Die beiden Männer stoßen die alte Frau zur Tür hinein, zwingen sie zu Boden, halten ihr den Mund zu. Einer der beiden zieht seinen Gürtel aus und schlingt ihn um den Hals der Frau, bis sie sich nicht mehr rührt. Keine Drohung, kein Schrei, nur die Geräusche der Körper. Ein stummer, beiläufiger Mord. Es dauert nicht lang.

Im Dezember 1987 werden Thierry Paulin und Jean-Thierry Mathurin in Paris gefaßt. Ihr Verbrechen: mindestens zwanzig Raubmorde. Ihre Opfer: alte Frauen. Thierry Paulin stirbt am 26. April 1989 in der Haft an Aids. Sein Komplize sitzt im Gefängnis.

Dem Tod und der Liebe, sagt die Regisseurin Claire Denis, sei mit Gefühlen nicht beizukommen. Sie zu filmen verpflichte zum Denken. Sie hat bei der Mordszene auf Schnitte verzichtet, weil jeder Schnitt das Verbrechen rhythmisiert. Sie wollte den Mord in Realzeit.

Der Tat haftet nichts Sensationelles an. Sie ist nicht einmal die Hauptsache. Es gibt keine Hauptsachen in diesem Film. Am Anfang fliegen zwei Polizisten im Helikopter über Paris und schütten sich aus vor Lachen. Überall kreuzen Cops, Fahnder, Zivilstreifen auf, sie bewegen sich ziellos durch die Stadt, haben keine Spur, sind nicht im Bild, sondern einfach nur da. Ein klappriges Auto aus Litauen fällt ihnen auf, ein Fremdkörper mitten in Paris. Darin sitzt Daiga, eine junge Schauspielerin aus Wilna, die einen Job sucht, kaum Französisch kann und ihre alte Tante aufsucht, die von der Perestroika schwatzt und von der Schönheit. Daiga ist schön, aber sie macht sich nichts daraus. Jede Szene en passant: die totenstarr gekrümmte Hand eines Mordopfers, umgeben von Fliegen und Würmern. Daiga, rauchend, im Straßencafé. Eine Reisegruppe bei der Ankunft im Hotel. Ein Mann wäscht sein Glied. Den Sex davor sieht man nicht.

Camille, der Stricher und Transvestit, tanzt in einer Nachtbar, in Trance, barfuß, mit schwarzlackierten Fingernägeln. Die Zuschauer, ausnahmslos Männer, haben sich hinter einem Geländer verschanzt. Lauter vergitterte Blicke. Ninon, die Hotelbesitzerin, unterrichtet eine Gruppe alter Damen in Selbstverteidigung. Sie schlagen mit Stöcken in die Luft und stellen sich den Mörder vor. Ninon bringt Daiga in einer Rumpelkammer unter, die muß dafür putzen.

Zum Beispiel das Zimmer, in dem Camille und sein Freund wohnen, von denen sie später zufällig erfährt, daß sie die Mörder sind. Manchmal sieht man die weiße Hand des Freundes auf Camilles schwarzem Rücken. Haut und Glieder, mehr nicht. Der Freund sagt: "Ich will weg." Und Camille meint: "Du schaffst es nicht." Nie gehen die Figuren aufeinander zu. Nur zwei Autos stoßen einmal zusammen.

Camilles Bruder Theo will mit seinem kleinen Sohn zurück nach Martinique. Seine Frau Mona hat ihn deshalb verlassen, aber sie kehrt zurück, entführt das Kind, bereut es, weiß nicht, was sie tut. Eines Nachts liegen die drei auf dem Dach unter einer roten Neonreklame, und Mona sagt: "Ich will hier sein." Aber sie hält es nicht aus.