Frankreich hat gewählt - der Neogaullist Jacques Chirac siegte im zweiten Wahlgang über den Sozialisten Lionel Jospin. Doch was stand zur Wahl? Was bedeutet diese Entscheidung in unserem wichtigsten Nachbarland für uns - und für Europa? Von der Europäischen Union ist während der Kampagne kaum die Rede gewesen, von Deutschland so gut wie gar nicht. Allerdings sehen viele Franzosen die EU mit erheblicher Skepsis oder gar mit Abneigung. Und in der Tat sehen viele Franzosen auch die zukünftige Rolle und Bedeutung Deutschlands mit Besorgnis.

Wenn diese Themen im Wahlkampf trotzdem keine Rolle spielten, dann deswegen, weil die politische Klasse auf diesem Felde weithin einer Meinung ist; so hatte die Nationalversammlung Maastricht mit überwältigender Mehrheit ratifiziert. Aus diesem Konsens brechen - von den radikalen Parteien abgesehen - nur Teile von Chiracs Partei Rassemblement pour la République (RPR) aus.

Der am vorigen Sonntag zum Nachfolger Mitterrands gewählte Jacques Chirac selber hat sich 1992 zu Maastricht bekannt. Er hat seither seine positive Meinung zur Europäischen Union nicht revidiert. Allerdings hat er im Wahlkampf - ähnlich wie Jospin - nur zurückhaltend über die Zukunft der EU gesprochen; angesichts der Meinungsverschiedenheiten innerhalb seiner Partei konnte man sich darüber nicht wundern.

Chirac ist nicht mehr der bulldozer, als der er in den siebziger Jahren galt, sondern ein ausgereifter, ziemlich ausgeglichener Politiker rechts von der Mitte. Wer ihn während der letzten Jahre in internationaler Umgebung getroffen hat, dem gefiel die Weltläufigkeit, die ihm zugewachsen ist - und übrigens auch sein Kunstverständnis. Dabei eignet ihm immer noch eine große Energie - trotzdem hat er eine Fähigkeit zur Kooperation entwickelt, die man zwanzig Jahre früher nicht erwartet hätte. Wir Deutschen sollten also dem neuen Präsidenten Frankreichs mit Offenheit und ohne innere Vorbehalte entgegentreten.

Es lohnt sich kaum, Chiracs Wahlkampfreden zu analysieren; das gilt selbst für seine variierenden Ankündigungen eines neuen Referendums über zukünftige institutionelle Veränderungen im Rahmen der EU. Viel aufschlußreicher ist es, einen Blick auf die europäischen Grundhaltungen aller französischen Präsidenten zu werfen. Als Charles de Gaulle 1958 ein zweites Mal an die Spitze Frankreichs trat, war er ein auf die Rolle Frankreichs fixierter, wenn auch aufgeklärter Nationalist. Er hat den Beitritt Englands zur EWG abgelehnt; aber im Januar 1963 schloß er den Elysée-Vertrag mit Adenauer.

Pompidou, lange Jahre de Gaulles Premierminister, hob als Präsident Ende 1970 de Gaulles Veto gegen Englands Beitritt auf. Präsident Giscard d`Estaing trat 1974 sogleich als tatkräftiger und zielbewußter Europäer auf; die "Achse Paris-Bonn" setzte innerhalb von sieben Jahren eine Reihe von Fortschritten innerhalb der EG durch, darunter das Europäische Währungssystem.

Präsident Mitterrand begann 1981 mit einer Koalitionsregierung, die auch die Kommunisten einschloß. Schon nach zwei Jahren löste sich Mitterrand von seiner links-sozialistischen Politik, und gegenüber Deutschland und der EG trat er nunmehr in die Fußstapfen Giscards. Mitterrand versuchte 1989/90, der deutschen Vereinigung entgegenzuwirken. Als dies vergeblich blieb, kehrte er alsbald zur Zusammenarbeit mit Bonn zurück (wobei der vornehmlich von Bonn plakatierten "Männerfreundschaft" eher suggestive Absichten zugrunde lagen). Mitterrand gibt nun sein Amt würdevoll ab; er reicht zugleich eine deutschlandpolitische Position weiter, die der französischen Tradition seit dreißig Jahren entspricht.