Der Westen im Osten

Der Traum vom dritten Weg - die Wirtschaftswissenschaftler in den neuen Bundesländern hatten ihn schnell ausgeträumt. Nach der Wende räumten Administratoren und Professoren aus dem Westen eilig in der Ost-Ökonomie auf, die von der Ideologie des SED-Staates geprägt war wie kaum eine andere Disziplin. Sie wickelten viele alte Fakultäten ab und gründeten neue Fachbereiche. Heute kennen die Ökonomen im Osten vor allem eine Meßlatte: den Westen.

Oft gebärden sich die jungen Fachbereiche gar westlicher als ihre Pendants in den alten Bundesländern, orientieren sich stärker am angelsächsischen Vorbild. Ihr Ziel: Im Standortwettbewerb wollen sie den Anschluß schaffen, ohne die Schwächen der Studiermaschinerie in Westdeutschland zu übernehmen. Aber bis zur gewünschten, und mitunter schon beschworenen, akademischen Normalität ist es noch ein gutes Stück.

Die Hallenser Ökonomen residieren in dem ehemals ersten Hotel der Stadt. Über die DDR-Jahre ist das Gebäude heruntergekommen; die Fassade, wie viele in der Stadt hoffnungslos verrußt, wird gerade renoviert. In der Bibliothek, einem ehemaligen Rokokofestsaal, zeugen einige Ölgemälde noch von glanzvollen Zeiten. Hinter den hohen Flurtüren liegen modern eingerichtete Professorenbüros.

"Wir sind die am besten ausgebaute wirtschaftswissenschaftliche Fakultät im Osten", sagt Dekan Gunter Steinmann. Achtzehn von einundzwanzig Planstellen für die Professoren hat er besetzt, eine hervorragende Quote. Fast alle kommen aus dem Westen, die meisten hat der Ruf aus Halle von einer anderen Stelle weggezogen. Es gebe keinerlei Bonus für Bewerber aus dem Osten, so der Dekan. Den hat auch nicht jeder nötig. So kam bei dem neuen Stiftungslehrstuhl für betriebliches Umweltmanagement kein Westler zum Zuge: "Jemand aus den neuen Bundesländern war der Beste."

Die Hallenser Ökonomen sind umtriebig. Ihr Institut für Unternehmensführung hält Kontakte zur umliegenden Wirtschaft; in einer Sommerakademie bildet das Institut Ost-Manager weiter. Die ersten Studenten haben schon ein Auslandsjahr an amerikanischen und britischen Universitäten hinter sich. Und auch die Kommilitonen denken global: Eine Gruppe börsenbegeisterter Studenten will vom Dekan eine Satellitenverbindung zur Wall Street.

Die Studentenschaft hat sich nach der Wende neu zusammengesetzt. Von den angehenden Diplomökonomen der DDR, damals eine Frauendomäne, sind nach der Neugründung viele abgesprungen. Doch auch fast alle neuen Studenten kommen aus dem Osten, viele aus der Region um Halle. Junge Wessis, denen die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen in Dortmund einen Platz in der Stadt an der Saale zuweist, resignieren vielfach schon bei der Wohnungssuche - wenn sie Halle überhaupt erwägen. Fünfzehn Mark Miete pro Quadratmeter und Monat sind üblich, und um ein Zimmer im Studentenwohnheim zu ergattern, das ohnehin in einer nicht gerade anziehenden Gegend liegt, kommen sie oft zu spät. Studenten aus dem Osten, die von Anfang an auf Halle setzten, haben sich schon vorher ein Zimmer gesichert.

Wer bleibt, den erwarten rigorose Prüfungen. Allein vom Jahrgang 1991 müssen 22 Prozent nach dem Grundstudium die Segel streichen: Sie sind unwiderruflich durchgefallen. Wie fast überall im Osten rühmt sich die Fakultät in Halle der harten Prüfungen. Durchfallquoten von fünfzig Prozent in einzelnen Klausuren sind durchaus normal - wie im Westen. Selektion gilt als Zeichen von Qualität.

Der Westen im Osten

"Wir haben hier Ansprüche", betont Volkswirtschaftsprofessor Rüdiger Pohl, im Zweitberuf Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (siehe Kasten). Man wolle nicht die Zahl der Diplome maximieren, so Pohl im Jargon seiner Zunft, sondern den Erfolg der Absolventen am Arbeitsmarkt. Auch im Hauptstudium macht der Professor Ernst: In seinem Seminar über Geld- und Währungstheorie müssen sich die Studenten mit komplizierten Aufsätzen aus führenden amerikanischen Zeitschriften befassen.

Fast unisono loben die Ökonomen ihre Studenten aus dem Osten. Sie seien fleißiger und neugieriger als im Westen, meint der ehemalige Bonner Finanzminister Hans Apel, der seit der Wende als Honorarprofessor in Rostock wirkt. Auch wenn viele Hochschullehrer erst montags anreisen und spätestens am Freitag wieder über die unsichtbare innerdeutsche Grenze nach Hause fahren, ist der Kontakt zu den Studenten oft enger als an den Massenuniversitäten der alten Bundesländer. Das liegt teils am Pioniergeist; und die Sachsen helfen außerdem nach, indem sie nach dem Vorbild amerikanischer Universitäten die Studenten ihre Lehrer bewerten lassen. Der wichtigste Grund ist aber ein anderer: Weit weniger Studenten bevölkern die Hörsäle, beanspruchen die Professoren, wetteifern darum, in beliebten Seminaren unterzukommen.

Diese Vorzüge haben freilich noch nicht viele Abiturienten überzeugt. Während sich im Westen große ökonomische Fachbereiche wie Köln der Studentenschwemme kaum erwehren können, müssen die Kollegen im Osten bangen, weil viel zuwenig Bewerber auf ihre Bänke drängen. An keiner ostdeutschen Universität haben sich im vergangenen Herbst auch nur annähernd genug Bewerber für Volkswirtschaftslehre gefunden (siehe Graphik). Und auch bei der - ungleich beliebteren - Betriebswirtschaft verzeichneten nur zwei Fakultäten mehr Bewerber als Studienplätze. Nicht einmal zehn Prozent der Interessenten kamen aus dem Westen.

So zieht die Bergakademie Freiberg bei weitem nicht genug Studenten an. Die kleine Universität konstatiert einen "gewissen Schwund von Zugewiesenen" - eine Reihe angehender Studenten schauten sich in Freiberg um und verließen das sächsische Städtchen gleich wieder, weil ihnen alles eine Nummer zu klein ist.

In Rostock treten im Jahr immerhin mehr als 300 Studenten an, um Betriebswirt oder Wirtschaftsingenieur zu werden; 450 Anfänger könnten kommen. Die Traditionsuniversität hat den ökonomischen Fachbereich aus DDR-Zeiten nie abgewickelt, sondern in die neue Fakultät überführt. Die Rostocker Ökonomen leiden nicht nur unter dem Sparkurs des Finanzministeriums in Mecklenburg-Vorpommern, wie Dekan Martin Benkenstein berichtet, sondern auch daran, daß sie sich Geld und Bewerber mit der betriebswirtschaftlichen Fakultät in Greifswald teilen müssen. Dazu konkurrieren noch zwei Fachhochschulen um Studenten der Betriebswirtschaft - zuviel für ein Bundesland mit gut 1,8 Millionen Einwohnern. Die Gefahr: Am Ende wird keiner der Fachbereiche stark genug, um sich in der akademischen Landschaft durchzusetzen.

Deswegen hatte der Wissenschaftsrat dem Land 1991 auch empfohlen, zunächst nur an einer Universität die Wirtschaftswissenschaften aufzubauen. So aber können die Rostocker bislang noch keinen eigenen Studiengang in Volkswirtschaftslehre anbieten; im Herbst wollen sie damit beginnen. Während schon acht von neun Betriebswirten angeheuert sind, konnte der Fachbereich bislang erst drei VWL-Lehrstühle dauerhaft besetzen.

Auch Sachsen hat einen ökonomischen Fachbereich mehr gegründet, als von den Experten des Wissenschaftsrates empfohlen. Dabei müssen die Fakultäten nicht nur um Geld und Studenten wetteifern, sondern vor allem um gute Professoren. Auf Jahre hinaus wird die Nachfrage nach habilitierten Betriebs- und Volkswirten das Angebot übersteigen. Von den Auswahlmöglichkeiten, die westdeutsche Universitäten bis 1990 hatten, können die Wissenschaftsmanager im Osten nur träumen - etliche Ökonomen aus dem Westen übersprangen gleich mehrere Sprossen der üblichen Karriereleiter und avancierten über Nacht zu ordentlichen Professoren. Positiver Nebeneffekt: Die Ost-Fakultäten haben eine gemischtere Altersstruktur als die Konkurrenz im Westen; und einige Jungprofessoren wie in Berlin der Amerikaner Michael Burda oder in Halle Robert von Weizsäcker, Sohn des ehemaligen Bundespräsidenten, haben sich schon einen besonderen Ruf erwerben können.

Der Westen im Osten

Die Knappheit bleibt aber: Bis die Fachbereiche im Osten eigene Habilitanden hervorbringen, werden noch etliche Semester verstreichen. Zudem scheuen einige Berufungskandidaten schlicht den Umzug nach Ostdeutschland, andere illustre West-Professoren nutzten einen Ruf aus den neuen Bundesländern nur, um bei der eigenen Universität zu pokern und mehr Assistentenstellen oder Forschungsgeld herauszuschlagen.

Viele Ost-Dekane können davon ein Lied singen - selbst Wulff Plinke, der Dekan der Ökonomen an der Ostberliner Humboldt-Universität. Trotz Kämpfen mit dem Berliner Senat ums Geld hat seine Fakultät aber den besten Startplatz im Osten. Gründungsdekan Wilhelm Krelle, einer der großen deutschen Nachkriegsökonomen, setzte ganz auf die seriöse Ökonomie - bestimmt von mathematischen Modellen und quantitativen Verfahren. Auch den "Flirt der Betriebswirte mit der Praxis" wollten die Berliner den Fachhochschulen und Business Schools überlassen, sagt Plinke. Sie bauen auf das einheitliche theoretische Fundament von Volks- und Betriebswirtschaftslehre. Mit Horst Albach, der für diesen Ansatz steht, haben die Humboldt-Ökonomen einen der einflußreichsten Betriebswirte der Republik von der Freien Universität im Westen der Hauptstadt abgeworben.

Der Standort Berlin - die Fakultät sitzt in der ehemaligen Handelshochschule nahe des Berliner Doms - bringt weitere Vorteile. So hat sich Humboldt dem Graduiertenkolleg Angewandte Mikroökonomik der Freien Universität angeschlossen - ein ambitioniertes Programm für Doktoranden. Keine Frage: Die Fakultät gleich neben der Spree ist im Osten das liebste Kind der Zunft. "Der moderne Forschungsbetrieb" (Dekan Plinke) kann mit prominenten Namen von Sponsoren und Kuratoriumsmitgliedern wuchern. Und Exbundesbankchef Helmut Schlesinger gibt sich als Stiftungsprofessor die Ehre.

Die anderen Universitäten erfahren weniger Zuspruch aus dem Westen. "Viele Leute denken, sie gingen in den Busch, wenn sie hier rüberkämen", klagt Plinkes Dresdner Kollege Ulrich Blum. Daß in Ostdeutschland schon anständig geforscht wird, will der Magdeburger Betriebswirtschaftsprofessor Oliver Fabel beweisen. Für Mitte Dezember hat er zur ersten Tagung über die "wirtschaftswissenschaftliche Forschung an den Hochschulen der neuen Bundesländer" geladen. Der Zuspruch von Professoren und Mitarbeitern sei "recht gut", sagt er vorsichtig.

Der Anspruch der Magdeburger deckt sich mit dem anderer Fakultäten in Ostdeutschland. Sie seien "analytisch und stark international orientiert" und brächten Volks- und Betriebswirtschaft zusammen, so Fabel. Sie wollen nicht den einen die Theorie und den anderen die Fakten vermitteln. Ob im Unternehmen oder im Ministerium: Die Studenten sollen später auf Grundlage der ökonomischen Analyse entscheiden. Ulrich Blum münzt das Ganze in einen potentiellen Standortvorteil um: "Die Wiederverheiratung der Ökonomie könnte eine ostdeutsche Spezialität werden."

Dem angelsächsischen Vorbild eifern die Ost-Ökonomen auch anderweitig nach: In der Volkswirtschaftslehre wollen einige Fachbereiche nach dem sogenannten Credit-Point-System prüfen. Dabei sammeln die Studenten mit Prüfungen in jedem einzelnen Kurs Punkte, anstatt an einem Sammeltermin in sämtlichen Fächern auf einmal examiniert zu werden. Die Idee dahinter: Die Studenten beschäftigen sich mit dem Inhalt der Vorlesung, während sie stattfindet und nicht erst kurz vor der Massenprüfung.

Zum ostdeutschen Modell gehört auch der Anspruch, es mit den westdeutschen Fakultäten in der Forschung aufzunehmen. Zwar untersuchen die Forscher im Osten Themen, die dem Fall der Mauer entsprungen sind - wie Transformation von Wirtschaftssystemen, Privatisierung von Unternehmen oder Einwanderung. Aber nichts lehnen die Wirtschaftswissenschaftler mehr ab als die Idee, sie könnten Ökonomie auf ostdeutsche Weise betreiben. Sie seien deutsche Fakultäten wie die im Westen auch, sagt ein Wissenschaftsmanager mit Nachdruck. Und Gunter Steinmann aus Halle erklärt die erste Phase des Aufbaus Ost für abgeschlossen: "Die Pionierarbeit haben wir hinter uns." Normalität ist gefragt.

Der Westen im Osten

So weit sei es noch lange nicht, mahnt Harald Scherf, der sich durch seine Arbeit im Wissenschaftsrat mit den ostdeutschen Fakultäten auskennt. Die Losung von der ambitionierten Forschung "wollen wir mal als ein Versprechen betrachten", sagt der Hamburger Ökonomie- und Statistikprofessor. Die Ost-Ökonomen müßten erst einmal eine Generation von Wissenschaftlern ausbilden, könnten nicht von eigener Forschung reden, wenn das Personal aus dem Westen die alten Projekte weiterführe. Das Hauptproblem sieht er aber im mangelnden Professorenangebot. Etliche seien dorthin gegangen, die "im Westen nicht reüssierten". Doch gerade am Anfang "brauchen Sie erfahrene Leute dabei".

Scherf mahnt zur Geduld. Viele Jahre hätten die im Westen nach dem Krieg gegründeten Universitäten um Anerkennung kämpfen müssen. Dabei plagten sich die Aufbauarbeiter im Osten mit viel größeren Schwierigkeiten herum. Indes gibt er zu, daß fähige Professoren "ein Mikroklima schaffen, in dem Studenten gedeihen" - egal wo.

Die Besinnung auf die Ahnherren soll den ostdeutschen Fakultäten helfen. Der Fachbereich an der 575 Jahre alten Universität Rostock veranstaltet ein Symposium über den Mecklenburger Gutsherrn und berühmten Pionier der Nationalökonomie Johann Heinrich von Thünen, der wohl auch in der Hansestadt lehrte. Die DDR hatte sich mit dem Werk des vor 125 Jahren verstorbenen Landadligen noch schwergetan. Und in Berlin promovierte vor 67 Jahren ein junger Mann aus St. Petersburg zum Doktor der Wirtschaftswissenschaften. Jüngst war er wieder zu Besuch, um seine Doktorwürde symbolhalber noch einmal entgegenzunehmen: Nobelpreisträger Wassily Leontief, der mit seiner Input-Output-Analyse Tatsachen und Theorie der Volkswirtschaft verband.