Der mit Clubsesseln möblierte Empfangsraum wirkt wie eine Mischung aus Beerdigungsinstitut und Puff; im Mittelpunkt, auf einer Art Altar, ein riesiges Fernsehgerät, dessen Bildschirm verwirrende Lichtreflexe aussendet; an der Wand das überlebensgroße Portrait des Hausherrn, der uns anderthalb Stunden lang warten läßt. Ab und zu lugt aus dem Nebenzimmer ein Kind herein, das auf dem Teppichboden Purzelbäume schlägt, bevor es sich wieder verzieht.

Dann ist es endlich soweit: Die Tür geht auf, und der Staatsratsvorsitzende tritt ein, gefolgt von einem Mann im Jogginganzug, der sich auf einem entfernten Sessel niederläßt. Es handelt sich nicht um einen Leibwächter, wie ich anfangs annahm, sondern um den Gouverneur der Staatsbank, dem ich den Grund meines Kommens vortrage, während Dr. Kpomakpor so tut, als verstehe er kein Wort. Der Staatspräsident, von Beruf Juraprofessor an der hiesigen Universität, wurde im Sommer 1990 von Charles Taylors Leuten festgenommen und zwei Monate lang inhaftiert. Mehr erfahre ich nicht. Meine Frage, ob er in der Haft mißhandelt wurde, will er beim nächsten Gesprächstermin beantworten, den der Gouverneur der Staatsbank in ein ledergebundenes Buch einträgt.

Am nächsten Morgen führen mich Paul und Wallace, die Mitarbeiter der Hilfsorganisation, zu einem Lager für Kriegsflüchtlinge in Congo-Town, nicht weit vom Flughafen und dem angrenzenden Diplomatenviertel. Ich bin schon mehrmals an dem nie zu Ende gebauten Hochhaus vorbeigefahren, einem Geschenk der Volksrepublik China, das ursprünglich als Gesundheitsministerium dienen sollte und heute 3500 Vertriebenen Obdach gibt.

"In Wirklichkeit sind es 4000, denn nicht alle Flüchtlinge sind bei uns registriert", sagt der Sicherheitschef Moussa, während er uns, treppauf, treppab, durch das sechsstöckige Gebäude führt. Die Großraumbüros sind durch Säcke in winzige Verschläge unterteilt, in denen vielköpfige Familien auf engstem Raum zusammenleben, kochen, essen und schlafen. Es wimmelt von Ratten, Kakerlaken und Moskitos, die nachts von den nahe gelegenen Sümpfen ausschwärmen; Malaria, Durchfall- und Atemwegserkrankungen haben epidemische Ausmaße angenommen. Kein Arzt, nur eine Krankenschwester versorgt die Patienten in einem als Untersuchungszimmer dienenden Zelt; sie beschwert sich, daß die Tuberkulose- und Cholerakranken erst zu ihr kämen, wenn es zu spät sei - Husten und Durchfall gelten unter den Flüchtlingen als normal.

Die Vertriebenen kommen aus allen Teilen des Landes; einige sind seit Jahren, andere erst seit wenigen Wochen hier. Ich spreche mit einer jungen Mutter, die gerade ihr Baby stillt. Sie heißt Finda, gehört zum Stamm der Kissi, und hat auf der Flucht aus Sierra Leone ihre Familie verloren. Unterwegs wurde sie mehrmals von Rebellen angegriffen, vergewaltigt und ausgeplündert. Die Flüchtlinge mußten sich wochenlang von Palmnüssen ernähren - in den Dörfern waren sie nicht willkommen, da deren Bewohner selbst nichts zu essen hatten. Findas Mutter, ihr Bruder, ihr Onkel und dessen Kinder starben auf dem Marsch durch den Busch.

Die Flüchtlinge sind dankbar für jede Geste, für die geringste Aufmerksamkeit, die man ihnen entgegenbringt. Sie sind gewohnt, daß niemand von ihren Leiden hören will, denn die meisten Liberianer haben Ähnliches oder Schlimmeres durchgemacht.

Auf der Fahrt zum Hotel halten wir an einem Bücherstand auf der Broad Street. Hier werden zerfledderte Lehrbücher angeboten, die bei der Plünderung von Schulen und Universitäten gestohlen worden sind. Auf den Innenseiten stehen in krakeliger Kinderschrift die Namen oder Initialen ihrer früheren Besitzer, von denen die meisten nicht mehr leben: Entweder sie wurden von der Regierungsarmee massakriert, die am 29. Juli 1990 600 Frauen und Kinder ermordete, die in der lutheranischen Kirche Zuflucht gesucht hatten; oder sie fielen der "Operation Octopus" zum Opfer, mit der Charles Taylor im Oktober 1992 Monrovia zurückzuerobern versuchte.