Es gibt so viel Beruhigendes. Achtzig Prozent der Befragten, versichern die Demoskopen, sprechen heute vom 8. Mai als Tag der Befreiung. Der Spiegel schwärmt enthusiastisch über das historische Interesse der Jugendlichen und die bewältigte Vergangenheit, und die New York Times berichtet beruhigt über "eine neue Phase in Deutschlands psychologischer Geschichte", ein Klima voller Ehrlichkeit. Es klingt so, als seien das Berichte über eine Wirklichkeit für sich, die mit der anderen Wirklichkeit, mit Anschlägen auf Fremde, mit Wiedergutmachung oder der Haltung zu Wehrmachtsdeserteuren nichts zu tun hat.

Diese Erinnerungswirklichkeit scheint so schön glatt, und zugleich hat sie eine Spur von Unehrlichkeit. Wie soll man es sonst nennen, wenn man einmal ernsthaft die Geschichte rekapitulieren wollte, wie Wolfgang Schäuble zunächst die Parteirechte (Alfred Dregger, Steffen Heitmann) erfolgreich bedrängt hat, zum 8.-Mai-Aufruf der Jungkonservativen auf Distanz zu gehen, um dann auf die Frage eines Interviewers, warum er bei so viel Verständnis für den umstrittenen Aufruf diesen nicht unterschrieben habe, in RTL lustig zu erwidern: "Ehrlich gesagt, ich bin gar nicht gefragt worden."?

Samstag, 6. Mai In Dresden haben sich vor dem Schloß junge Europäer aus Ost und West versammelt. Die SPD hat eingeladen zu einem europäischen Fest. Auch diese Idee ist nicht falsch. Wenn sie gefragt werden, ringen die jungen Gäste sich redlich etwas ab über ihre Gefühle, fünfzig Jahre danach. Aber sie haben so viel gar nicht auf dem Herzen, weil ein Umgang untereinander, ohne Anklage, längst ziemlich alltäglich geworden ist.

Dresden: Auf zweierlei Fassaden trifft man, einmal auf die Tristesse aus den SED-Jahren, mit der die Vergangenheit zugebaut worden ist, und dann auf die teuren und edlen neuen Fassaden, auch die restaurierte alte Pracht. Ein bißchen wird es dort bald so aussehen, als wäre vor fünfzig Jahren kein Feuersturm darüber hinweggefegt.

Wir haben uns 1989 selbst befreit, sagt einer der Dresdner Politiker. Es stimme nicht, daß erst die Einheit die Freiheit gebracht habe. Ist das die ganze Wahrheit? Der Züricher Historiker Jörg Fisch hat mit seinem Einwand gegen das formelhafte Benutzen des Begriffs "Befreiung" schon recht: Wer derart laut darauf beharre, die Deutschen seien 1945 befreit worden, schreibt er, "behauptet zugleich, die Deutschen" seien "in ihrer übergroßen Mehrheit nicht Täter, sondern Opfer gewesen" (Süddeutsche Zeitung).

Sonntag, 7. Mai Die Intellektuellen suchen Deutschlands Standort in der Paulskirche, wie sich das gehört. Heute, sagt Jürgen Habermas, feierten wir den 8. Mai - anders als die Zeitgenossen 1945 - als Tag der Wende zum Besseren. Aber dem Wort von der Befreiung dürfe heute nicht der "Subtext" untergeschoben werden, im großen Weltbürgerkrieg immer auf der richtigen Seite gestanden zu haben. Zugleich aber, man meint es herauszuspüren, tritt Habermas nicht als Ankläger auf, weil er mit dem Verlauf der Selbstverständnisdebatte auch zufrieden ist.

Obsiegt haben auch nicht jene, die den entstandenen Konsens aufkündigen und die alte Bundesrepublik zu einem Sonderweg erklären wollten. Oder die anderen, die meinen, 1989 sei die 1917 entgleiste Normalgeschichte in ihre Gleise zurückgesprungen. Habermas verteidigt - darin konservativ - das Gespür für die "Dialektik der Normalität in der alten Bundesrepublik". Und einer kommenden Berliner Republik wünscht er, sie solle statt "klirrender Entscheidungen" von dort aus lieber in Straßburg und Brüssel Mehrheiten gewinnen. Sein Denken kreist um Deutschland. Auf Anfragen der Intellektuellen aus dem Osten, die Vergangenheit im Lichte von 1989 betreffend, läßt er sich nicht lange ein.