Und doch - als François Mitterrand zum Mikrophon ging, nahm sich plötzlich alles so aus, als finde der ganze 8. Mai nur um ihn herum statt, um ihn, der nicht als Sieger auftritt und am liebsten von einem "Sieg Europas über sich selbst" spricht. Mitterrands Stimme zählt - wie die Sempruns - zu den bewegendsten dieser Tage. Sie sind übriggebliebene Zeitzeugen, jeder auf ganz eigene Weise.

Dienstag, 9. Mai London, Paris, Moskau, alle paradieren und feiern, und wir können sagen, wir sind dabeigewesen - überall. Überall mit dem normalitätsgenießenden Helmut Kohl. Ohne viel Worte, aber ganz unübersehbar.

Es bleibt, in der Summe, der Eindruck einer mediengerechten Großinszenierung; aber die Selbstverständnisdebatte, die es zugleich doch auch gab, hinterläßt keinen unangenehmen Nachgeschmack. Was die deutsche Vergangenheit angeht, gibt es sie offenbar doch, die funktionierende "Mehrheitskultur", die Karl-Heinz Bohrer so sehr vermißt. Alles fügt sich zu einem fast schon zu perfekten, zu ordentlichen, zu intakten Bild. Eher schon ist es diese Perfektion, die manchmal fast unheimlich wird, mindestens aber unwirklich. Die Bundesrepublik hat sich in dieser deutschen Woche erinnert, aber fast so, als entrückte sie in einen politisch keimfreien Raum. Was Richard von Weizsäcker im Jahr 1985 in einer Stimme bündelte, und darin bestand sein Kunststück, ist nun wieder ins Vielstimmige zerfasert. Aber auch darin steckt kein Schade, es ist nichts Falsches dabei herausgekommen.

Und von den vielen Stimmen dieser Tage mag jeder diejenigen herauspflücken, die ihm wichtig sind. Semprun. Mitterrand. Oder Marguerite Duras, die gestanden hat: "Die Deutschen sind das, wovor ich in meinem Leben am meisten Angst hatte . . . Noch heute träume ich von ihnen. Und in meinen Träumen bin ich immer schuldig. Die Deutschen sind die ewigen Sieger" (FAZ).

Zum Beispiel auch die Stimme der Ungarin Yudit Kiss, die folgende Szene beschreibt: Im Zug auf der Fahrt nach Krakau sei sie fast eingeschlafen, als sie plötzlich im Lautsprecher hörte: "Katowice, Oswiecim, Bielsko Biala. Ich sprang auf, das Herz in der Kehle. Egal, wie viele Jahre vergangen sind, zu wie vielen ,Wiedergutmachungen` und neuen Greueln es seither gekommen ist - Oswiecim wird bis ans Ende aller Tage nur einen einzigen, unerträglichen Klang haben" (Lettre).

Oswiecim - Auschwitz. Am Ende ist es nicht die kulturelle Hegemonie der Liberalen oder Linken, am Ende ist es einfach dieses Bleibende, das verhindert, daß die große Bilder-, Worte- und Erinnerungscollage zum fünfzigsten Jahrestag, und sei es auch ungewollt, wie ein Schlußstrich wirkt.