Golo Mann war die Monographie über Friedrich von Gentz die liebste seiner zahlreichen historischen Schriften.Vielleicht, weil es die erste war, mit der er an die Öffentlichkeit trat - Ergebnis einer Arbeit im schweizerischen, französischen und amerikanischen Exil der Jahre von 1936 bis 1941, vielleicht auch, weil sie die Anerkennung des gestrengen Vaters fand, nachdem Thomas Mann in der New York Times eine lobende Rezension der amerikanischen Erstausgabe gelesen hatte.Vor allem aber hatte Golo Mann mit seinem "Gentz" zum ersten Male seine historiographische Überzeugung verwirklicht, an der er fortan festhielt und die ihm von der akademischen Geschichtswissenschaft als literarisch verwiesen wurde. Warum aber wurde die 1947 in der Schweiz erschienene deutsche Ausgabe erst jetzt wieder aufgelegt?Das Werk des 32jährigen ist in jeder Hinsicht durchaus neben seinen "Wallenstein" zu stellen.Im Vorwort der ersten deutschen Ausgabe (datiert: "Pacific Palisades, Kalifornien, im Dezember 1946") allerdings machte der Autor gegen sein Buch selber Bedenken geltend, die im Satz gipfeln: "Vielleicht würde ich es [heute] überhaupt nicht mehr schreiben." Dahinter staken indes weniger formale oder inhaltliche Zweifel.Golo Mann hatte vielmehr kein Vertrauen in das Verständnis seiner Zeitgenossen für seine Arbeit.Es hatte eine Nachkriegszeit begonnen, in der es schwerfallen mochte, den Vergleich nachzuvollziehen, den der Autor zwischen seiner "Geschichte der frühesten modernen Weltkrise" von der Französischen Revolution bis zu Napoleons Sturz unausgesprochen mit der Gegenwart Europas in den Jahren Hitlers aufscheinen läßt.Hatte Golo M ann nun Leser im Sinn, die so urteilten, wie er es dem jungen Gentz zuschrieb: "Wie war doch alles, was man schrieb, so ungenügend, so ohnmächtig gegenüber dem Labyrinth des Wirklichen!Woher nahm man das Recht, in der Weltgeschichte Moralität zu suchen, das Geschehende an einigen persönlichen Vorurteilen zu messen?War es nicht immer in der Welt so böse zugegangen wie heutzutage?" In seinem Vorwort von 1946 hat Golo Mann der Geschichtsschreibung die Aufgabe zugewiesen, zum Verständnis der Gegenwart wenigstens indirekt einen Beitrag zu liefern, und hinzugefügt, auf andere Weise hätte er sich in jenen Jahren der Figur von Gentz gar nicht nähern können.Wähnte er nun, da sich nach Jalta eine erneute historische Zäsur für Europa abzeichnete, sein "Gentz"-Beitrag zum Verständnis der Gegenwart sei obsolet oder unverständlich geworden? Wir können Golo Mann seit einem Jahr nicht mehr danach fragen.Doch können wir heute mit Bestimmtheit sagen, daß sein Buch nach dem weltpolitischen Epochenbruch der neunziger Jahre zum Verständnis unserer und künftiger Tage Europas wieder einen, sogar höchst aktuellen, Beitrag liefert. Denn jedes gute und bedeutsame Buch behält seine Wirkung.Können wir nicht heute erneut bestätigen, was Golo Mann über Friedrich von Gentz feststellte: "Eine Lebensgeschichte wie die seine läßt die Sackgasse erkennen, auf die die Alte Welt sich seit Napoleons Sturz hinbewegte"?Die Sackgasse war 1946 sowenig ausgeschritten wie heute für Europa das Ende der Geschichte in Sicht ist. Golo Mann wollte Friedrich von Gentz mit seiner Biographie dem Vergessen entreißen.Dem nach einem halben Jahrhundert wieder aufgelegten Buch über diesen wahren europäischen Politiker des frühen 19.Jahrhunderts könnte das gelingen.Die vom persönlichen Blickpunkt einer Schlüsselfigur her erzählte Krise Europas im Auf- und Umbruch zur Moderne ist eine so faszinierende wie lehrreiche Lektüre.Ein Golo-Mann-Wort abgewandelt ließe sich sagen, daß am Ende nur erstaunt, wie bei so radikalem Unterschied v on Zeit und Personen wichtige politische Grundkonstanten unverändert geblieben sind.Warum also das Buch nicht auch im Sinne einer vergleichenden Zeitbeschreibung lesen, da doch von Plutarch bis Bullock auch die vergleichende Lebensbeschreibung ihre L eser gefunden hat? Die Versuche einer Neuordnung Europas zwischen 1792 und 1815 verdienen wahrlich angesichts der Entwürfe seither bis hin zum mühsamen Weg nach Maastricht in unseren Tagen neue Aufmerksamkeit. Die "Geschichte eines europäischen Staatsmannes" (so der ursprünglich treffende Untertitel des Buches) erzählt, wie der erst preußische, dann österreichische Beamte Friedrich von Gentz ein deutsches Nationalbewußtsein befürwortete, aber ein großes Deutschland als Gefahr für das europäische Gleichgewicht fürchtete: "Niemand könnte dann hindern, daß Deutschland, als Deutschland, auch ein erobernder Staat würde, was kein guter Deutscher wollen kann."Die Geschichte sollte ihm recht geben. Wie ist die Politik des Gleichgewichts, deren Verkünder Gentz war, für Europa heute zu formulieren?Wie sähe Golo Mann die Aussichten des europäischen Einigungsprozesses angesichts der nationalen Töne, die nicht nur auf der Straße zu hören sind, sondern sich auch auf unübersehbare neokonservative Strömungen in unserer Gesellschaft berufen könnten?Sähe Golo Mann heute die Forderung seines Gentz als erfüllt an, ein deutscher Politiker müsse zugleich ein europäischer sein, verantwortlich f ür die Freiheit Europas von jeder, auch von deutscher Überzeugung?Hatte der geschichtsbewußte François Mitterrand möglicherweise beim letzten Staatsbesuch in der untergehenden DDR Talleyrand im Sinn?Der schrieb vom Wiener Kongreß aus nach Paris über die "Germanomanen" der deutschen Einheitsbewegung: "Deutsche Einheit, das ist ihr Schrei, ihre Doktrin, ihre Religion, die sie mit wahrem Fanatismus bekennen . . .Wer kann die Folgen berechnen, wenn eine Masse wie die deutsche zu einem Ganz en gemischt, aggressiv würde?Wer kann sagen, wo eine solche Bewegung haltmachen würde?"Nachzulesen bei Golo Mann. Die nach einem halben Jahrhundert wieder aufgelegte Biographie erzählt das Leben des Sekretärs Europas, einer Schlüsselfigur nicht nur des Wiener Kongresses.Golo Mann wollte Friedrich von Gentz dem Vergessen entreißen: den Schüler Immanuel Kants, von dem er die Kunst zu denken und Fragen zu stellen lernt; den Star im Salon der Rahel Lewin; den Adepten und Übersetzer Edmund Burkes; den Gesprächspartner von Goethe, mit dem er sich nicht, und von Schiller, mit dem er sich gut versteht; den politisc hen Publizisten und brillanten Stilisten, der zum Chefdiplomaten Europas wird; den Beamten in preußischen und österreichischen Diensten; den von verschiedenen Regierungen Europas als schärfster intellektueller Kritiker Napoleons bezahlten Agenten; de n politisch Weisen, der am Ende auch Napoleons Größe anerkennt.Und auch: den Lebemann in zeitgemäßer Bedenkenlosigkeit, der in seinen letzten Lebenstagen einer rührenden Liebe zu Fanny Elßler verfällt.Golo Mann sieht Friedrich von Gentz vor allem als "größten politischen Schriftsteller in deutscher Sprache" - ein "Poet, den echte Leidenschaft in die Politik getrieben hatte".Und: "Er spiegelte seine Zeit durch sein Leben."Das macht die Gentz-Monographie zum so farbigen wie breiten Gemälde einer Zeit im Umbruch vom Rokoko zur Moderne. Kein Zweifel, als Golo Mann sein Buch schrieb, sah er Europa am Ende jener Sackgasse, in die hinein es sich seit Napoleons Sturz bewegt hatte.Wer sich in jene Jahre zurückversetzen kann, erkennt hinter der Schilderung der Napoleonischen Kriege unschwer die Schatten der Zeit vor und nach Beginn des Zweiten Weltkrieges.Der Verfasser hätte dazu so auffälliger Stilmittel wie der Kennzeichnung des preußischen Kabinettsrats Lombard als "Erzappeaser" gar nicht bedurft.Es mögen jene Parallel en sein, bei denen Golo Mann wohl nach 1947 mit dem Unverständnis seiner Leser rechnete.Im fünfzigsten Jahr der Befreiung Europas von Hitler lesen sie sich, das ist das mindeste zu sagen, faszinierend.Und erkennt der Leser nicht sogar wie in ei nem alten halbblinden Spiegel im Bilde von Gentz manche Züge seines Biographen?Hat dieser nicht, wie jener bei Kant, bei Jaspers die Kunst zu denken und Fragen zu stellen gelernt?Äußert sich nicht Golo Manns eigener Impetus, wenn er vom jungen Gentz und seiner Besessenheit von der Historie schreibt: "Denn das Reich des Vergangenen liegt wohlgeordnet vor ihm, und in ihm erobert er sich die Begriffe, mit denen er später, allmählich, das Chaos der Gegenwart ordnen lernt"? Der Leser hat die Freiheit, das Buch auf diese Weise - auch - zwischen den Zeilen zu lesen, ohne es damit zur Biographie romancée zu machen.Denn die sollte es nach des Autors Willen nicht sein.Selbstbewußt und zutreffend, wie der umfängliche (von den Herausgebern der Neuausgabe ergänzte bibliographische) Apparat bekundet, wies er derartige Vermutungen zurück: "Das Buch ist nach den Quellen gearbeitet."(In diesem Zusammenhang ein Wort zur verdienstvollen Neuausgabe: Wer sie "gründlich durchgesehe n" hat und wie das geschehen ist, wird nicht mitgeteilt.Prinz Heinrich jedenfalls, der Bruder des preußischen Königs Friedrich II., bleibt wie in der amerikanischen Ausgabe von Yale Prinz Henry.Und warum ein neuer, vermutlich von modisch überspitztem Verlagsmarketing diktierter Untertitel jenen der Erstausgabe ersetzen mußte, bleibt auch fragwürdig.)Außer den Schatten jener Gegenwart vor einem halben Jahrhundert hinter der Erzählung vom Leben des Friedrich von Gentz und seiner Zeit vermittelt di e Lektüre dem heutigen Leser noch einigen Stoff zur Nachdenklichkeit, den der Autor nicht im Sinn haben konnte, ihm die Zustimmung zur Neuauflage seines Buchs indes sicherlich erleichtert hätte.Denn wiederholt sich Geschichte nicht abermals, erweist sich nicht auch heute manches als politische Konstante, was im "Gentz" etwa so zu lesen ist: "Rußland war im Grunde keine europäische Macht . . .Europas Raum war nicht sein Raum.Europas Kultur nicht seine"?Die "Heilige Allianz" als Ergebnis des Wiener Kongresses sah sein Sekretär als einen Machtvertrag zwischen Europa und Asien. Das Faszinosum der von Golo Mann erzählten Geschichte liegt in ihrem Helden, in ihrem Stoff und in seinen unausgesprochenen wie neu hinzuzudenkenden Vergleichen, die der Leser unseres ausgehenden Säkulums in die Zukunft fortschreiben kann. Am Ende vergleicht der Historiker und Literat Golo Mann noch einmal seinen Friedrich von Gentz mit Heinrich Heine, "begnadete Schriftsteller" beide: "Der eine war ein Konservativer mit einer Schwäche für die Revolution, der andere ein Revolutionär mit einer Schwäche für die Konservativen.Beider Zweifel in sich selbst kam aus tiefen geschichtlichen Ahnungen, besonders aber aus der Kenntnis des Volks, dem anzugehören sie das Unglück hatten." Der Vergleich ließe sich erweitern: Was Golo Mann von Gentz bekundet, ließe sich heute über ihn selbst sagen, über sein Leben im 20.Jahrhundert, das nach 85 Jahren am 7.April 1994 endete. Golo Mann: Friedrich von Gentz Gegenspieler Napoleons, Vordenker Europas; S.Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 1995; 400 S., 48,- DM