Entfesselt zum Morden

Das erste, was ich von Liberia sah, war ein Videofilm mit dem Titel "Carnets secrets d`Afrique". Dahinter verbarg sich kein Porno, sondern eine Dokumentation der jüngsten Geschichte Afrikas, von der Ermordung Lumumbas und vom Bürgerkrieg in Biafra bis zur Landung von U.S. Marines in Somalia. Der Film zeigt, wie Liberias Präsident Samuel Doe im September 1990 von Rebellenführer Prince Johnson zu Tode gefoltert wird - also doch Pornographie.

Die Szene wurde in Liberias Hauptstadt Monrovia von einem palästinensischen Kameramann gefilmt. Doe, der seinen Vorgänger Tolbert ermorden ließ, liegt gefesselt am Boden, zu Füßen des Rebellenführers, der zur Auskostung seines Triumphs eine Dose Budweiser-Bier trinkt. Prince Johnson hatte Doe in die Falle gelockt, indem er der von der Rebellenarmee bedrängten Regierung Verhandlungen anbot. Doe ist nur mit der Unterhose bekleidet, seine Arme sind auf dem Rücken zusammengebunden, eine aus Sklavenzeiten stammende Art der Fesselung, die tiefe Fleischwunden hinterläßt. Jedesmal wenn er vor Schmerz die Besinnung verliert, schüttet Prince Johnson ihm Bier auf den Kopf. Doe muß seine eigenen Ohren aufessen, die ihm vor laufender Kamera abgeschnitten worden sind. Am Ende des Films liegt der Präsident sterbend in einer Blutlache und fleht seinen Folterer an, ihn zu töten, was dieser höhnisch zurückweist mit dem Satz: "Don`t bring that thing to me!" ("Komm mir nicht auf die Tour!") Das Video ist ein Bestseller in Liberia.

Anflug auf Monrovia. Weites, offenes Land, durchzogen von lehmgelben Lagunen und Mangrovensümpfen, über denen die Luft zu kochen scheint. Aus Holzkohlemeilern steigt Rauch auf. Die Maschine überfliegt eine zerborstene Raffinerie. Das ausgelaufene Öl hat sich zu Brei verdickt; es bildet einen Asphaltsee, um den sich ein roter Lateritpfad schlängelt. Von oben gesehen, wirkt Monrovia wie eine Geisterstadt: Jedes zweite Haus liegt in Trümmern, als hätte ein tropischer Orkan Fenster und Türen davongetragen und die Dächer abgedeckt. Aus den Fenstern wachsen Bäume - der Urwald holt sich zurück, was ihm gehört. Stockfleckige Wellblechbaracken, dann blaues Meer, das in die Schräglage kippt. Die DC 9 der Air Ivoire fliegt im Bogen über die Stadt, bevor sie zur Landung ansetzt.

"Verstecken Sie Ihr Geld am Körper", sagt der neben mir sitzende Passagier, ein kanadischer Unicef-Mitarbeiter im Safari-Look. "Am besten in den Schuhen, außer ein paar Dollar Bestechungsgeld. Und halten Sie sich nicht länger als nötig am Flughafen auf. Aber keine Angst: Im Augenblick ist alles ruhig; Monrovia ist fest in der Hand der Ecomog." So heißen die Friedenstruppen aus Nigeria, Ghana, Guinea und anderen Ländern Westafrikas, die im August 1990 in Monrovia landeten, um die Zivilbevölkerung zu schützen. Aber sie kamen zu spät, um ein Blutbad zu verhindern.

Die Maschine setzt unsanft auf und rollt auf das Abfertigungsgebäude zu, eine winzige Baracke, vor der dichtes Gedränge herrscht. Von allen Seiten reden heftig gestikulierende Menschen auf mich ein, zupfen mich am Ärmel und zerren an meinem Gepäck. Ich frage mich, wie ich mich in dem Chaos zurechtfinden soll, als jemand laut meinen Namen ruft; zwei höfliche Herren nehmen mir Paß und Gepäck aus der Hand und dirigieren mich durch die Zollkontrolle.

Nur das Bestechungsgeld macht Schwierigkeiten: Soll ich es diskret oder offen übergeben, und sind fünf Dollar zuwenig oder zuviel? Das Problem löst sich von selbst, da der liberianische Staat nur noch auf dem Papier existiert: Seine Beamten haben seit Monaten kein Gehalt mehr bekommen; sie nehmen, was sie kriegen, und zieren sich nicht übermäßig dabei. Ich entrichte der Gesundheits-, Paß- und Zollbehörde meinen Obolus in kleinen Scheinen, die zerknüllt in Büstenhaltern oder Brusttaschen landen.

Nachdem die Formalitäten erledigt sind, mache ich mich mit meinen beiden Abholern bekannt: Sie heißen Paul und Wallace und sind Mitarbeiter einer privaten Hilfsorganisation, die Kriegsopfer mit Kleidung und Medikamenten versorgt. Auf dem Weg zum Taxi spricht uns Robert an, ein Angestellter der Telekom, der am Flughafen auf mich gewartet hat. Wie Paul und Wallace wurde auch er von liberianischen Freunden aus Deutschland per Telephon über mein Kommen informiert. Es ist drei Uhr nachmittags, und zusammen mit meinen Begleitern mache ich eine erste Rundfahrt durch Monrovia. Die in der Hitze flimmernde Stadt scheint nur aus Grünflächen zu bestehen, wie ein endloser Vorort im mittleren Westen der USA. Aber im Gegensatz zum kurzgeschorenen Rasen dort wächst hier hüfthohes Elefantengras, das den Kämpfern der Rebellenarmee eine ideale Deckung bietet. Der aus der Vogelschau gewonnene Eindruck bestätigt sich: Die meisten Häuser, an denen wir vorbeifahren, sind mit Einschußkratern gesprenkelt wie die Gesichter von Pockennarbigen. Die üppige Vegetation deckt gnädig die Wunden des Krieges zu. Von Brandspuren oder Schimmelschlieren geschwärzte Mauern ragen aus wucherndem Unkraut hervor; durch leere Fensterhöhlen fliegen Fledermäuse aus und ein, die in dichten Trauben im Geäst der Cottonwood-Bäume hängen.

Entfesselt zum Morden

Bevor das nächtliche Ausgehverbot in Kraft tritt, wollen wir Dr. Nimene besuchen, einen liberianischen Arzt, der in Deutschland studiert hat und mit einer Deutschen verheiratet ist. Seine in der Bundesrepublik lebende Frau hat mir Nachrichten und Medikamente für ihren herzkranken Mann mitgegeben, der am Stadtrand von Monrovia eine German-Liberian Clinic betreibt.

Nach langem Suchen - unterwegs passieren wir mehrere von Ecomog-Soldaten bewachte Straßensperren - halten wir vor Dr. Nimenes Haus am Ende der Duport Road, einer staubigen Piste, die sich im hohen Gras verliert. Das schwere Eichentor ist verschlossen und wird erst nach mehrfachem Hupen geöffnet. "Willkommen in Liberia", sagt Dr. Nimene, der heute morgen am Flugplatz vergeblich auf mich gewartet hat. "Ich habe mir Sorgen gemacht, weil Sie so spät kommen. Dieser Teil von Monrovia ist nicht mehr sicher, seit die Rebellen in der Nähe, auf der Duport Road, ein Massaker verübt haben."

"Wann war das?"

"Kurz vor Weihnachten. Sie haben ihre Opfer im Schlaf überrascht. Kinder und alte Menschen, die sich nicht wehren konnten, wurden in ihren Betten massakriert, Männer mit Äxten enthauptet, Frauen vergewaltigt und dann mit Macheten zerstückelt. Die Mörder standen unter Drogen oder unter Alkohol."

"Und wer steckt hinter dem Massaker?"

"Das wissen wir nicht. Entweder Regierungssoldaten oder Charles Taylors NPFL. Die Mörder sollen Krahn gesprochen haben, was auf die Armee hindeutet. Sie töten, um ihre Präsenz zu demonstrieren oder um die Morde ihren politischen Gegnern in die Schuhe zu schieben. Nicht einmal die genaue Zahl der Opfer ist bekannt. Die Regierung spricht von 48 Toten, darunter 28 Kinder, aber in Wahrheit dürften es erheblich mehr gewesen sein."

Der Guerillakrieg begann vor fünf Jahren im Nordosten Liberias, wo Rebellenführer Charles Taylor und seine National Patriotic Front of Liberia zunächst als Befreier von Does Diktatur begrüßt wurden. Monrovia stand kurz vor dem Fall, als Ecomog-Truppen landeten und Prince Johnsons INPFL (Independent National Patriotic Front of Liberia) sich von Taylor abspaltete. Seitdem haben sich die bewaffneten Banden wie Krebsgeschwüre vermehrt. Die Armed Forces of Liberia (AFL) mutierten zur ULIMO-M oder K (United Liberation Movement-Mandingo oder Krahn) und weiter zum LPC (Liberian Peace Council) - ein Krieg aller gegen alle, in dem es keinen Sieger, sondern nur Verlierer gibt.

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Nachdem ich Dr. Nimene die mitgebrachten Medikamente und Nachrichten von seiner Frau übergeben habe, nehmen wir draußen auf der Terrasse Platz. Ringsum raschelndes Elefantengras, durch das in der Nacht des 15. Dezember 1994 die Rebellen herangeschlichen sind. Die in der Mittagssonne brütende Savanne sendet Hitzewellen aus. Wir trinken lauwarmes Bier - fließendes Wasser und Strom gibt es in den Vororten Monrovias seit Jahren nicht mehr.

Dr. Nimene sieht alt und müde aus. Sein Haus und die dazugehörige Klinik wurden zweimal von Rebellen geplündert, und er hat eine schwere Herzoperation hinter sich. Das Massaker auf der Duport Road war für ihn der vorläufig letzte Akt einer Tragödie, die viereinhalb Jahre zuvor begann, als Taylors Truppen beim Vormarsch auf Monrovia sein Haus besetzten und hier ihr Hauptquartier aufschlugen. Die freedom fighters oder freedom killers, wie man sie ironisch nennt, nahmen Dr. Nimene als Geisel und zwangen ihn, verwundeten Kämpfern Kugeln zu extrahieren und Verbände anzulegen, wobei seine Frau ihm als Krankenschwester assistieren mußte; der Tatsache, daß sie für die Rebellen unentbehrlich waren, verdanken beide ihr Leben.

Unser Haus glich einem Feldlazarett", sagt Dr. Nimene. "Im Hof und auf der Terrasse lagen die Verwundeten, und hier im Wohnzimmer wurde rund um die Uhr operiert, ohne Narkose natürlich. Es fehlte an allem: Verbandszeug, Desinfektionsmittel, Medikamente, aber trotzdem haben wir fast alle Patienten durchgebracht. Die meisten waren noch Kinder, Jungen und Mädchen, die in Wüstencamps in Libyen oder Burkina Faso zu Partisanen ausgebildet worden waren: Außer zu töten, hatten sie nichts gelernt."

Es ist fünf Uhr, und meine Begleiter drängen zum Aufbruch. In zwei Stunden tritt das Ausgehverbot in Kraft, und sie müssen nach Hause zu ihren Familien. Wir fahren am Flughafen vorbei in Richtung Stadt. Je näher wir der Innenstadt kommen, desto dichter wird die Bebauung. Von Slumhütten umbrandet, steigen Hochhäuser vor uns auf, häßliche Betonklötze, die aussehen wie ein in Westafrika gestrandetes Raumschiff Enterprise - eine Hinterlassenschaft der sechziger Jahre, als Präsident Tubman Weltniveau demonstrieren wollte mit Justizpalast und Außenministerium, Entbindungsklinik und Universität. Wo früher Schreibmaschinen klapperten oder Operationsbesteck blitzte, wo Sekretärinnen oder Krankenschwestern durch dämmrige Korridore huschten und wo Minister oder Chefärzte residierten, haben sich heute displaced persons, Kriegsopfer und Vertriebene, häuslich niedergelassen. An den Fenstern des Außenministeriums trocknet Wäsche, Kinder lärmen in den Büros, der Fahrstuhlschacht dient als Müllschlucker, und im Treppenhaus schlafen Obdachlose.

Monrovia ist nicht nur ein Menschen-, sondern auch ein Autofriedhof: Die Betonhochburgen der früheren Regierung werden von schrottreifen Panzern flankiert, deren löchrige Geschützrohre niemandem mehr Angst einjagen, und rostige Autoskelette ragen aus Meeren von Unkraut hervor.

Aber der Anschein von Ruhe täuscht: Zwar verhandeln die Warlords seit Mitte Januar in Accra, der Hauptstadt Ghanas, über Frieden, aber das passiert nicht zum ersten Mal, und bisher hat keine der Kriegsparteien die getroffenen Abmachungen respektiert. Für den Fall, daß die Gespräche scheitern, hat Charles Taylor ein neues Blutbad angekündigt; nicht einmal die für die Dauer der Verhandlungen vereinbarte Waffenruhe wird von der NPFL eingehalten.

"Charles Taylor ist ein cleverer Typ", meint Robert, der Mann von der Telekom, während er seinen Wagen durch die überfüllte Innenstadt steuert. "Nach Angaben des Roten Kreuzes hat er für drei Millionen Dollar Hilfslieferungen gestohlen, mitsamt den dazugehörigen Lkw. Unsere Politiker haben sich in Warlords verwandelt, die Parteien in bewaffnete Banden, deren Mitglieder keinen Sold bekommen und ungestraft rauben und morden dürfen."

Entfesselt zum Morden

Robert hält vor einer roten Ampel und winkt einem Geldwechsler, der mit fetten Dollarbündeln herumwedelt. Ich steige aus, um fünfzig Dollar zu tauschen, aber das ist leichter gesagt als getan. Der Kurs des liberianischen Dollar, früher eins zu eins, ist auf fünfzig zu eins gefallen, und der Geldwechsler gibt mir 2500 liberianische Dollar, zu Hunderten gebündelt, in Fünf-Dollar-Scheinen, für deren Abtransport ich eine Plastiktüte benötige, wie nach einem Bankraub. Es gibt nur Fünf-Dollar-Scheine in Liberia, deren Besitzer ihr Leben riskieren, weil Taylors NPFL die Währungsreform nicht anerkennt. Hat jemand das falsche Billett im Portemonnaie, wird ein blutiges Exempel statuiert.

Das Hotel "African Palace" verdient diesen Namen nicht - Bordell wäre angemessener. Auf Barhockern, die mit rotem Plüsch bezogen sind, räkeln sich Prostituierte, im Hinterzimmer wird Billard gespielt, der Weg zur Toilette wird von einarmigen Banditen bewacht, und über den Fernsehschirm flimmern rund um die Uhr Nachrichten von CNN. Das "African Palace" unterscheidet sich in nichts vom gegenüberliegenden "El Meson", in dem Soldaten der Unomil (United Nations Mission in Liberia) und Mitarbeiter internationaler Organisationen sich mit ihren afrikanischen Freundinnen die Zeit vertreiben. Beide Hotels gehören libanesischen Familienclans, aber das "African Palace" hat den Vorteil, daß die im Krieg zerstörten Zimmer im oberen Stock renoviert worden sind. Dusche und Klimaanlage funktionieren stundenweise, solange der wie ein Lkw-Motor dröhnende Generator läuft; nach kurzer Zeit habe ich mich so an das Geräusch gewöhnt, daß ich erschrocken auffahre, wenn Stille herrscht; dann sind Stimmen zu hören, Taschenlampen und Kerzen flackern auf, der Nachtportier James, Mädchen für alles im Hotel, schlägt mit dem Hammer gegen den Generator, und schon setzt der erlösende Lärm wieder ein.

Meine erste Nacht in Monrovia verbringe ich in Gesellschaft eines Aeroflot-Piloten aus Guinea, der an der Moskauer Lumumba-Universität studiert hat und fließend Russisch spricht; später gesellt sich ein Autohändler aus Ghana dazu, der gebrauchte Mercedes-Limousinen nach Afrika importiert und in Monrovia Schulden einzutreiben versucht - ohne Erfolg natürlich. Vierter im Bunde ist der Chef der libanesischen Großfamilie, von allen "Papi" genannt, der auf das Ende des Krieges wartet, um im Busch Diamanten zu schürfen, und jeden Abend eine andere Prostituierte mit auf sein Zimmer nimmt - manchmal auch zwei. Meine Frage nach Aids beantwortet er mit einem arabischen Fluch, der unübersetzbar ist.

Wir sitzen auf dem Balkon und blicken auf die nachtdunkle Carey Street hinab, die sich mit Beginn des Ausgehverbots um sieben Uhr schlagartig leert. Ab und zu fährt ein mit Ecomog-Truppen bemannter Jeep vorbei oder ein Landrover der Unomil, der eine der im "El Meson" arbeitenden Prostituierten vor dem Hotel aufnimmt oder ablädt. Sie scheinen Spezialausweise zu besitzen, denn jede andere Person, die nach sieben auf der Straße angetroffen wird, würde auf der Stelle verhaftet und dazu verurteilt, die Latrinen der Ecomog-Kaserne zu putzen.

Morgens beim Frühstück setzt sich der Kellner an meinen Tisch. Er wirft begehrliche Blicke auf meinen Teller und macht sich, noch bevor ich fertig gegessen habe, über die Reste her. Die meisten Bewohner Monrovias sind unterernährt; zwar herrscht keine Hungersnot wie im Hinterland, aber der von Hilfsorganisationen gespendete Reis versickert in dunklen Kanälen und wird zu überhöhten Preisen auf dem Markt verkauft.

Unter Roberts Führung mache ich einen Rundgang durch die Stadt. "Monrovia ist der Müllplatz Westafrikas", hatte ich bei der Ankunft in mein Tagebuch notiert, aber die Verkommenheit, die mir auf Schritt und Tritt entgegenschlägt, übertrifft meine schlimmsten Erwartungen auf der nach unten offenen Skala von Fäulnis und Verwahrlosung. Das frühere Hauptquartier der True Whig Party, ein mit Marmor gekachelter Prunkbau, ist nach Does Militärputsch geplündert worden; auf diese Weise rächte sich das Volk für die länger als ein Jahrhundert dauernde Vorherrschaft der afroamerikanischen Einwanderer, die nichts für das Land getan und nur in die eigene Tasche gewirtschaftet hatten. Instrument ihrer Herrschaft war die 1869 gegründete True Whig Party, deren Name nichts mit Perücken zu tun hat, wie ich zunächst vermutete, sondern "We hope in God" bedeutet. Der Sitz der Einheitspartei dient heute den Anwohnern als Toilette - die Marmorkacheln sind mit Exkrementen übersät. Wenig anders erging es dem am oberen Ende der Broad Street gelegenen Masonic Temple, in dem die korrupte Oberschicht ihre Freimaurerrituale zelebrierte: Hier blieb kein Stein auf dem anderen. Die Bronzestatue des Erbauers, Präsident Tubman, wurde abgesägt; nur zwei in Bronzeschuhen steckende Füße sind auf dem Denkmalsockel stehengeblieben.

Wir beschließen, dem Vorsitzenden des Staatsrats einen Besuch abzustatten, dessen Name zu deutsch "Suppentopf" bedeutet. Roberts ethnische Herkunft - er gehört zum Stamm der Gofa, genau wie Dr. Kpomakpor - verschafft mir Zutritt zum Staatsoberhaupt der nicht mehr existierenden Republik Liberia. Vorher sind die üblichen Hürden zu überwinden: ein meterhohes Gittertor, das zögernd geöffnet wird, eine Phalanx von Leibwächtern, die neben einem Landrover mit der Aufschrift "NO ARMS ON BOARD" mit ihren Maschinenpistolen spielen, und ein Vorraum, in dem gekocht und Wäsche gewaschen wird.

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Der mit Clubsesseln möblierte Empfangsraum wirkt wie eine Mischung aus Beerdigungsinstitut und Puff; im Mittelpunkt, auf einer Art Altar, ein riesiges Fernsehgerät, dessen Bildschirm verwirrende Lichtreflexe aussendet; an der Wand das überlebensgroße Portrait des Hausherrn, der uns anderthalb Stunden lang warten läßt. Ab und zu lugt aus dem Nebenzimmer ein Kind herein, das auf dem Teppichboden Purzelbäume schlägt, bevor es sich wieder verzieht.

Dann ist es endlich soweit: Die Tür geht auf, und der Staatsratsvorsitzende tritt ein, gefolgt von einem Mann im Jogginganzug, der sich auf einem entfernten Sessel niederläßt. Es handelt sich nicht um einen Leibwächter, wie ich anfangs annahm, sondern um den Gouverneur der Staatsbank, dem ich den Grund meines Kommens vortrage, während Dr. Kpomakpor so tut, als verstehe er kein Wort. Der Staatspräsident, von Beruf Juraprofessor an der hiesigen Universität, wurde im Sommer 1990 von Charles Taylors Leuten festgenommen und zwei Monate lang inhaftiert. Mehr erfahre ich nicht. Meine Frage, ob er in der Haft mißhandelt wurde, will er beim nächsten Gesprächstermin beantworten, den der Gouverneur der Staatsbank in ein ledergebundenes Buch einträgt.

Am nächsten Morgen führen mich Paul und Wallace, die Mitarbeiter der Hilfsorganisation, zu einem Lager für Kriegsflüchtlinge in Congo-Town, nicht weit vom Flughafen und dem angrenzenden Diplomatenviertel. Ich bin schon mehrmals an dem nie zu Ende gebauten Hochhaus vorbeigefahren, einem Geschenk der Volksrepublik China, das ursprünglich als Gesundheitsministerium dienen sollte und heute 3500 Vertriebenen Obdach gibt.

"In Wirklichkeit sind es 4000, denn nicht alle Flüchtlinge sind bei uns registriert", sagt der Sicherheitschef Moussa, während er uns, treppauf, treppab, durch das sechsstöckige Gebäude führt. Die Großraumbüros sind durch Säcke in winzige Verschläge unterteilt, in denen vielköpfige Familien auf engstem Raum zusammenleben, kochen, essen und schlafen. Es wimmelt von Ratten, Kakerlaken und Moskitos, die nachts von den nahe gelegenen Sümpfen ausschwärmen; Malaria, Durchfall- und Atemwegserkrankungen haben epidemische Ausmaße angenommen. Kein Arzt, nur eine Krankenschwester versorgt die Patienten in einem als Untersuchungszimmer dienenden Zelt; sie beschwert sich, daß die Tuberkulose- und Cholerakranken erst zu ihr kämen, wenn es zu spät sei - Husten und Durchfall gelten unter den Flüchtlingen als normal.

Die Vertriebenen kommen aus allen Teilen des Landes; einige sind seit Jahren, andere erst seit wenigen Wochen hier. Ich spreche mit einer jungen Mutter, die gerade ihr Baby stillt. Sie heißt Finda, gehört zum Stamm der Kissi, und hat auf der Flucht aus Sierra Leone ihre Familie verloren. Unterwegs wurde sie mehrmals von Rebellen angegriffen, vergewaltigt und ausgeplündert. Die Flüchtlinge mußten sich wochenlang von Palmnüssen ernähren - in den Dörfern waren sie nicht willkommen, da deren Bewohner selbst nichts zu essen hatten. Findas Mutter, ihr Bruder, ihr Onkel und dessen Kinder starben auf dem Marsch durch den Busch.

Die Flüchtlinge sind dankbar für jede Geste, für die geringste Aufmerksamkeit, die man ihnen entgegenbringt. Sie sind gewohnt, daß niemand von ihren Leiden hören will, denn die meisten Liberianer haben Ähnliches oder Schlimmeres durchgemacht.

Auf der Fahrt zum Hotel halten wir an einem Bücherstand auf der Broad Street. Hier werden zerfledderte Lehrbücher angeboten, die bei der Plünderung von Schulen und Universitäten gestohlen worden sind. Auf den Innenseiten stehen in krakeliger Kinderschrift die Namen oder Initialen ihrer früheren Besitzer, von denen die meisten nicht mehr leben: Entweder sie wurden von der Regierungsarmee massakriert, die am 29. Juli 1990 600 Frauen und Kinder ermordete, die in der lutheranischen Kirche Zuflucht gesucht hatten; oder sie fielen der "Operation Octopus" zum Opfer, mit der Charles Taylor im Oktober 1992 Monrovia zurückzuerobern versuchte.

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Auf einer von Kugeln durchsiebten Mauer am Ufer des Stockton Creek steht ein Slogan, der an diesem Ort doppelt absurd erscheint: "Guns that liberate must not rule!" ("Gewehre, die befreien, dürfen nicht herrschen".) "Prince-Johnson-Blabla", meint Robert achselzuckend. An der strategisch wichtigen Brücke über den Fluß, die Monrovia mit dem Hinterland verbindet, hatte Prince Johnson eine Straßensperre installiert: Wer ohne seine Genehmigung die Brücke überquerte, hatte sein Leben verwirkt - daher die vielen Einschußlöcher.

Caldwell, ein am jenseitigen Ufer gelegener Vorort von Monrovia, in dem Robert zu Hause ist, lag damals mitten in Prince-Johnson-Land. Das Leben hier war gefährlich. Robert erzählt, wie sein Nachbar Roosevelt Logan von Prince Johnson exekutiert wurde, weil er ohne dessen Erlaubnis nach Monrovia zur Arbeit gegangen war. Am nächsten Tag fragte Prince Johnson seinen Leibwächter, wo sein Freund Roosevelt geblieben sei - die beiden kannten einander seit ihrer Jugendzeit. "Aber Sie haben ihn doch selbst erschossen, Chef!" - "Unsinn, so etwas würde ich nie tun. Du lügst!" Und er drohte dem Überbringer der schlechten Nachricht, ihn ebenfalls erschießen zu lassen.

Prince Johnsons ehemaliges Hauptquartier liegt in einem Compound am Steilufer des St. Paul River, unter Palmen, in deren Wipfeln Webervögel ihre Nester bauen, im Wind schaukelnd wie die hängenden Gärten der Semiramis, ringsum die im Krieg verwüsteten Häuser eines ehemaligen Villenviertels. In den Ruinen stöbern Hühner, Schweine und Kinder mit aufgetriebenen Bäuchen herum. Am Ufer des Flusses steht ein mächtiger Cottonwood-Baum, dessen Brettwurzeln von Bleikugeln zerpflügt sind.

Hier ließ Prince Johnson seine Geiseln erschießen und in den Fluß werfen, in dem es Krokodile geben soll. "Ich habe die Viecher nie gemocht", sagt Robert, "aber sie sind doch zu etwas gut: Die Krokodile halten uns die Rebellen vom Hals, die im Schutz der Dunkelheit den Fluß durchschwimmen, um in unsere Häuser einzubrechen." Robert hat in Caldwell eine Art Bürgerwehr organisiert, die jede Nacht mit Taschenlampen, Knüppeln und Macheten auf Patrouille geht und nach Banditen fahndet, die angesichts der Übermacht sofort die Waffen strecken. Solche Selbsthilfegruppen sind Ausnahmen in Liberia, wo die zivile Gesellschaft nur schwach entwickelt ist; zwar rufen Geistliche aller Konfessionen, Frauen- und Friedensgruppen immer wieder zur Einstellung der Kämpfe auf, aber moralische Appelle sind machtlos gegen Minderjährige mit Kalaschnikows.

Nach dem Abzug von Prince Johnsons Armee kehrte Robert nach Caldwell zurück. Er hatte Glück: Sein Haus war nur einmal geplündert worden. Die Rebellen hatten im Wohnzimmer auf offenen Feuern gekocht und Möbel und Türen als Brennholz verheizt, aber das Dach nicht abgedeckt. An der Wand des Schlafzimmers hatten sich die Kaputtbesetzer mit Graffiti verewigt, die Robert als makabres Souvenir stehenließ: "Big Boy Thompson Special Forces Command and his girlfriend Evelyn". Mit diesem Akt war die Übernahme des Hauses vollzogen, und der frühere Eigentümer hatte nicht nur seinen Besitzanspruch, sondern auch sein Leben verwirkt, falls er sich hier sehen ließ. Beim Unkrautjäten im Garten förderte Robert Soldatenstiefel, Uniformfetzen, Oberschenkelknochen und einen Totenschädel zutage, den er im Geräteschuppen aufbewahrt.

Liberias zweitgrößte Stadt Buchanan liegt nur hundert Kilometer von Monrovia entfernt, aber die Fahrt dorthin dauert vier bis fünf Stunden. Seit Charles Taylors NPFL aus Buchanan vertrieben worden ist, wird die Küstenstraße von Ecomog-Truppen kontrolliert, die jedes Fahrzeug peinlich genau durchsuchen, um Waffenschmuggel und Infiltrationsversuche zu unterbinden.

Der Informationsminister in Monrovia hat mir ein Laisser-passer ausgestellt, aber er rät mir ab, die Hauptstadt zu verlassen, weil Fahrten ins Hinterland noch immer zu gefährlich seien: Im Busch versteckte Rebellen griffen Ecomog-Konvois und Privatautos an. Ich setze mich über seinen Rat hinweg und breche zusammen mit Nyenati Allison, dem örtlichen Korrespondenten der BBC, frühmorgens nach Buchanan auf. Allison war schon öfter dort und kennt jeden Militärposten entlang der Strecke: Ganz Liberia, Ecomog-Soldaten, Regierung und Rebellen inbegriffen, hört jeden Nachmittag um fünf die "World News" der BBC, in denen er über das Geschehen des Tages informiert. Vor der Abfahrt kaufen wir Zigaretten: Die in der goldenen Schachtel sind für Offiziere, die anderen für Mannschaften bestimmt. Allison schärft mir ein, nichts zu photographieren und keine Fragen zu stellen; dann geht es los.

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Links und rechts der Straße die üblichen zerschossenen Autowracks. Wir fahren am internationalen Flughafen vorbei, der seit Jahren geschlossen ist; im Zweiten Weltkrieg wurden hier amerikanische Bomber aufgetankt. Dann tauchen wir in Kautschukwälder ein. Das Werksgelände der Firma Firestone, einst Inbegriff des US-Imperialismus, gehört heute einem japanischen Konzern und wird von Einheiten der Regierungsarmee bewacht. Die Fabrikanlagen sind intakt, aber die Kautschukwälder werden kahlgeschlagen und zu Holzkohle verarbeitet, die hier zum Kochen dient; ein Sack Holzkohle kostet weniger als ein Bier - die ökologischen Folgen kümmern niemanden.

Am Straßenrand sind Vogelscheuchen aufgestellt, ausstaffiert mit Uniformjacken, Stahlhelmen und Totenschädeln; die monströsen Gebilde weisen auf Militärposten hin - wer das Haltegebot übersieht, setzt sein Leben aufs Spiel. Ich zähle 43 Checkpoints, und es ist jedesmal die gleiche ermüdende Prozedur: anhalten, aussteigen, Papiere vorlegen, Personen- und Gepäckkontrolle, Fragen nach Woher und Wohin. Zahlung des Wegzolls, der mit Zigaretten beglichen wird; nur Soldaten der regulären Armee, die schon am Morgen betrunken sind, verlangen Bestechungsgeld. "Sie haben den Krieg verloren", meint Allison, "und rächen sich dafür an der Zivilbevölkerung."

Kurz vor Buchanan überqueren wir auf einer schwankenden Pontonbrücke einen Dschungelfluß; die alte Brücke über den St. John River wurde von Charles Taylors Leuten auf dem Rückzug gesprengt. "Why did you look at the bridge? You`re a spy!" Ein Ecomog-Posten mit Haussa-Stammesnarben im Gesicht hält mir die Mündung seiner M-16 unter die Nase. "Soll ich die Brücke mit geschlossenen Augen überqueren?" - "Don`t talk to me like that. Next time I`ll break your leg." Allison meint, die Drohung sei ernst gemeint. Er bietet dem Soldaten Zigaretten an. "Okay, Mr. White, you can go."

Vor dem Krieg lebten 40 000 Menschen in Buchanan. Inzwischen ist die Einwohnerzahl auf 120 000 angeschwollen, und jede Woche kommen Tausende dazu, Heimatvertriebene aus dem Hinterland, wo Taylors Armee eine neue Offensive gestartet hat, und Küstenfischer vom Stamm der Fanti und Kru, die auf kleinen Booten vor den Rebellen fliehen. Im März kamen fünfzig liberianische Boat people auf der Flucht ums Leben, und am 9. April wurden 62 Frauen und Kinder in dem Dorf Yosi bei Buchanan massakriert. Der Superintendent der Region hat an die Regierung in Monrovia appelliert, Lastwagen mit Lebensmitteln zu schicken, weil die Stadt den Flüchtlingsstrom nicht mehr verkraften kann. Überall stehen Bedürftige vor den Büros der Hilfsorganisationen Schlange. Viele von ihnen sind seit Jahren kreuzund quer durch Liberia unterwegs, ständig auf der Flucht vor dem Krieg, der ihnen auf dem Fuße folgt.

Frauen und Kinder werden mißhandelt oder vergewaltigt, Alte totgeschlagen, Männer zur Zwangsarbeit oder zum Kriegsdienst gepreßt; ein Junge zeigt uns die blutigen Striemen der Fesseln an seinen Oberarmen; eine Frau weint, weil ihre Tochter auf der Flucht eine Fehlgeburt erlitt und mit ihrem Kind ums Leben kam; eine junge Mutter erzählt, sie habe sich und ihr Baby von den Wurzeln einer Wildpflanze ernährt, die keinen Nährwert habe, Magenkrämpfe, Durchfall und Erbrechen verursache; Kranke und Schwache seien am Wegrand zurückgeblieben; nur die Stärksten hätten überlebt. Noch dazu sei der Empfang in Buchanan alles andere als freundlich: Die Vertriebenen würden als Betrüger beschimpft, die mit falschen Angaben überhöhte Reisrationen ergaunern wollten; die zuletzt Gekommenen nähmen den schon früher Geflüchteten den knappen Wohnraum weg.

Im Hof der katholischen Mission werden Kochtöpfe und Decken, Seife und Medikamente verteilt. "Wir machen weiter, bis alle Reserven aufgebraucht sind", sagt Schwester Annela, deren Orden in Liberia mehrere Märtyrer zu beklagen hat: Bei ihrer "Operation Octopus" im Herbst 1992 haben Taylors Rebellen fünf katholische Schwestern massakriert.

Es ist halb sieben, die Sperrstunde naht, das einzige Motel ist ausgebucht, und wir haben noch kein Nachtquartier. Eine Flüchtlingsfamilie bietet uns Obdach in der Ruine eines herrschaftlichen Hauses an. Die Eigentümerin ist tot; nach der dritten Plünderung ihrer Villa bekam sie einen Herzinfarkt. Von der einstigen Pracht ist nur das Bad übriggeblieben, in dem seit Jahren kein Wasser mehr läuft. Nicht nur Türrahmen, auch die Armlehnen der Sessel wurden herausgebrochen und verheizt. Wir zünden Kerzen an, trinken Whisky und essen Biskuits. Allison schläft auf dem Marmorfußboden, und ich bette mich auf eine von Moskitos umsummte Matratze. Von draußen sind Schüsse zu hören. "Sie finden immer einen Grund, dich zu töten", sagt Allison, bevor er die Kerze ausbläst: "Weil du Mandingo sprichst oder Krahn, weil du wie ein Regierungsbeamter aussiehst oder weil dir nichts vorzuwerfen ist - damit erregst du am meisten Verdacht."

Entfesselt zum Morden

Nach Monrovia zurückgekehrt, fahren wir zum Ecomog-Hauptquartier, um Jesse Karnley zu treffen, einen der angesehensten Journalisten Liberias, der täglich im Radio die Politik der Warlords kritisiert. Sein auf dem Ecomog-Gelände gelegener Sender wird von Soldaten aus Ghana bewacht. Jesse Karnley hätte seinen Mut beinahe mit dem Leben bezahlt; im Juli 1990 stellte er sich freiwillig Taylors Leuten, um der Erschießung durch die Rebellen zu entgehen, in deren Augen er doppelt verdächtig war: wegen seiner hellen Haut, die ihn als Angehörigen der Oberschicht auswies, und weil er Staatssekretär im Informationsministerium gewesen war. Jesse hatte Glück; ein NPFL-Offizier, der kein Analphabet war, brachte ihn nach Capemount im Norden Liberias, zusammen mit zwei nigerianischen Journalisten, die auf dem Fußmarsch von Monrovia nach Sierra Leone den Rebellen in die Arme gelaufen waren.

Die drei wurden per Schiff von Capemount nach Buchanan gebracht, wo sie bei der Ankunft mißhandelt, geschlagen und in eine Todeszelle gesperrt wurden. Journalisten galten automatisch als Spione, wobei erschwerend hinzukam, daß Jesse die beiden Nigerianer in Monrovia akkreditiert hatte - der Fall wurde so zum internationalen Komplott. Er rechnete täglich mit dem Tod; seine Zellengenossen wurden einer nach dem anderen liquidiert. Ein Anwohner brachte ihm Essen ins Gefängnis; ohne seine Hilfe wäre er in der Haft verhungert. Die Schwägerin von Charles Taylor, die früher als Sekretärin im Informationsministerium gearbeitet hatte, machte diesen auf Jesses Schicksal aufmerksam. Nach strengem Verhör wurde er aus der Haft entlassen und ins Hauptquartier der Rebellen gebracht, wo Taylor ihn zu seinem Pressesprecher ernannte: Jesse bekam bewaffnete Leibwächter zugeteilt.

Die Journalisten aus Nigeria hatten weniger Glück: Nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis wurden sie von einem Jeep abgeholt und außerhalb von Buchanan im Busch erschossen.

Als Charles Taylor zu Verhandlungen nach Ouagadougou fuhr, gelang Jesse die Flucht; aber am Stadtrand von Monrovia geriet er in einen Hinterhalt von Prince Johnsons Rebellen und wurde erneut zum Tode verurteilt. Die Soldaten führten seine Mitgefangenen zur Erschießung ab, aber als die Reihe an Jesse kam, schenkte Prince Johnson ihm das Leben: Er suchte einen fähigen Journalisten, um seine Heldentaten der Nachwelt zu überliefern, und Jesse hatte glaubhaft versichert, daß er gegen seinen Willen von Taylor rekrutiert worden war. An diesem Punkt seines Berichts krempelt er die Ärmel hoch und zeigt die vernarbten Wunden, die die zwölfstündige Fesselung mit Hanfstricken hinterließ.

Besuch bei Erzbischof Michael Francis, der gerade seinen Amtssitz verläßt, mich aber trotzdem zum Gespräch empfängt. Er trägt Turnschuhe unter seinem Talar und wirkt schlicht und unprätentiös wie ein Befreiungstheologe in Lateinamerika. Zusammen mit Geistlichen anderer Konfessionen, darunter auch dem Imam, hat er eine Kampagne zur Enttraumatisierung minderjähriger Mörder initiiert, die drei Phasen umfaßt: Entwaffnung, Verzeihung und Rehabilitation. Täter und Opfer (beziehungsweise deren Angehörige) kommen unter Leitung von Priestern und Dorfältesten zu Gesprächen zusammen, an deren Ende ein Schuldbekenntnis und die Vergebung steht. Anders geht es nicht, weil jede liberianische Familie offene Rechnungen zu begleichen hat; alle haben Tote und Vermißte, von Folter und Verschleppung traumatisierte Angehörige zu beklagen, jedes Bett und jeder Tisch hat mehrmals den Besitzer gewechselt. Die durch den Krieg entwurzelten, verrohten und demoralisierten Jugendlichen sollen behutsam in die Gesellschaft reintegriert werden; damit sie die Waffen niederlegen, müssen sie die Gewißheit haben, nicht aus Vergeltung massakriert zu werden. Erfordert das nicht eine übermenschliche Geduld, die man den durch Gewalt traumatisierten Opfern abverlangt? Nein, sagt Erzbischof Francis, es sei ein Gebot der Nächstenliebe.

Ich will wissen, ob in Monrovia umlaufende Gerüchte stimmen, wonach es im Busch immer wieder zu Kannibalismus kommt. Ja, aber nicht als Folge von Hunger, sondern als magisches Ritual, mit dem der Geist der Toten seinem Mörder dienstbar gemacht werden soll.

Mein letzter Gang führt zum Friedhof. Das Grab von Expräsident Tolbert wurde eingeebnet, sein Mörder Doe an unbekanntem Ort verscharrt. Schräg gegenüber liegt das Gefängnis, ein von der Sonne aufgeheizter Betonbunker mit vergitterten Luken, durch die kaum Luft eindringt. Aus dem Inneren ist rhythmisches Klatschen und Gesang zu hören wie aus einem Sklavenschiff. Die Häftlinge protestieren, weil das von der Regierung bewilligte Geld für ihren Unterhalt auf dem Weg durch die Instanzen spurlos verschwunden ist. "Sie brauchen eine Genehmigung des Innenministers", sagt der Gefängnisdirektor, der mich im sandigen Innenhof unter einer Akazie sitzend empfängt. "Liberia ist ein freies Land, aber wenn Sie mir noch mehr Fragen stellen, lasse ich Sie einsperren."