Nachdem ich Dr. Nimene die mitgebrachten Medikamente und Nachrichten von seiner Frau übergeben habe, nehmen wir draußen auf der Terrasse Platz. Ringsum raschelndes Elefantengras, durch das in der Nacht des 15. Dezember 1994 die Rebellen herangeschlichen sind. Die in der Mittagssonne brütende Savanne sendet Hitzewellen aus. Wir trinken lauwarmes Bier - fließendes Wasser und Strom gibt es in den Vororten Monrovias seit Jahren nicht mehr.

Dr. Nimene sieht alt und müde aus. Sein Haus und die dazugehörige Klinik wurden zweimal von Rebellen geplündert, und er hat eine schwere Herzoperation hinter sich. Das Massaker auf der Duport Road war für ihn der vorläufig letzte Akt einer Tragödie, die viereinhalb Jahre zuvor begann, als Taylors Truppen beim Vormarsch auf Monrovia sein Haus besetzten und hier ihr Hauptquartier aufschlugen. Die freedom fighters oder freedom killers, wie man sie ironisch nennt, nahmen Dr. Nimene als Geisel und zwangen ihn, verwundeten Kämpfern Kugeln zu extrahieren und Verbände anzulegen, wobei seine Frau ihm als Krankenschwester assistieren mußte; der Tatsache, daß sie für die Rebellen unentbehrlich waren, verdanken beide ihr Leben.

Unser Haus glich einem Feldlazarett", sagt Dr. Nimene. "Im Hof und auf der Terrasse lagen die Verwundeten, und hier im Wohnzimmer wurde rund um die Uhr operiert, ohne Narkose natürlich. Es fehlte an allem: Verbandszeug, Desinfektionsmittel, Medikamente, aber trotzdem haben wir fast alle Patienten durchgebracht. Die meisten waren noch Kinder, Jungen und Mädchen, die in Wüstencamps in Libyen oder Burkina Faso zu Partisanen ausgebildet worden waren: Außer zu töten, hatten sie nichts gelernt."

Es ist fünf Uhr, und meine Begleiter drängen zum Aufbruch. In zwei Stunden tritt das Ausgehverbot in Kraft, und sie müssen nach Hause zu ihren Familien. Wir fahren am Flughafen vorbei in Richtung Stadt. Je näher wir der Innenstadt kommen, desto dichter wird die Bebauung. Von Slumhütten umbrandet, steigen Hochhäuser vor uns auf, häßliche Betonklötze, die aussehen wie ein in Westafrika gestrandetes Raumschiff Enterprise - eine Hinterlassenschaft der sechziger Jahre, als Präsident Tubman Weltniveau demonstrieren wollte mit Justizpalast und Außenministerium, Entbindungsklinik und Universität. Wo früher Schreibmaschinen klapperten oder Operationsbesteck blitzte, wo Sekretärinnen oder Krankenschwestern durch dämmrige Korridore huschten und wo Minister oder Chefärzte residierten, haben sich heute displaced persons, Kriegsopfer und Vertriebene, häuslich niedergelassen. An den Fenstern des Außenministeriums trocknet Wäsche, Kinder lärmen in den Büros, der Fahrstuhlschacht dient als Müllschlucker, und im Treppenhaus schlafen Obdachlose.

Monrovia ist nicht nur ein Menschen-, sondern auch ein Autofriedhof: Die Betonhochburgen der früheren Regierung werden von schrottreifen Panzern flankiert, deren löchrige Geschützrohre niemandem mehr Angst einjagen, und rostige Autoskelette ragen aus Meeren von Unkraut hervor.

Aber der Anschein von Ruhe täuscht: Zwar verhandeln die Warlords seit Mitte Januar in Accra, der Hauptstadt Ghanas, über Frieden, aber das passiert nicht zum ersten Mal, und bisher hat keine der Kriegsparteien die getroffenen Abmachungen respektiert. Für den Fall, daß die Gespräche scheitern, hat Charles Taylor ein neues Blutbad angekündigt; nicht einmal die für die Dauer der Verhandlungen vereinbarte Waffenruhe wird von der NPFL eingehalten.

"Charles Taylor ist ein cleverer Typ", meint Robert, der Mann von der Telekom, während er seinen Wagen durch die überfüllte Innenstadt steuert. "Nach Angaben des Roten Kreuzes hat er für drei Millionen Dollar Hilfslieferungen gestohlen, mitsamt den dazugehörigen Lkw. Unsere Politiker haben sich in Warlords verwandelt, die Parteien in bewaffnete Banden, deren Mitglieder keinen Sold bekommen und ungestraft rauben und morden dürfen."