Beim Vergleich von Europäern, die sich die Erde durch Arbeit untertan machen, mit Völkern wie zum Beispiel den amerikanischen Indianern, kam John Locke (1632-1704), der oft als Vater unserer modernen Wirtschaft bezeichnet wird, zu dem Schluß, daß letztere "reich an Land sind, aber arm an Bequemlichkeiten des Lebens", weil sie nicht arbeiten. Sie haben das gleiche fruchtbare Land, "aber weil sie es an Arbeit fehlen lassen, das Land zu verbessern, haben sie nicht ein Hundertstel der Bequemlichkeiten, an denen wir uns erfreuen".

Ein derartiger Vergleich wirft ein Schlaglicht auf den Mythos der modernen Wirtschaft. Dieser Mythos, der im 18. Jahrhundert von Adam Smith (1723-1790), dem britischen Moralphilosophen und Volkswirtschaftler, weiterentwickelt wurde, impliziert, daß Knappheit der ursprüngliche Zustand der Menschheit ist: ein Zustand, mit dem der Mensch kämpfen muß. Zunächst, um zu überleben, später, um Komfort zu genießen. In diesem Mythos wird die Haltung des modernen Menschen, daß die Natur begrenzt und feindlich ist, auf die gesamte Geschichte der Menschheit projiziert. Die Natur wird zum Sündenbock der Moderne und Knappheit zur Quelle von Gewalt. Es sind nicht die von Thomas Hobbes (1588-1679) beschriebenen rivalisierenden Begierden, die zu Knappheiten führen - der Grund für Knappheit liegt in der Natur, die die Ressourcen zur Verfügung stellt. Wenn es die Menschheit also schafft, die Natur durch Arbeit zu unterwerfen und zu besiegen, kann sie in Frieden und Überfluß leben.

Es ist wichtig, die ambivalente Rolle des Geldes zu begreifen, die es in Lockes Prinzip der Knappheit spielt. Einerseits hat die Erfindung des Geldes selbst für Knappheit gesorgt. Andererseits verspricht es die Beendigung aller Knappheit und wird dadurch zur Triebfeder allen Handelns: Die Menschheit rast vorwärts, denn hinter der nächsten Ecke könnte eine Zukunft ewigen Überflusses warten.

Ursprünglich bot die Natur genug für jeden; lediglich die Nützlichkeit der Dinge zählte, und es war sinnlos, mehr vom Angebot in seinen Besitz zu bringen. Nach Locke besagten die Regeln des Anstandes, "daß jeder Mensch so viel haben sollte, als er auch nutzen kann". Für ihn war es selbstverständlich, daß diese Regeln auch weiterhin Bestand gehabt hätten, wäre es nicht zur "Erfindung des Geldes" gekommen und "zu der schweigenden Übereinkunft der Menschen, Geld einen Wert beizumessen, der auf dem Einverständnis und dem Recht zu mehr Eigentum beruht". Als sich die Menschen dafür entschieden, "daß ein kleines Stück gelbes Metall, das seinen Wert behält, ohne sich zu verringern oder zu verrotten, soviel Wert haben sollte wie ein großes Stück Fleisch oder ein ganzer Batzen Getreide (. . .), änderte sich der immanente Wert der Dinge, der nur von ihrem Nutzen für den Menschen abhängt, denn die Begierde des Menschen nach mehr, als er braucht", fand nun ein geeignetes Ausdrucksmittel . . .

Bereits für Locke ist Knappheit die Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum. Der Krieg des Menschen gegen den Menschen kann nur durch Wachstum verhindert werden. Er kann ersetzt werden durch den wirtschaftlichen Krieg des Menschen gegen die Natur, an dessen Ende Frieden, Reichtum und Überfluß stehen. Das Versprechen ist deutlich. Aber die versteckte Angst hinter den Versprechungen ist noch deutlicher. Jedesmal, wenn das Versprechen angezweifelt wird, machen es die Ängste unmöglich, über die Kritikpunkte zu sprechen.

Von Anfang an fehlte es in der Diskussion um die Grenzen des Wachstums an Vernunft. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, daß der Glaube an die Versprechungen von Wachstum und Expansion in der verdrängten Angst vor Knappheit wurzelt. Eine auf Vernunft begründete Diskussion reicht nicht aus, diese versteckten Ängste ans Licht zu bringen, sie streift sie nur.

Das folgende Zitat belegt, daß rationale Analysen nicht ausreichen, um mit den Versprechungen des Wachstums richtig umzugehen. John Stuart Mill (1806-1873) schrieb in "Principles of Political Economy", der vielleicht wichtigsten wirtschaftswissenschaftlichen Studie des 19. Jahrhunderts, ausführlich über die Notwendigkeit einer stationären Wirtschaft. Im ersten Bericht des Club of Rome wurden Mills Worte als Warnung der Vernunft zitiert. In diesem Bericht wollen wir sie zitieren, um zu belegen, wie erfolglos eine vernunftbeseelte Kritik ist, wenn sie sich mit den Glaubenssätzen des Wachstums auseinandersetzt, unabhängig davon, ob diese Kritik 1848 oder 1972 artikuliert wurde. Alle Anschauungen und Ideen, die wir in Mills Text finden, wiederholen sich in aktuellen Arbeiten, die sich mit einer Wirtschaft des Gleichgewichts und der Notwendigkeit, dem Wachstum Grenzen zu setzen, beschäftigen . . . Obwohl Mill der vielleicht einflußreichste wirtschaftswissenschaftliche Denker des vergangenen Jahrhunderts war, scheiterte er doch daran, seine Zeitgenossen zu überzeugen. Dies sollte uns heutzutage eine Warnung sein. Denn nur wenn wir die Diskussion öffnen, sie über den engen, rationalen wirtschaftlichen Horizont hinaus erweitern, haben wir eine Chance, die Wachstumsversessenheit unserer Gesellschaft aufzudecken und zu analysieren.