Geht mit Gott - vaya con Dios -, verabschiedet uns der beleibte Mönch an der Pforte von Santa Maria del Parral. Das Murmeln des Wasserspeiers, die Rundbögen über den Säulen und der Blick auf Zypressen lassen eher an einen maurischen Landsitz als an ein Kloster denken. Wie so oft in Spanien wähnt man sich auch hier in Segovia zuweilen auf einer Zeitreise quer durch die Epochen. Längst war Kastilien von der Reconquista zurückerobert, als dieses Ordenshaus, in dem heute Hieronymiten leben, erbaut wurde. Von der idyllischen Vorhalle geht der Blick hinüber zum Alcazar, der sich über einer Gabelung der Flüßchen Erasma und Clamores erhebt. Manche vergleichen Segovia mit einem durch die kastilische Hochebene dahintreibenden steinernen Schiff, dessen Bug die auf dem Felsen thronende Wehranlage bildet.

Schon zur Römerzeit soll hier ein Kastell gestanden haben. Die heutige Burg, geradezu ein Wahrzeichen Spaniens und gern auf den Titelseiten der Reiseführer abgelichtet, wirkt irgendwie unecht, wie aus Disneyland. Erst nach kurzem Nachdenken merkt man, warum: Sie sieht einfach zu strahlend, zu perfekt erhalten aus. Was sich hier so imposant mit Zinnen und Türmchen erhebt, ist zum allergrößten Teil eine nur gut hundert Jahre alte Rekonstruktion einer Wehrburg, die auf das 11. Jahrhundert zurückgeht. In den ursprünglichen Mauern wurde Isabella die Katholische zur Königin ausgerufen und der Ehevertrag mit Ferdinand von Aragon aufgesetzt: Durch diese Verbindung entstand eine Großmacht. Hier proklamierte Philipp III. die endgültige Vertreibung der Mauren aus Spanien und leitete damit einen wirtschaftlichen Niedergang ein, von dem sich das Land lange nicht erholte.

Auch in Segovia hatten die Morisken, christianisierte Araber, jahrhundertelang eine hochqualifizierte Tuchproduktion in Gang gehalten und so der Stadt Reichtum und Ansehen beschert. Aus diesen glanzvollen Tagen des 12. und 13. Jahrhunderts stammen die fast zwanzig romanischen Kirchen der Stadt, eine Sammlung von Kleinodien, die nicht zuletzt den Ausschlag dafür gaben, daß Segovia 1985 von der Unesco zum Kulturerbe der Menschheit erklärt wurde. Eine große Ehre natürlich, meint der Bürgermeister, die aber keine Zuschüsse zur Erhaltung der vielen Kostbarkeiten beinhalte. Dennoch müht man sich nach Kräften um die Erhaltung der Altstadt - keine leichte Aufgabe angesichts der Fülle an Baudenkmälern, die aufwendige Restaurierungen notwendig machen. Das Stadtoberhaupt residiert im perfekt renovierten Torreon de Lozoya aus dem 16. Jahrhundert, der an toskanische Wohntürme erinnert. Gleich daneben liegt die Kirche San Martin. Hier ist wieder der arabische Einfluß zu spüren, der sich mit der schlichten Schönheit der Romanik verbindet.

Das Interesse der vorbeieilenden Passanten gilt jedoch eher ganz normalen Alltagsdingen: Die Calle Juan Bravo ist Flaniermeile und Hauptgeschäftsstraße in einem. Ultramoderne Boutiquen protzen mit Glas und Chrom, gleich daneben finden sich verstaubte Jugendstillädchen. Segovia ist kein Freilichtmuseum quer durch die Jahrhunderte, es ist vor allem eine ganz normale mittelgroße Stadt, die freilich rund vierzig bedeutende Bauwerke aufweist. Auch die Profanbauten sind bemerkenswert. Beim Spaziergang durch die Gassen lohnt es sich, den Blick zu heben, denn Segovias Fassaden warten mit einer Spezialität auf: Wie aus Salzteig geformte Ornamente wirken die Sgraffiti, die sich auf jedem Haus in anderen Mustern zeigen. Seit vierhundert Jahren ist diese maurisch inspirierte Wanddekoration en vogue.

Vom Platz neben dem Alcazar geht der Blick hinüber ins Tal des Eresma und auf die sanft geschwungene ockerfarbige Landschaft dahinter. Dörflich wirken die Häuser an der Calle Marcos, von der aus der Weg abzweigt zum Kloster der unbeschuhten Karmeliterinnen und der Kirche Vera Cruz. Fast achthundert Jahre ist das von den Templern errichtete zwölfeckige Gotteshaus mit der zweistöckigen Mittelkapelle alt. Mystikern und Esoterikern dient die Kirche als "Energietankstelle": Stellt man sich genau unter die Überkreuzung der Strebebögen und spricht dort etwas, so schwingt das Zwerchfell wie ein Resonanzboden. Wer hier meditiere, lade sich mit neuer Kraft auf, heißt es.

Vor der Kirche hält die andächtige Stimmung nicht lange an. Drei junge Mädchen ganz in Schwarz kommen uns entgegen. Ein Auto braust vorbei, die Caballeros mit den vielen Pferdestärken versuchen mit allerlei Gejohle die Aufmerksamkeit der Senoritas auf sich zu ziehen. Die Schönen aber geben sich wenig huldvoll, zeigen dreifach synchron den Stinkefinger, bevor sie mit gefalteten Händen die Kirche betreten.

Wenn es Nacht wird in Segovia, wirkt der grell angestrahlte Alcazar wie eine Bühnendekoration. Tatsächlich diente er bereits mehrmals als Filmkulisse, und auch die Kids aus der Umgebung scheinen das Ambiente für den abendlichen Treff zu schätzen: Auf der davorliegenden Plaza de la Reine Victoria Eugenia kurven Fahrzeuge herum, aus voll aufgedrehten Recordern dröhnt Techno-Musik. Wenn man durch die Gassen Richtung Kathedrale schlendert, hallt der Lärm immer noch nach. Es heißt aufpassen in den schmalen Sträßchen. Man muß sich regelrecht an eine Hauswand drücken, wenn ein Auto wie auf der Flucht über die Kopfsteine prescht. Bürgersteige gibt es nicht, Fußgänger sind noch immer Freiwild in Segovias Altstadtgassen. An einer verkehrsberuhigten Innenstadt wird gearbeitet, und ein paar Einschränkungen gibt es sogar bereits. Vor zwei Jahren noch führten allein fünf Straßen unter dem römischen Aquädukt hindurch kreuz und quer über die Plaza de Azoguejo. Nun herrscht Ruhe unter den Granitquadern, die ohne Mörtel zu zehn Dutzend Bögen von sieben bis dreißig Meter Höhe gefügt sind. Bis 1974 wurde so das frische Gebirgswasser des Rio Acebeda, das schon den römischen Legionären am Schnittpunkt zweier Heerstraßen zur Versorgung gedient hatte, in die Stadt geleitet. Gleich unterhalb der Wasserleitung findet sich das legendäre Gasthaus "Candido", qua königlichem Privileg zum ersten Haus Kastiliens ernannt. Hier wird noch gekocht wie zu Ritterzeiten: Die Spanferkel kommen so zart und rösch auf den Tisch, daß sie nicht mit Messern zerteilt, sondern unter großem Zeremoniell mit einem Tellerrand in ansehnliche Stücke zerhackt werden.