"Wir haben hier Ansprüche", betont Volkswirtschaftsprofessor Rüdiger Pohl, im Zweitberuf Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (siehe Kasten). Man wolle nicht die Zahl der Diplome maximieren, so Pohl im Jargon seiner Zunft, sondern den Erfolg der Absolventen am Arbeitsmarkt. Auch im Hauptstudium macht der Professor Ernst: In seinem Seminar über Geld- und Währungstheorie müssen sich die Studenten mit komplizierten Aufsätzen aus führenden amerikanischen Zeitschriften befassen.

Fast unisono loben die Ökonomen ihre Studenten aus dem Osten. Sie seien fleißiger und neugieriger als im Westen, meint der ehemalige Bonner Finanzminister Hans Apel, der seit der Wende als Honorarprofessor in Rostock wirkt. Auch wenn viele Hochschullehrer erst montags anreisen und spätestens am Freitag wieder über die unsichtbare innerdeutsche Grenze nach Hause fahren, ist der Kontakt zu den Studenten oft enger als an den Massenuniversitäten der alten Bundesländer. Das liegt teils am Pioniergeist; und die Sachsen helfen außerdem nach, indem sie nach dem Vorbild amerikanischer Universitäten die Studenten ihre Lehrer bewerten lassen. Der wichtigste Grund ist aber ein anderer: Weit weniger Studenten bevölkern die Hörsäle, beanspruchen die Professoren, wetteifern darum, in beliebten Seminaren unterzukommen.

Diese Vorzüge haben freilich noch nicht viele Abiturienten überzeugt. Während sich im Westen große ökonomische Fachbereiche wie Köln der Studentenschwemme kaum erwehren können, müssen die Kollegen im Osten bangen, weil viel zuwenig Bewerber auf ihre Bänke drängen. An keiner ostdeutschen Universität haben sich im vergangenen Herbst auch nur annähernd genug Bewerber für Volkswirtschaftslehre gefunden (siehe Graphik). Und auch bei der - ungleich beliebteren - Betriebswirtschaft verzeichneten nur zwei Fakultäten mehr Bewerber als Studienplätze. Nicht einmal zehn Prozent der Interessenten kamen aus dem Westen.

So zieht die Bergakademie Freiberg bei weitem nicht genug Studenten an. Die kleine Universität konstatiert einen "gewissen Schwund von Zugewiesenen" - eine Reihe angehender Studenten schauten sich in Freiberg um und verließen das sächsische Städtchen gleich wieder, weil ihnen alles eine Nummer zu klein ist.

In Rostock treten im Jahr immerhin mehr als 300 Studenten an, um Betriebswirt oder Wirtschaftsingenieur zu werden; 450 Anfänger könnten kommen. Die Traditionsuniversität hat den ökonomischen Fachbereich aus DDR-Zeiten nie abgewickelt, sondern in die neue Fakultät überführt. Die Rostocker Ökonomen leiden nicht nur unter dem Sparkurs des Finanzministeriums in Mecklenburg-Vorpommern, wie Dekan Martin Benkenstein berichtet, sondern auch daran, daß sie sich Geld und Bewerber mit der betriebswirtschaftlichen Fakultät in Greifswald teilen müssen. Dazu konkurrieren noch zwei Fachhochschulen um Studenten der Betriebswirtschaft - zuviel für ein Bundesland mit gut 1,8 Millionen Einwohnern. Die Gefahr: Am Ende wird keiner der Fachbereiche stark genug, um sich in der akademischen Landschaft durchzusetzen.

Deswegen hatte der Wissenschaftsrat dem Land 1991 auch empfohlen, zunächst nur an einer Universität die Wirtschaftswissenschaften aufzubauen. So aber können die Rostocker bislang noch keinen eigenen Studiengang in Volkswirtschaftslehre anbieten; im Herbst wollen sie damit beginnen. Während schon acht von neun Betriebswirten angeheuert sind, konnte der Fachbereich bislang erst drei VWL-Lehrstühle dauerhaft besetzen.

Auch Sachsen hat einen ökonomischen Fachbereich mehr gegründet, als von den Experten des Wissenschaftsrates empfohlen. Dabei müssen die Fakultäten nicht nur um Geld und Studenten wetteifern, sondern vor allem um gute Professoren. Auf Jahre hinaus wird die Nachfrage nach habilitierten Betriebs- und Volkswirten das Angebot übersteigen. Von den Auswahlmöglichkeiten, die westdeutsche Universitäten bis 1990 hatten, können die Wissenschaftsmanager im Osten nur träumen - etliche Ökonomen aus dem Westen übersprangen gleich mehrere Sprossen der üblichen Karriereleiter und avancierten über Nacht zu ordentlichen Professoren. Positiver Nebeneffekt: Die Ost-Fakultäten haben eine gemischtere Altersstruktur als die Konkurrenz im Westen; und einige Jungprofessoren wie in Berlin der Amerikaner Michael Burda oder in Halle Robert von Weizsäcker, Sohn des ehemaligen Bundespräsidenten, haben sich schon einen besonderen Ruf erwerben können.