Ein junger Mann, Anzug mit Weste und Krawatte, Brille, schaut aus einem ins Fensterglas geschnittenen Loch. Ein seltsames Portrait, kühn, kurios und korrekt zugleich. Heinz Berggruen, der sich, 25 Jahre alt, so von John Gutman 1939 in San Francisco photographieren ließ, war zwei Jahre zuvor mit einem Stipendium zum Studium der Kunstgeschichte von Berlin an die Universität Berkeley gekommen. Wenn man Heinz Berggruen heute trifft, zum Beispiel bei einem seiner längeren Besuche in seiner Heimatstadt Berlin, dann erinnert man sich an dieses frühe Photo, das am Anfang einer Lebensgeschichte steht. Heinz Berggruen hat nie gewartet, bis ein Fenster sich öffnete. Aber er ist auch nie mit dem Kopf durch die Wand gegangen.

Berggruens Kunstbesitz gilt als eine der schönsten und kostbarsten Privatsammlungen der klassischen Moderne. Seurat, Cézanne, van Gogh, Klee, Picasso und Giacometti sind hier die Namen kapitaler Einzelgänger, die sich aber nicht zu einem Kunstgeschichtskapitel addieren und, als der Kunsthändler Berggruen sie kaufte, auch keine peintres maudits waren. Seit 1991 sind diese Bilder in der Londoner National Gallery zu sehen, der Leihvertrag mit dem Besitzer läuft über fünf Jahre. Wolf-Dieter Dube, dem Generaldirektor der Berliner Museen Preußischer Kulturbesitz, ist es nun gelungen, diese Bilder nach Berlin zu lenken. Ab 1996 sollen sie dort zu sehen sein, der Leihvertrag ist auf zunächst zehn Jahre begrenzt.

Der ganze Seurat-Komplex, nicht zuletzt wegen der Zweitfassung des Bildes "Les Poseuses" und einer Studie zu "La Grande Jatte" ein besonderer Schwerpunkt der Sammlung, kommt nicht nach Berlin. Schade. Man wolle, sagt Dube, das traditionell gute Einverständnis mit den Kollegen in London nicht trüben. Man kann es auch so sehen: Ein großer Sammler muß notwendigerweise eines Tages auch zum Sammlungspolitiker werden, der sich ständig zwischen Kunst und Steuer, Gabe und Leihgabe, Europa und Amerika, Familie und Lust auf Ewigkeit bewegt. Mal so, mal so. Im Jahr 1984 hat Berggruen 90 Arbeiten von Paul Klee dem Metropolitan Museum in New York geschenkt, 26 sind in den Besitz des Musée national d`art moderne in Paris gegangen.

Mit Klee hatte alles angefangen. Heinz Berggruen hat, wie er selbst sagt, eine glückliche Kindheit in Berlin verlebt, war nach einem zweijährigen Studium der Kunstgeschichte in Toulouse nach Hause zurückgekehrt, schrieb kleine Feuilletons für die Frankfurter Zeitung und ging 1937 freiwillig und ohne böse Ahnungen nach Amerika. Er schrieb für den San Francisco Chronicle, arbeitete als Assistent des San Francisco Museum of Art, wurde amerikanischer Staatsbürger, heiratete und kaufte auf der Hochzeitsreise ein Aquarell von Paul Klee, das "Perspektiv Spuk" hieß und ihn in seiner zierlichen Bedrohlichkeit an die Novellen von Franz Kafka erinnerte. Im Jahr 1941 kam Berggruen wieder nach Europa zurück, als Mitglied der US Army. In München gab er nach dem Krieg die Zeitschrift Heute mit heraus. Dann ging er nach Paris, wo er, inzwischen wieder mit einem deutschen Paß versehen, auch heute noch lebt. Er war dort als Kunstexperte der Unesco tätig, was ihn aber bald langweilte.

Er wurde Kunsthändler, und zwar geschah das so: "Im Buchladen Quatre Chemins hatte ich gute Freunde, reizende Russen. Sie mochten mich, weil sie wußten, wie sehr ich in Druckgraphik vernarrt war. Eines Tages zeigten sie mir ein Portfolio mit Lithographien von Toulouse-Lautrec, das Album Elle. Irgendwie gelang es mir, die 6000 Franc zusammenzubekommen, die sie dafür haben wollten. Aber die Mappe war zu voluminös, um sie mitzunehmen, und ich ließ sie dort. Sechs Monate später sah der große Lautrec-Sammler Ludwig Charell die Suite und bot mir den doppelten Preis. Wie konnte ich widerstehen? Von da an ging der Handel wie `s Schneeballwerfen."

Die erste kleine, vorwiegend auf Druckgraphik spezialisierte Galerie hatte Berggruen an der Place Dauphine. Die surrealistischen Dichter Eluard, Breton, Aragon und Tristan Tzara wurden seine Freunde, die ihn wiederum mit Picasso und Miró bekannt machten. Die Eröffnungsausstellung, 1948, war Paul Klee gewidmet, es war das erste Mal, daß überhaupt Klee-Graphik in Paris gezeigt wurde. Im Jahr 1950 zog Berggruen um in die Rue de l`Université, die erste Ausstellung hier war Picasso, und was ihn besonders glücklich machte, war, daß der von ihm am meisten bewunderte lebende Künstler seine Liebe zu Klee teilte.

"Es war damals alles sehr leicht", sagt Berggruen heute, wenn er von den fünfziger und sechziger Jahren spricht, in denen es nur wenige Galerien, keine Kunstmärkte und keine neureichen Spekulanten gab, in denen man kein Hellseher sein, wohl aber ein gutes Auge, einen sicheren Spürsinn und eine kommerzielle Schlagfertigkeit haben mußte, um zur rechten Zeit einen Picasso zu kaufen, einen Klee zu tauschen, einen van Gogh zu verkaufen, eine Zeichnung auf den Preis draufzugeben oder umgekehrt. Und zum Schluß, das heißt nach gut 30 Jahren als Galerist (Berggruen übergab die Galerie 1980 seinem Partner) und rund 45 Jahren des hellwachen Sammelns, Handelns und ständigen upgrading ist eine Sammlung der klassischen Moderne für den Hausgebrauch zusammengekommen, die Museumsrang hat und ein paar 100 Millionen Mark wert ist. Daß Berggruen kein kühner, wohl aber ein kluger Sammler war, wird sehr deutlich in der National Gallery, wo man für Seurat, Cézanne, Braque und Picasso mühelos Partner in den eigenen Beständen gefunden hat (zum Beispiel Rubens, Poussin, Holbein und Murillo).