Am Tisch der Professoren Christian Meier, Hans Mommsen, Karl-Heinz Bohrer, der Schriftstellerin Monika Maron herrscht nicht Konsens, aber auch nicht wirklich Dissens. Bohrer findet, die nationalstaatliche Realität lasse sich nicht einfach auf den Index setzen, und Habermas hält dagegen, es sei eben ein Faktum, daß die Welt nur noch Territorien kenne, "auf denen ganz verschiedene Leute wohnen". Bohrer wünscht sich eine Mehrheitskultur, Habermas empfiehlt, den Zusammenhalt um Verfassung und Demokratie zu gruppieren. Da verlaufen also kleine Bruchlinien. Aber sie alle eint die Ansicht, daß die Welt auch nach 1989 "nur über 1945" zu definieren sei. Insofern bleibt ein Grundkonsens.

Am Abend wird in Berlin das Centrum Judaicum eingeweiht, neben der neuen Synagoge. Die 3000 Gäste, darunter auch der alte, weise Josef Burg aus Jerusalem, der die Hauptrede hält, werden besonders streng bewacht. In der Nacht zuvor gab es den Anschlag auf die Synagoge in Lübeck, der zweite innerhalb von fünfzehn Monaten. Die Bundesanwaltschaft setzt eine Belohnung von insgesamt 100 000 Mark aus.

Montag, 8. Mai Das ist der Gipfel, auch der Gipfel eines Medienereignisses. Sehr viel Richtiges und Wichtiges hat man gehört und gelesen, wenig Verdrängung, viel Europabekenntnisse. Und sehr wenig Politik.

Manches hat fünfzig Jahre gebraucht, vielleicht geht es nicht anders: Die Schweiz entschuldigt sich erstmals offiziell, die Grenzen gegen jüdische Flüchtlinge dichtgemacht zu haben, aus Angst vor der Angst vor den Fremden. Polen ist nach fünfzig Jahren beim großen Staatsakt im Konzertsaal am Berliner Gendarmenmarkt nicht dabei. Polen, klagt Lech Walesa im Sejm, hätten an allen Fronten gekämpft. Das Land sei dann 1945 allein gelassen worden, jetzt auch. Vielleicht, weil sie allein bei den Siegern stehen wollten, haben Bonner Politiker mitgewirkt dabei, sie haben nicht einfach Politikverzicht geleistet.

Vaclav Klaus, der tschechische Regierungschef, bittet um Entschuldigung für die Vertreibung. Er war es, der bisher ganz hart blieb, unnachgiebiger als Havel. Jetzt liefert Klaus, nicht der tschechische Präsident, das versöhnliche Echo auf Roman Herzog. Noch wo sie bitter klingen, die Stimmen der Nachbarn, besonders diese Stimme aus Prag, klingen sie doch auch beschämend souverän.

Mitterrands Stimme zählt - wie die Jorge Sempruns - zu den bewegendsten dieser Tage Roman Herzog hat mit seiner Rede im Berliner Konzerthaus, von der gesagt wird, er habe sie ganz alleine geschrieben, und entsprechend authentisch klang sie auch, einen Mosaikstein zum Schluß geliefert, der das Gesamtbild noch einmal abrundet. Er hat nichts Aufreibendes, aber viel Anständiges gesagt, mit den nötigen Akzenten. Heuss und Weizsäcker, so Roman Herzog, hätten sich zum 8. Mai eigentlich abschließend geäußert. Deutschland habe den furchtbarsten Krieg entfesselt, die furchtbarste Niederlage erlebt, aus eigener Schuld: "Den Holocaust an den Unschuldigen vieler Völker haben Deutsche begangen - darüber brauchen wir heute wohl nicht noch einmal zu diskutieren." Deutschland sei anders geworden, auch wenn keine Revolution stattfand. Aufgabe sei es nun, Europa als Insel der Freiheit und des Wohlstandes zu vergrößern. Europa als Ziel - John Major, Al Gore, Wictor Tschernomyrdin, alle waren sich einig, davon abgesehen, daß der russische Redner sich ein blockfreies Europa wünschte.

Das waren zwei Stunden, die sich keineswegs von selbst verstehen. Ein schöner Saal, wunderbare Musik. Und ein Echo auf die wiedervereinigte Bundesrepublik, das sie sich nicht hätte ausmalen oder derart unverkrampft erhoffen dürfen. Helmut Kohl, die Kamera offenbarte es, räkelte sich im Glanz des Segens der Sieger, die er in den Konzertsaal geladen hatte.