seinem antiquierten natürlichen Vorbild in allen Funktionen perfekt. Ohne unerwünschte Nebenwirkungen wie Blöken, Verdauungsreste und Tierarztbesuche findet es ganz selbständig seinen einsamen Weg zwischen Büschen und Beeten hindurch zu den Gräsern, die ihm die Welt bedeuten.

Sein Computer, der ihm als Gehirn dient, und seine feinen Sensoren sorgen dafür, daß es nicht versehentlich den Pudel des Nachbarn für ein größeres Grasbüschel hält, Kleinkinder überfällt oder gar sich davonmacht, um herrenlos durch die Gärten der Vorstädte zu streunen. Es gehorcht strikt nur seinem Eigentümer, der es mittels eines Paßwortes zur Ordnung rufen kann. Wird es von fremden Personen berührt, so quiekt es ganz artfremd wie ein Schwein. Auch sieht es nicht aus wie ein Schaf, sondern eher wie eine Hufeisenkrabbe. Doch ist nicht das Tierreich immer schon voller Merkwürdigkeiten gewesen, und warum sollte das Wuchern der Natur in seiner technischen Überbietungsvariante nicht die gleichen Blüten treiben?

Zu einem mäßigen Preis von etwa dreitausend Mark kann von jetzt an jeder Gartenbesitzer seine Sonntage schlafend verbringen, während sein "Weed Eater Robotic Solar Mower" die einstmals schweißtreibende Arbeit des Rasenmähens eigenverantwortlich übernimmt. Freilich kommt das Wunderwerk nur für solche Gartenbesitzer in Betracht, die ihren Garten nicht gerade zu dem Zweck erworben haben, vom Graswuchs allwöchentlich zum Ausgleichssport des Mähens motiviert zu werden. Für solche Gartenbesitzer würde der Roboter nämlich zugleich am Sinn des Gartens knabbern.

Doch auch dieses Problem könnte technisch gelöst werden. Dann nämlich, wenn jene Firmen, die heute schon Zimmerfahrräder, Rudergeräte und elektrische Laufbänder mit computerisierter Landschaftssimulation als Fitneßmaschinen anbieten, Rasenmäher-Simulatoren für den innerhäuslichen sportlichen Gebrauch entwickeln würden. In den Suburbs Kaliforniens wird diese Szene bald das Bild der Wochenendidylle prägen: Während im sonnenheißen Garten der intelligente Mäher grast, betätigen sich sein Herrchen und Frauchen, geschützt durch große Glasscheiben und Klimaanlagen, auf ihren Mähsimulations-Heimtrainern. Sie können währenddessen zusehen, wieviel Schweiß und Mühe der vollautomatische Mäher ihnen abnimmt. Und es könnte ihnen dabei in den Sinn kommen, daß der Kleingarten des Industriezeitalters mit seiner Mähverpflichtung ohnehin nie etwas anderes als ein demonstratives Trimmgerät für nicht körperlich arbeitende Bürger gewesen ist.

Ohne Zweifel ist die Geschichte der Technik, verstanden als eine Geschichte der Entlastung des menschlichen Körpers von mühevoller Tätigkeit, gegenwärtig an einem Wendepunkt angelangt. Computerisierter Fahrradsimulator und Mähroboter markieren das Stadium eines neuen Zusammenspiels von Belastungs- und Entlastungsstrategien, die nicht mehr in traditionellen Mittel-Zweck-Modellen erklärbar sind. Man könnte von transfunktionalen Technologien sprechen, von Werkzeugen ohne Werkzeugcharakter, von der Verselbständigung der Apparate zu eigenem Leben und zu aus sich selbst geschöpften Zwecken. Der Mähroboter ist nicht nur deshalb autonom, weil er sich selbst steuert, er kommt auch, ist er einmal im Garten freigelassen, ohne die Aufrechterhaltung eines menschlichen Mähwillens aus. Der Tod seiner Eigentümer hätte keinen Einfluß auf seine Tätigkeit, wir können ruhig sagen, auf sein Leben. Denn ihm sind die nachwachsenden Gräser genug Motiv, Ziel und Zweck, um seine Geschäftigkeit in Gang zu halten. Mit dem Solarmäher ist die Technik in jenen Naturzustand hineingeraten, zu dessen Beherrschung sie einst erfunden war.

Naturgeschichtlich betrachtet war der Mensch nur ein Zwischenglied der Evolution, das dem Prinzip der Selbstorganisation gestattet hat, die Biomasse zu verlassen und sich im Medium mechanisch geordneter Metallteile und elektronischer Anlagen zu reorganisieren. Der Robotmäher ist ein neues Tier, ein neues Stück Natur, und bildet gemeinsam mit dem Rasen ein Biotop, einen geschlossenen Regelkreis wechselseitiger Grund- und Sinngebung. Der Rasen verdankt dem Roboter seine Existenz als Rasen, ebenso gäbe es ohne Rasen keinen automatischen Mäher.

Roboter und Rasen sind in einen Öko-Kreislauf geraten, in dem Biosphäre und kybernetische Selbststeuerungsmaschine harmonisch zusammenspielen. Daher kann man im Rasen zukünftig nicht mehr die alltagskulturelle Ausdrucksform des großen Zivilisationsprojekts der Naturbeherrschung erblicken, sondern vielmehr die artspezifische Öko-Nische des elektronischen Schafs. Technik, einst gegen die Natur gewandt, ist selber zu einem Stück Natur geworden. Denn der Roboter läßt sich von einem Naturschaf nur noch empirisch, nicht mehr aber prinzipiell unterscheiden. Würde man im selben Garten ein Naturschaf und ein Robotschaf weiden lassen, wer könnte noch angeben, wer wem ausweicht oder wer mit wem spielt?