Das erste, was ich von Liberia sah, war ein Videofilm mit dem Titel "Carnets secrets d`Afrique". Dahinter verbarg sich kein Porno, sondern eine Dokumentation der jüngsten Geschichte Afrikas, von der Ermordung Lumumbas und vom Bürgerkrieg in Biafra bis zur Landung von U.S. Marines in Somalia. Der Film zeigt, wie Liberias Präsident Samuel Doe im September 1990 von Rebellenführer Prince Johnson zu Tode gefoltert wird - also doch Pornographie.

Die Szene wurde in Liberias Hauptstadt Monrovia von einem palästinensischen Kameramann gefilmt. Doe, der seinen Vorgänger Tolbert ermorden ließ, liegt gefesselt am Boden, zu Füßen des Rebellenführers, der zur Auskostung seines Triumphs eine Dose Budweiser-Bier trinkt. Prince Johnson hatte Doe in die Falle gelockt, indem er der von der Rebellenarmee bedrängten Regierung Verhandlungen anbot. Doe ist nur mit der Unterhose bekleidet, seine Arme sind auf dem Rücken zusammengebunden, eine aus Sklavenzeiten stammende Art der Fesselung, die tiefe Fleischwunden hinterläßt. Jedesmal wenn er vor Schmerz die Besinnung verliert, schüttet Prince Johnson ihm Bier auf den Kopf. Doe muß seine eigenen Ohren aufessen, die ihm vor laufender Kamera abgeschnitten worden sind. Am Ende des Films liegt der Präsident sterbend in einer Blutlache und fleht seinen Folterer an, ihn zu töten, was dieser höhnisch zurückweist mit dem Satz: "Don`t bring that thing to me!" ("Komm mir nicht auf die Tour!") Das Video ist ein Bestseller in Liberia.

Anflug auf Monrovia. Weites, offenes Land, durchzogen von lehmgelben Lagunen und Mangrovensümpfen, über denen die Luft zu kochen scheint. Aus Holzkohlemeilern steigt Rauch auf. Die Maschine überfliegt eine zerborstene Raffinerie. Das ausgelaufene Öl hat sich zu Brei verdickt; es bildet einen Asphaltsee, um den sich ein roter Lateritpfad schlängelt. Von oben gesehen, wirkt Monrovia wie eine Geisterstadt: Jedes zweite Haus liegt in Trümmern, als hätte ein tropischer Orkan Fenster und Türen davongetragen und die Dächer abgedeckt. Aus den Fenstern wachsen Bäume - der Urwald holt sich zurück, was ihm gehört. Stockfleckige Wellblechbaracken, dann blaues Meer, das in die Schräglage kippt. Die DC 9 der Air Ivoire fliegt im Bogen über die Stadt, bevor sie zur Landung ansetzt.

"Verstecken Sie Ihr Geld am Körper", sagt der neben mir sitzende Passagier, ein kanadischer Unicef-Mitarbeiter im Safari-Look. "Am besten in den Schuhen, außer ein paar Dollar Bestechungsgeld. Und halten Sie sich nicht länger als nötig am Flughafen auf. Aber keine Angst: Im Augenblick ist alles ruhig; Monrovia ist fest in der Hand der Ecomog." So heißen die Friedenstruppen aus Nigeria, Ghana, Guinea und anderen Ländern Westafrikas, die im August 1990 in Monrovia landeten, um die Zivilbevölkerung zu schützen. Aber sie kamen zu spät, um ein Blutbad zu verhindern.

Die Maschine setzt unsanft auf und rollt auf das Abfertigungsgebäude zu, eine winzige Baracke, vor der dichtes Gedränge herrscht. Von allen Seiten reden heftig gestikulierende Menschen auf mich ein, zupfen mich am Ärmel und zerren an meinem Gepäck. Ich frage mich, wie ich mich in dem Chaos zurechtfinden soll, als jemand laut meinen Namen ruft; zwei höfliche Herren nehmen mir Paß und Gepäck aus der Hand und dirigieren mich durch die Zollkontrolle.

Nur das Bestechungsgeld macht Schwierigkeiten: Soll ich es diskret oder offen übergeben, und sind fünf Dollar zuwenig oder zuviel? Das Problem löst sich von selbst, da der liberianische Staat nur noch auf dem Papier existiert: Seine Beamten haben seit Monaten kein Gehalt mehr bekommen; sie nehmen, was sie kriegen, und zieren sich nicht übermäßig dabei. Ich entrichte der Gesundheits-, Paß- und Zollbehörde meinen Obolus in kleinen Scheinen, die zerknüllt in Büstenhaltern oder Brusttaschen landen.

Nachdem die Formalitäten erledigt sind, mache ich mich mit meinen beiden Abholern bekannt: Sie heißen Paul und Wallace und sind Mitarbeiter einer privaten Hilfsorganisation, die Kriegsopfer mit Kleidung und Medikamenten versorgt. Auf dem Weg zum Taxi spricht uns Robert an, ein Angestellter der Telekom, der am Flughafen auf mich gewartet hat. Wie Paul und Wallace wurde auch er von liberianischen Freunden aus Deutschland per Telephon über mein Kommen informiert. Es ist drei Uhr nachmittags, und zusammen mit meinen Begleitern mache ich eine erste Rundfahrt durch Monrovia. Die in der Hitze flimmernde Stadt scheint nur aus Grünflächen zu bestehen, wie ein endloser Vorort im mittleren Westen der USA. Aber im Gegensatz zum kurzgeschorenen Rasen dort wächst hier hüfthohes Elefantengras, das den Kämpfern der Rebellenarmee eine ideale Deckung bietet. Der aus der Vogelschau gewonnene Eindruck bestätigt sich: Die meisten Häuser, an denen wir vorbeifahren, sind mit Einschußkratern gesprenkelt wie die Gesichter von Pockennarbigen. Die üppige Vegetation deckt gnädig die Wunden des Krieges zu. Von Brandspuren oder Schimmelschlieren geschwärzte Mauern ragen aus wucherndem Unkraut hervor; durch leere Fensterhöhlen fliegen Fledermäuse aus und ein, die in dichten Trauben im Geäst der Cottonwood-Bäume hängen.