Bevor das nächtliche Ausgehverbot in Kraft tritt, wollen wir Dr. Nimene besuchen, einen liberianischen Arzt, der in Deutschland studiert hat und mit einer Deutschen verheiratet ist. Seine in der Bundesrepublik lebende Frau hat mir Nachrichten und Medikamente für ihren herzkranken Mann mitgegeben, der am Stadtrand von Monrovia eine German-Liberian Clinic betreibt.

Nach langem Suchen - unterwegs passieren wir mehrere von Ecomog-Soldaten bewachte Straßensperren - halten wir vor Dr. Nimenes Haus am Ende der Duport Road, einer staubigen Piste, die sich im hohen Gras verliert. Das schwere Eichentor ist verschlossen und wird erst nach mehrfachem Hupen geöffnet. "Willkommen in Liberia", sagt Dr. Nimene, der heute morgen am Flugplatz vergeblich auf mich gewartet hat. "Ich habe mir Sorgen gemacht, weil Sie so spät kommen. Dieser Teil von Monrovia ist nicht mehr sicher, seit die Rebellen in der Nähe, auf der Duport Road, ein Massaker verübt haben."

"Wann war das?"

"Kurz vor Weihnachten. Sie haben ihre Opfer im Schlaf überrascht. Kinder und alte Menschen, die sich nicht wehren konnten, wurden in ihren Betten massakriert, Männer mit Äxten enthauptet, Frauen vergewaltigt und dann mit Macheten zerstückelt. Die Mörder standen unter Drogen oder unter Alkohol."

"Und wer steckt hinter dem Massaker?"

"Das wissen wir nicht. Entweder Regierungssoldaten oder Charles Taylors NPFL. Die Mörder sollen Krahn gesprochen haben, was auf die Armee hindeutet. Sie töten, um ihre Präsenz zu demonstrieren oder um die Morde ihren politischen Gegnern in die Schuhe zu schieben. Nicht einmal die genaue Zahl der Opfer ist bekannt. Die Regierung spricht von 48 Toten, darunter 28 Kinder, aber in Wahrheit dürften es erheblich mehr gewesen sein."

Der Guerillakrieg begann vor fünf Jahren im Nordosten Liberias, wo Rebellenführer Charles Taylor und seine National Patriotic Front of Liberia zunächst als Befreier von Does Diktatur begrüßt wurden. Monrovia stand kurz vor dem Fall, als Ecomog-Truppen landeten und Prince Johnsons INPFL (Independent National Patriotic Front of Liberia) sich von Taylor abspaltete. Seitdem haben sich die bewaffneten Banden wie Krebsgeschwüre vermehrt. Die Armed Forces of Liberia (AFL) mutierten zur ULIMO-M oder K (United Liberation Movement-Mandingo oder Krahn) und weiter zum LPC (Liberian Peace Council) - ein Krieg aller gegen alle, in dem es keinen Sieger, sondern nur Verlierer gibt.