Die Knappheit bleibt aber: Bis die Fachbereiche im Osten eigene Habilitanden hervorbringen, werden noch etliche Semester verstreichen. Zudem scheuen einige Berufungskandidaten schlicht den Umzug nach Ostdeutschland, andere illustre West-Professoren nutzten einen Ruf aus den neuen Bundesländern nur, um bei der eigenen Universität zu pokern und mehr Assistentenstellen oder Forschungsgeld herauszuschlagen.

Viele Ost-Dekane können davon ein Lied singen - selbst Wulff Plinke, der Dekan der Ökonomen an der Ostberliner Humboldt-Universität. Trotz Kämpfen mit dem Berliner Senat ums Geld hat seine Fakultät aber den besten Startplatz im Osten. Gründungsdekan Wilhelm Krelle, einer der großen deutschen Nachkriegsökonomen, setzte ganz auf die seriöse Ökonomie - bestimmt von mathematischen Modellen und quantitativen Verfahren. Auch den "Flirt der Betriebswirte mit der Praxis" wollten die Berliner den Fachhochschulen und Business Schools überlassen, sagt Plinke. Sie bauen auf das einheitliche theoretische Fundament von Volks- und Betriebswirtschaftslehre. Mit Horst Albach, der für diesen Ansatz steht, haben die Humboldt-Ökonomen einen der einflußreichsten Betriebswirte der Republik von der Freien Universität im Westen der Hauptstadt abgeworben.

Der Standort Berlin - die Fakultät sitzt in der ehemaligen Handelshochschule nahe des Berliner Doms - bringt weitere Vorteile. So hat sich Humboldt dem Graduiertenkolleg Angewandte Mikroökonomik der Freien Universität angeschlossen - ein ambitioniertes Programm für Doktoranden. Keine Frage: Die Fakultät gleich neben der Spree ist im Osten das liebste Kind der Zunft. "Der moderne Forschungsbetrieb" (Dekan Plinke) kann mit prominenten Namen von Sponsoren und Kuratoriumsmitgliedern wuchern. Und Exbundesbankchef Helmut Schlesinger gibt sich als Stiftungsprofessor die Ehre.

Die anderen Universitäten erfahren weniger Zuspruch aus dem Westen. "Viele Leute denken, sie gingen in den Busch, wenn sie hier rüberkämen", klagt Plinkes Dresdner Kollege Ulrich Blum. Daß in Ostdeutschland schon anständig geforscht wird, will der Magdeburger Betriebswirtschaftsprofessor Oliver Fabel beweisen. Für Mitte Dezember hat er zur ersten Tagung über die "wirtschaftswissenschaftliche Forschung an den Hochschulen der neuen Bundesländer" geladen. Der Zuspruch von Professoren und Mitarbeitern sei "recht gut", sagt er vorsichtig.

Der Anspruch der Magdeburger deckt sich mit dem anderer Fakultäten in Ostdeutschland. Sie seien "analytisch und stark international orientiert" und brächten Volks- und Betriebswirtschaft zusammen, so Fabel. Sie wollen nicht den einen die Theorie und den anderen die Fakten vermitteln. Ob im Unternehmen oder im Ministerium: Die Studenten sollen später auf Grundlage der ökonomischen Analyse entscheiden. Ulrich Blum münzt das Ganze in einen potentiellen Standortvorteil um: "Die Wiederverheiratung der Ökonomie könnte eine ostdeutsche Spezialität werden."

Dem angelsächsischen Vorbild eifern die Ost-Ökonomen auch anderweitig nach: In der Volkswirtschaftslehre wollen einige Fachbereiche nach dem sogenannten Credit-Point-System prüfen. Dabei sammeln die Studenten mit Prüfungen in jedem einzelnen Kurs Punkte, anstatt an einem Sammeltermin in sämtlichen Fächern auf einmal examiniert zu werden. Die Idee dahinter: Die Studenten beschäftigen sich mit dem Inhalt der Vorlesung, während sie stattfindet und nicht erst kurz vor der Massenprüfung.

Zum ostdeutschen Modell gehört auch der Anspruch, es mit den westdeutschen Fakultäten in der Forschung aufzunehmen. Zwar untersuchen die Forscher im Osten Themen, die dem Fall der Mauer entsprungen sind - wie Transformation von Wirtschaftssystemen, Privatisierung von Unternehmen oder Einwanderung. Aber nichts lehnen die Wirtschaftswissenschaftler mehr ab als die Idee, sie könnten Ökonomie auf ostdeutsche Weise betreiben. Sie seien deutsche Fakultäten wie die im Westen auch, sagt ein Wissenschaftsmanager mit Nachdruck. Und Gunter Steinmann aus Halle erklärt die erste Phase des Aufbaus Ost für abgeschlossen: "Die Pionierarbeit haben wir hinter uns." Normalität ist gefragt.