Eine Woche in Deutschland

Dienstag, 2. Mai

Und der Tag danach, nach dem 8. Mai, der seit Wochen wie mit einem gewaltigen Spotlight aufgehellt wird, wie wird er aussehen und was wird weiterklingen? So viele Worte, Bilder, Filme, Mediengedenken, daraus erwächst allmählich ein leiser Zweifel, ob Stillesein nicht doch besser wäre.

In Dachau, zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers, hat Edmund Stoiber versichert, es gebe keinen Weg, "unter dieses dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte einen Schlußstrich zu ziehen". Sein ganz großer Vorgänger, Strauß, der Titan, wollte noch so gerne aus dem Schatten der Geschichte heraus. Würde er Stoiber jetzt einen Sühnedeutschen schimpfen?

Blitzblanker Himmel über Deutschland, blitzblankes Erinnerungsvokabular. Allerdings melden die Agenturen gerade aus Prag, Roman Herzog habe im Gespräch mit Václav Havel ausdrücklich bedauert, daß noch immer keine Entschädigungsregelung für tschechische Naziopfer gefunden sei. Stoibers CSU legt sich quer.

Donnerstag, 4. Mai Jorge Semprun spricht in Köln. Die SPD hat in die Oper eingeladen, um mit ihm, mit Jacques Delors und Bürgermeistern aus ganz Europa über den 8. Mai nachzudenken. Die Schwäche der europäischen Demokratie sei es gewesen, sagt Semprun, daß so viele sie als formal gebrandmarkt hätten. Die Befreiung von Auschwitz, sagt er, sei aus einem Land gekommen, in dem der Archipel Gulag noch aktiv war. Die Totalitarismen Europas klagt er gemeinsam an.

Der Schriftsteller und Widerstandskämpfer, der das KZ in Buchenwald überlebte, nennt heute die"definitive Konsolidierung der deutschen Demokratie" eine der größten Reformen der Geschichte. Nicht nur das Bild berührt, das er von Deutschland zeichnet. Vor allem nimmt man die Frage mit, wie es kommt, daß man einigen Stimmen ruhig zuhören kann, wenn sie an ein deutsches Tabu rühren oder einen Konsens in Frage stellen, der in fünfzig Jahren gewachsen ist, in diesem Fall also den über die "Einmaligkeit" des Zivilisationsbruches von Auschwitz. Während andere einem doch mit ihren Relativierungsthesen und Berechnungen über die Greueltaten der Nachbarn sowie die wahren Ursprünge des Nationalsozialismus die Zornesröte ins Gesicht treiben.

Daß 1989 für manche im Osten Europas eine ebenso große Zäsur darstellt wie für unsereins das Jahr 1945, daß auch der Schrecken der europäischen Diktaturen verglichen wird, damit wird man erst noch umgehen lernen müssen. Wieder auf etwas anderes deutet das Beispiel Jorge Sempruns hin. Man lese dazu sein jüngstes Buch "Schreiben oder leben". Die Augen gehen über bei der Lektüre. Ein wunderbares wahres Lebensbuch hat Semprun daraus gemacht. Die Jahre in Buchenwald, am Ettersberg über Weimar. Geschrieben von einem, der sich als der "Überlebende vom Dienst" bezeichnet und irgendwo einmal fragt, weshalb die amerikanischen Befreier an ihm, dem KZ-Häftling, am liebsten vorbeisehen wollten, im April 1945. Bis er sich die Antwort gibt: Er habe eben den Tod "durchlaufen". Das hätten sie gesehen, aber nicht sehen oder nicht glauben wollen. Jetzt, setzt Semprun hinzu, war ich "unsterblich". Er vergleicht Buchenwald und Katyn, Auschwitz und den Gulag, weil es sein Leben ist, frei von jeder instrumentellen Absicht.

Eine Woche in Deutschland

Es gibt so viel Beruhigendes. Achtzig Prozent der Befragten, versichern die Demoskopen, sprechen heute vom 8. Mai als Tag der Befreiung. Der Spiegel schwärmt enthusiastisch über das historische Interesse der Jugendlichen und die bewältigte Vergangenheit, und die New York Times berichtet beruhigt über "eine neue Phase in Deutschlands psychologischer Geschichte", ein Klima voller Ehrlichkeit. Es klingt so, als seien das Berichte über eine Wirklichkeit für sich, die mit der anderen Wirklichkeit, mit Anschlägen auf Fremde, mit Wiedergutmachung oder der Haltung zu Wehrmachtsdeserteuren nichts zu tun hat.

Diese Erinnerungswirklichkeit scheint so schön glatt, und zugleich hat sie eine Spur von Unehrlichkeit. Wie soll man es sonst nennen, wenn man einmal ernsthaft die Geschichte rekapitulieren wollte, wie Wolfgang Schäuble zunächst die Parteirechte (Alfred Dregger, Steffen Heitmann) erfolgreich bedrängt hat, zum 8.-Mai-Aufruf der Jungkonservativen auf Distanz zu gehen, um dann auf die Frage eines Interviewers, warum er bei so viel Verständnis für den umstrittenen Aufruf diesen nicht unterschrieben habe, in RTL lustig zu erwidern: "Ehrlich gesagt, ich bin gar nicht gefragt worden."?

Samstag, 6. Mai In Dresden haben sich vor dem Schloß junge Europäer aus Ost und West versammelt. Die SPD hat eingeladen zu einem europäischen Fest. Auch diese Idee ist nicht falsch. Wenn sie gefragt werden, ringen die jungen Gäste sich redlich etwas ab über ihre Gefühle, fünfzig Jahre danach. Aber sie haben so viel gar nicht auf dem Herzen, weil ein Umgang untereinander, ohne Anklage, längst ziemlich alltäglich geworden ist.

Dresden: Auf zweierlei Fassaden trifft man, einmal auf die Tristesse aus den SED-Jahren, mit der die Vergangenheit zugebaut worden ist, und dann auf die teuren und edlen neuen Fassaden, auch die restaurierte alte Pracht. Ein bißchen wird es dort bald so aussehen, als wäre vor fünfzig Jahren kein Feuersturm darüber hinweggefegt.

Wir haben uns 1989 selbst befreit, sagt einer der Dresdner Politiker. Es stimme nicht, daß erst die Einheit die Freiheit gebracht habe. Ist das die ganze Wahrheit? Der Züricher Historiker Jörg Fisch hat mit seinem Einwand gegen das formelhafte Benutzen des Begriffs "Befreiung" schon recht: Wer derart laut darauf beharre, die Deutschen seien 1945 befreit worden, schreibt er, "behauptet zugleich, die Deutschen" seien "in ihrer übergroßen Mehrheit nicht Täter, sondern Opfer gewesen" (Süddeutsche Zeitung).

Sonntag, 7. Mai Die Intellektuellen suchen Deutschlands Standort in der Paulskirche, wie sich das gehört. Heute, sagt Jürgen Habermas, feierten wir den 8. Mai - anders als die Zeitgenossen 1945 - als Tag der Wende zum Besseren. Aber dem Wort von der Befreiung dürfe heute nicht der "Subtext" untergeschoben werden, im großen Weltbürgerkrieg immer auf der richtigen Seite gestanden zu haben. Zugleich aber, man meint es herauszuspüren, tritt Habermas nicht als Ankläger auf, weil er mit dem Verlauf der Selbstverständnisdebatte auch zufrieden ist.

Obsiegt haben auch nicht jene, die den entstandenen Konsens aufkündigen und die alte Bundesrepublik zu einem Sonderweg erklären wollten. Oder die anderen, die meinen, 1989 sei die 1917 entgleiste Normalgeschichte in ihre Gleise zurückgesprungen. Habermas verteidigt - darin konservativ - das Gespür für die "Dialektik der Normalität in der alten Bundesrepublik". Und einer kommenden Berliner Republik wünscht er, sie solle statt "klirrender Entscheidungen" von dort aus lieber in Straßburg und Brüssel Mehrheiten gewinnen. Sein Denken kreist um Deutschland. Auf Anfragen der Intellektuellen aus dem Osten, die Vergangenheit im Lichte von 1989 betreffend, läßt er sich nicht lange ein.

Eine Woche in Deutschland

Am Tisch der Professoren Christian Meier, Hans Mommsen, Karl-Heinz Bohrer, der Schriftstellerin Monika Maron herrscht nicht Konsens, aber auch nicht wirklich Dissens. Bohrer findet, die nationalstaatliche Realität lasse sich nicht einfach auf den Index setzen, und Habermas hält dagegen, es sei eben ein Faktum, daß die Welt nur noch Territorien kenne, "auf denen ganz verschiedene Leute wohnen". Bohrer wünscht sich eine Mehrheitskultur, Habermas empfiehlt, den Zusammenhalt um Verfassung und Demokratie zu gruppieren. Da verlaufen also kleine Bruchlinien. Aber sie alle eint die Ansicht, daß die Welt auch nach 1989 "nur über 1945" zu definieren sei. Insofern bleibt ein Grundkonsens.

Am Abend wird in Berlin das Centrum Judaicum eingeweiht, neben der neuen Synagoge. Die 3000 Gäste, darunter auch der alte, weise Josef Burg aus Jerusalem, der die Hauptrede hält, werden besonders streng bewacht. In der Nacht zuvor gab es den Anschlag auf die Synagoge in Lübeck, der zweite innerhalb von fünfzehn Monaten. Die Bundesanwaltschaft setzt eine Belohnung von insgesamt 100 000 Mark aus.

Montag, 8. Mai Das ist der Gipfel, auch der Gipfel eines Medienereignisses. Sehr viel Richtiges und Wichtiges hat man gehört und gelesen, wenig Verdrängung, viel Europabekenntnisse. Und sehr wenig Politik.

Manches hat fünfzig Jahre gebraucht, vielleicht geht es nicht anders: Die Schweiz entschuldigt sich erstmals offiziell, die Grenzen gegen jüdische Flüchtlinge dichtgemacht zu haben, aus Angst vor der Angst vor den Fremden. Polen ist nach fünfzig Jahren beim großen Staatsakt im Konzertsaal am Berliner Gendarmenmarkt nicht dabei. Polen, klagt Lech Walesa im Sejm, hätten an allen Fronten gekämpft. Das Land sei dann 1945 allein gelassen worden, jetzt auch. Vielleicht, weil sie allein bei den Siegern stehen wollten, haben Bonner Politiker mitgewirkt dabei, sie haben nicht einfach Politikverzicht geleistet.

Vaclav Klaus, der tschechische Regierungschef, bittet um Entschuldigung für die Vertreibung. Er war es, der bisher ganz hart blieb, unnachgiebiger als Havel. Jetzt liefert Klaus, nicht der tschechische Präsident, das versöhnliche Echo auf Roman Herzog. Noch wo sie bitter klingen, die Stimmen der Nachbarn, besonders diese Stimme aus Prag, klingen sie doch auch beschämend souverän.

Mitterrands Stimme zählt - wie die Jorge Sempruns - zu den bewegendsten dieser Tage Roman Herzog hat mit seiner Rede im Berliner Konzerthaus, von der gesagt wird, er habe sie ganz alleine geschrieben, und entsprechend authentisch klang sie auch, einen Mosaikstein zum Schluß geliefert, der das Gesamtbild noch einmal abrundet. Er hat nichts Aufreibendes, aber viel Anständiges gesagt, mit den nötigen Akzenten. Heuss und Weizsäcker, so Roman Herzog, hätten sich zum 8. Mai eigentlich abschließend geäußert. Deutschland habe den furchtbarsten Krieg entfesselt, die furchtbarste Niederlage erlebt, aus eigener Schuld: "Den Holocaust an den Unschuldigen vieler Völker haben Deutsche begangen - darüber brauchen wir heute wohl nicht noch einmal zu diskutieren." Deutschland sei anders geworden, auch wenn keine Revolution stattfand. Aufgabe sei es nun, Europa als Insel der Freiheit und des Wohlstandes zu vergrößern. Europa als Ziel - John Major, Al Gore, Wictor Tschernomyrdin, alle waren sich einig, davon abgesehen, daß der russische Redner sich ein blockfreies Europa wünschte.

Das waren zwei Stunden, die sich keineswegs von selbst verstehen. Ein schöner Saal, wunderbare Musik. Und ein Echo auf die wiedervereinigte Bundesrepublik, das sie sich nicht hätte ausmalen oder derart unverkrampft erhoffen dürfen. Helmut Kohl, die Kamera offenbarte es, räkelte sich im Glanz des Segens der Sieger, die er in den Konzertsaal geladen hatte.

Eine Woche in Deutschland

Und doch - als François Mitterrand zum Mikrophon ging, nahm sich plötzlich alles so aus, als finde der ganze 8. Mai nur um ihn herum statt, um ihn, der nicht als Sieger auftritt und am liebsten von einem "Sieg Europas über sich selbst" spricht. Mitterrands Stimme zählt - wie die Sempruns - zu den bewegendsten dieser Tage. Sie sind übriggebliebene Zeitzeugen, jeder auf ganz eigene Weise.

Dienstag, 9. Mai London, Paris, Moskau, alle paradieren und feiern, und wir können sagen, wir sind dabeigewesen - überall. Überall mit dem normalitätsgenießenden Helmut Kohl. Ohne viel Worte, aber ganz unübersehbar.

Es bleibt, in der Summe, der Eindruck einer mediengerechten Großinszenierung; aber die Selbstverständnisdebatte, die es zugleich doch auch gab, hinterläßt keinen unangenehmen Nachgeschmack. Was die deutsche Vergangenheit angeht, gibt es sie offenbar doch, die funktionierende "Mehrheitskultur", die Karl-Heinz Bohrer so sehr vermißt. Alles fügt sich zu einem fast schon zu perfekten, zu ordentlichen, zu intakten Bild. Eher schon ist es diese Perfektion, die manchmal fast unheimlich wird, mindestens aber unwirklich. Die Bundesrepublik hat sich in dieser deutschen Woche erinnert, aber fast so, als entrückte sie in einen politisch keimfreien Raum. Was Richard von Weizsäcker im Jahr 1985 in einer Stimme bündelte, und darin bestand sein Kunststück, ist nun wieder ins Vielstimmige zerfasert. Aber auch darin steckt kein Schade, es ist nichts Falsches dabei herausgekommen.

Und von den vielen Stimmen dieser Tage mag jeder diejenigen herauspflücken, die ihm wichtig sind. Semprun. Mitterrand. Oder Marguerite Duras, die gestanden hat: "Die Deutschen sind das, wovor ich in meinem Leben am meisten Angst hatte . . . Noch heute träume ich von ihnen. Und in meinen Träumen bin ich immer schuldig. Die Deutschen sind die ewigen Sieger" (FAZ).

Zum Beispiel auch die Stimme der Ungarin Yudit Kiss, die folgende Szene beschreibt: Im Zug auf der Fahrt nach Krakau sei sie fast eingeschlafen, als sie plötzlich im Lautsprecher hörte: "Katowice, Oswiecim, Bielsko Biala. Ich sprang auf, das Herz in der Kehle. Egal, wie viele Jahre vergangen sind, zu wie vielen ,Wiedergutmachungen` und neuen Greueln es seither gekommen ist - Oswiecim wird bis ans Ende aller Tage nur einen einzigen, unerträglichen Klang haben" (Lettre).

Oswiecim - Auschwitz. Am Ende ist es nicht die kulturelle Hegemonie der Liberalen oder Linken, am Ende ist es einfach dieses Bleibende, das verhindert, daß die große Bilder-, Worte- und Erinnerungscollage zum fünfzigsten Jahrestag, und sei es auch ungewollt, wie ein Schlußstrich wirkt.