Es war auch ein letzter Tag. Aber er konnte natürlich nicht ankommen gegen jene letzten Tage vor fünfzig Jahren, gegen die Gedenkwalze aus allen Kanälen. Obwohl auch dieser letzte Tag etwas zu tun hatte mit dem Ende der Diktatur, mit Erinnern und mit Lehren aus der Geschichte, nahm die Öffentlichkeit davon kaum Notiz. Um so mehr aber drängte das Publikum. Denn für zwei Tage war das DDR-Außenministerium zu besichtigen. Zum ersten und zum letzten Mal. Jetzt hat der Abriß begonnen.

Was trieb die Berliner, die auch noch nach Toresschluß wütend Einlaß begehrten? Was suchten sie? Die Baugeschichte, die Tatsache, daß diese mit weißen Trapezprofilen verkleidete Schachtel aus dem Jahre 1967 der erste Bau der DDR-Moderne war, konnte kaum ein Motiv sein. Was zog also Familien an einem strahlenden Maisonntag durch die leeren Büroräume? Es waren stumme, tastende, fingernde Besucher. Schreibtischschubladen wurden aufgezogen, Amtssessel besetzt, die Füllungen von Sitzkissen geprüft, das Ruhebett des Außenministers belagert. Zwar waren die Leute gewarnt, es sei wenig zu sehen. Der letzte Außenminister Markus Meckel, der vor zwei Tagen noch einmal an die Stätte seines Wirkens zurückgekehrt war, konnte sich wenigstens noch den Aktenstempel "Vernichten" aneignen. Den Nachfolgenden blieb dann nur noch, die Metallziffern vor den Amtsräumen abzukratzen.

Gewiß reizte der letzte Blick in den Arkanbereich der vergangenen Macht. Jene Einheitsästhetik, die heute nur noch den Charme eines Sozialamts aus den siebziger Jahren hat; die merkwürdig düstere Schäbigkeit, mit der ein eher transparenter Zweckbau in ein unübersichtliches Labyrinth verwandelt wird; die niedrigen Räume, die unnachahmliche Kombination von ochsenblutfarbigen Vorhängen, beige-braunen Teppichböden und Palisanderholzimitaten. Ebenerdig die Kabinen für die ausländischen Diplomaten. "Hier haben wir mit den Franzosen verhandelt, die Gardinen waren natürlich zugezogen", erklärt ein ehemaliger Mitarbeiter. Die Ministeretage bot ein Wiedererkennen. Die gelb-weiß geblümte Velourtapete, ja, die "hatten wir auch". In Rosa, in Grün. Ansonsten war ja alles ein bißchen dürftig. "Im Unterschied zu den Kirchen haben die nicht Wasser gepredigt und Wein getrunken." Die Originalschreibtische des Staatssekretärs und des Außenministers hatte sich Stölzl vom Deutschen Historischen Museum abgegriffen. Eine etwas gehässige Inszenierung hatte an ihre Stelle normale Büroschreibtische gerückt mit einer Schreibtischauflage aus Teppichresten und Glasplatte. So ärmlich hatten wir`s denn doch nicht. Aber die braun gesprenkelten Kacheln, die der Außenminister Fischer sich für sein Bad gewählt hatte, die würde man heutzutage allerdings nicht mehr akzeptieren. Hinter den Wandschränken waren die Bücher, die Tresore, die Waschbecken. Eine Vorstellung von Waschzwang und Geheimhaltung drängte sich auf.

Es gab allerdings auch das "Genscherzimmer", den kleinen Sitzungsraum. Auch die Wende mußte ihre Ästhetik haben. Ein blaßblauer Teppichboden mit tiefem Flor überragt das realsozialistische Kontinuum aus Braun-Beige. An der Frontwand im großen Sitzungssaal die Weltkarte, ein Nagelmosaik von Herrn Wittkugel. Auch hier hat die Wende zugeschlagen, im Wortsinn. Die DDR wurde im Mosaik durch 29 goldene Nägel markiert. Sie mußten auf Genschers Wunsch ausgetauscht werden. Es wurden 28 metallgraue Nägel - wie für Westdeutschland - in die Wand gehauen. Ein goldener Nagel blieb. Berlin. So detailgenau kann Politik sein.

In der Marmorhalle eine Gruppe von Exmitarbeitern, wütend. "Was soll`s, es war schließlich ein Zweckbau. In jeder anderen Hauptstadt der Welt findet man moderne Außenministerien. Hier könnte doch ohne weiteres eine Krankenversicherung einziehen. Dafür demonstriert natürlich niemand." Der Blick fiel auf die linke Kundgebung zum 8. Mai auf dem Schloßplatz. Überhaupt sei alles schlechter geworden. Alles? Ja, alles! "Zum Beispiel, wenn in Brandenburg jetzt ein Krimineller verfolgt wird und fährt über die Landesgrenze nach Niedersachsen, müssen die anhalten und erst mit der Landespolizei dort telephonieren. Wo gibt es denn so etwas!" Die Herren waren sich einig: "Wenn die jetzt das Außenministerium abreißen, dann fällt auch der Palast gegenüber."

Recht haben sie. Ähnliche Überlegungen hegt auch der Bauminister Töpfer. Wenn die Schachtel des Außenministeriums, die vor die Blickachsen der historischen Mitte geschoben wurde, verschwunden sein wird, werden die Maßstäbe wiederkehren. Dann wird sichtbar, wie unversöhnlich der Palast der Republik im Streit liegt mit allen anderen Gebäuden um ihn herum.

Verständlich der letzte Blick der ehemaligen Mitarbeiter auf die Stätte, "wo wir dann abgewickelt wurden"; aber die anderen, was zog sie in diese Leere? Ging es um den Genuß einer Beklemmung, die nun zur Geschichte gehört? Zu sehen war die Hülle eines Staatsapparates, ohne Aura, ohne Kraft zum historischen Ort. Vergebens die Mühe, die Macht der Mächtigen zu beschwören. Das Ende dieser Diktatur war banal, pedantisch, ohne jeden Bezug zu deutschen Tragödien. Hier, am letzten Tag im DDR-Außenministerium, schien es, als ob diese Vergangenheit kaum noch Schatten wirft.