Als sich im vergangenen Jahr die am Fadenwurm Caenorhabditis elegans forschenden europäischen Biologen auf einem Kongreß trafen, gab es eine Überraschung. Die Tagung wurde eröffnet mit einem eigens komponierten Stück Computermusik, dessen Noten sich aus dem Zellstammbaum des millimetergroßen Tieres ableiten. Die Nervenzellen wurden dabei von Streichern, Darmzellen von Pauken, Schlundzellen von Holzbläsern und Keimzellen von Harfen-Appreggios dargestellt. "Jedem Zellteilungsereignis der rund dreizehn Stunden dauernden Entwicklung", so der Komponist Jörg Schäffer, "entspricht ein musikalisches Ereignis." Er hat allerdings die Zeit, die der Wurm benötigt, um sich vom befruchteten Ei über vier Jugendstadien zum erwachsenen Tier zu entwickeln, auf achtzehn Minuten moderner Musik komprimiert. Herkunft, Lage und Funktion jeder einzelnen Zelle von C. elegans sind vorhersagbar (siehe ZEITmagazin Nr. 50, 1991, "Ein Wurm macht Karriere"). Schäffer konnte daher den drei verschiedenen Teilungsrichtungen ein musikalisches Korrelat zuordnen; einer vertikalen Zellteilung zum Beispiel entsprechen zwei von Pausen eingerahmte Quinten. Mit jeder zellulären Spaltung teilt sich so zugleich ein Ton beziehungsweise musikalisches Motiv. "Wissenschaftliches Material als Grundlage musikalischer Gestaltung" lautet das Prinzip des Komponisten. Der 36jährige Doktor der Naturwissenschaften hat mittlerweile auch die Aminosäuresequenz des Proteins GTSj26 aus dem Bilharzioseerreger Schistosoma japonicum sowie den Cantorschen Mengenbegriff über MIDI-Programmierung vertont. Die dramaturgische Bearbeitung der Proteinbiosynthese (als Hörspiel) und das zellbiologische Programm der Fruchtfliege Drosophila sollen folgen. Was motiviert ihn dazu?

"An gedanklichen Innovationen im wissenschaftlichen Bereich sind oftmals auch intuitive Prozesse beteiligt", sagt er. Die neue Art künstlerischer Aktivität mache ihm seine Identität als Wissenschaftler deutlicher, gleichzeitig könne das erweiterte Ausdrucksrepertoire anderen Wissenschaftlern sowie Laien einen Zugang zu den hochspeziellen Themen verschaffen, die heute bearbeitet werden. "Musik als abstrakteste Kunstform erscheint mir hierfür am besten geeignet", so Schäffer.

Er muß es wissen - nach seinem Biologiestudium promovierte der Wahlmünchner und schuf nebenher erste experimentelle Kompositionen sowie die AG KIWI (Arbeitsgemeinschaft Kunst in der Wissenschaft). Im letzten Jahr seiner Promotion baute Schäffer "ein mikrotonal gestimmtes Metallophon: Sekundenquadrat" und schrieb nicht weniger als vier Theatermusiken, etwa zu Strindbergs "Erik XIV." und Aischylos` "Prometheus" (beide in Kiel aufgeführt). Schon während seines Studiums hatte Jörg Schäffer mit Bedauern festgestellt, daß es zwar wissenschaftliche Interpretationen künstlerischer Arbeiten zuhauf gab (etwa in den Musikwissenschaften), aber umgekehrt kaum künstlerische Umsetzungen wissenschaftlicher Sachverhalte. So entschloß er sich, "diesem Mangel zu entgegnen". Bevor er sich an die Vertonung der Reizleitung in Nervenzellen, des Periodensystems der Elemente und der Bewegung astronomischer Objekte begibt, hat er noch ein anderes Projekt: "Einer meiner größten Wünsche für die nächste Zeit ist es, eine Oper zu schreiben - dann aber zunächst von einer konventionellen literarischen Vorlage."