In den nassen kalten Tagen, die der Winter sich vom Frühling stiehlt, kam ein Zirkus in die kleine Stadt. Einst war er sehr berühmt und hieß nach seinem Gründer SARASANI. Die Zeiten wurden schlechter, denn sie besserten sich und verwöhnten die Menschen mit raffinierteren Vergnügen, als ein paar Gaukler und Tiere zu bereiten vermöchten. Da litt der Zirkus Not, verkürzte seinen Namen zu SARANI und reiste in Demut fern der großen Straßen, bescheidene Städte zu suchen mit schlichten Bewohnern. So fand er, so finden wir Liebenwerda im südlichen Zipfel von Brandenburg.

Bad Liebenwerda müssen wir seit 1925 sagen. Das Eisenmoorbad, 1905 eröffnet, machte die namenlose Kreis- und Ackerbürgerstadt zum Wallfahrtsort der Rheumakranken. Man liegt so schön abseits zwischen Elbe und Schwarzer Elster. Das Klima ist milde, und nur selten klopfte hier die Weltgeschichte an. 1634 erschienen die Schweden und ermordeten den Bürgermeister Elias Borßdorff, der ihnen die Stadtkasse verweigert hatte. Im Januar 1813 durchzogen Reste der geschlagenen Großen Armee die Stadt. Sachsen büßte seine napoleonische Kollaboration auf Spruch des Wiener Kongresses mit Gebietsverlusten, und Liebenwerda mußte preußisch werden. 1882 begründete Robert Reiss seine nachmals weltberühmte Zeichenmittelfirma, die heute Büromöbel fabriziert. 1894 schlug der Blitz in den Turm von St. Nikolai. 1914 landete zum Heimatfest das Luftschiff Sachsen. 1992 landete Detlev Leissner. Die Welt ist eine andere seither.

Leissner, Jahrgang 1955, gebürtig aus Marl in Westfalen, war früh der CDU, sodann der SPD gehörig und arbeitete im Wissenschaftszentrum der Düsseldorfer Staatskanzlei, als ihn das Gestaltungsfieber Aufbau Ost befiel. Er schied gen Wildnis, wohlversehen mit dem Geleitwort seines Chefs Johannes Rau: "Viel Spaß im adventureland!" Zunächst erteilte er in Sachsen Unterricht für den Höheren Dienst. Als Bad Liebenwerda einen Bürgermeister suchte, bewarb er sich, präsentierte fulminante Visionen unter dem donnernden Titel KURSTADT 2000 und erzeugte damit das dem Brandenburger mögliche Höchstmaß an Begeisterung. Ohne Gegenkandidaten ließ er sich zum Bürgermeister küren. Seit dem 1. Februar 1993 führt er die Stadt, deren 12 000 Bewohner ihn im Dezember desselben Jahres in Direktwahl bestätigten: siebzig Prozent für acht Jahre Leissner.

Der Mann hat jenes dritte Auge, welches unablässig in die Zukunft schaut. Wir leihen es kurz aus: Da! Es gründet, wühlt und wienert überall. Leissner putzt die Stadt heraus. Er baut Hotels. Er zieht ein Kongreßzentrum hoch. Das "Haus des Gastes" gleißt mondän. Ganz baff zeigt sich der ambulante Kurgast ob all der heilsamen Lustbarkeit. Ein sensationelles Spaß-Bad ist entstanden für dreißig Millionen, zu neunzig Prozent gefördert vom Land Brandenburg, das der Stadt auch eine seiner drei Spielbank-Lizenzen überließ. Der Rubel rollt. Der Rubel? Westeuropa strömt. "Der Bürgermeister von Bad Liebenwerda: Mit ihm kamen Geld und Glück", so hatte der Berliner Kurier schon am 2. Januar 1994 prophetisch ausgerufen und den Gepriesenen zitiert: "Hier kann man sich noch Denkmale bauen."

Als die beseligten Bürger Leissner endlich derart ehren, anläßlich seiner triumphalen Wiederwahl im Jahre 2001, da erinnern nur die alten Photos an den windigen, verregneten April 95, da Liebenwerda noch ein Nest war, das sich selbst genügte. Guck doch mal, die alten Frauen beim Schwatz am Barbarabrunnen. Schau, die Trabis, die herrliche Werbung (Auf mit Fleisch in den Frühling!), die behäbigen Radlerinnen mit den dicken Einkaufsbeuteln am Lenker, mummelig gewandet in die unverweslichen Anoraks Made in GDR. Siehe die Männer - sind sie dreißig? Sind sie sechzig? - mit den schrotigen Landgesichtern unterm Lederhütchen, das man flüchtig anhob, wenn man grüßte, und man grüßte oft.

Damals stand auch noch die Imbißbude an St. Nikolai, wo die Arbeitslosen ihre Zeit vertranken. Markt und Rathaus waren schon gemacht, die Platanen frisch gestutzt, doch im Gasthof "Weißes Roß" hatten die Zimmer 1995 noch kein Telephon. Uhrmachermeister Watzke reparierte kleinere Übel für zwofünfundsiebzig, in "Gabi`s Tagescafé" wurde für einsfuffzig aufgebrüht, und im "Goldenen Stern", heute ja Gourmet-Erlebniscenter, aß man Leber mit Sauerkraut, die rustikale Großportion zu sieben Mark achtzig, und lauschte den eingeborenen Zechern, die - ein Mann, ein Tisch - quer durchs Lokal kommunizierten.

Na, heute keine Zigarre?