Als Soldat der Bundeswehr möchte ich vorweg betonen: Eine Gleichsetzung von Bundeswehr und Wehrmacht darf es noch nicht einmal andeutungsweise geben. Schon die in den vierzig Jahren der Bundeswehr bewiesene Bindung an Demokratie und Rechtsstaat spricht dagegen. Die Bundeswehr ist aber nicht geschichtslos, und sie hat gezeigt, daß sie insbesondere aus den dunklen Stunden unserer Geschichte die Lehre gezogen hat, das ihr Mögliche zu tun, damit die Geschichte sich nicht wiederholt.

1. Der 8. Mai 1945 war auch der Endpunkt einer kontinuierlichen deutschen Militärgeschichte. Die viele hundert Jahre alten Traditionen und Überlieferungen der Armeen der deutschen Einzelstaaten waren nach 1918 in die kleine Reichswehr eingemündet. Aus ihr war 1935 durch Vergrößerung und Umbenennung die Wehrmacht entstanden. Was immer man über die Wehrmacht als Ganzes heute sagen mag, sie stand in der ununterbrochenen Kontinuität der deutschen, der preußischen und bayerischen, der sächsischen und württembergischen Militärtradition. Das Ende der Wehrmacht war somit auch das Ende gewachsener militärischer Kontinuität.

2. Wenn heute die Wehrmacht pauschaler Kritik ausgesetzt ist, sollte man sich einige Fakten in Erinnerung rufen, weil diese für die Beurteilung wichtig sind. Die Wehrmacht war zwar Träger der deutschen Militärtradition, aber sie war eben auch die Armee einer Diktatur. 1934, nach dem Tode Hindenburgs, wurde Hitler in dessen Nachfolge Oberster Befehlshaber der Reichswehr. Gleichzeitig wurde die Reichswehr auf Vorschlag des Reichswehrministers von Blomberg auf Hitler vereidigt. In der Folge war die Wehrmacht, wie sie seit 1935 hieß, nationalsozialistischen Einwirkungen, auch im Bereich des inneren Gefüges, ausgesetzt. 1938 übernahm Hitler nach dem Ausscheiden Blombergs den militärischen Oberbefehl über die Wehrmacht.

Diese und weitere Grunddaten der Wehrmachtgeschichte sind längst bekannt, sie hatten unmittelbare rechtliche Auswirkungen auf das Befehlsgefüge. Hitler erweiterte aufgrund seiner staatsrechtlichen Stellung als Oberster Befehlshaber und Oberbefehlshaber seine Einflußnahme auf die Streitkräfte stufenweise. Wie er das tat und welche Folgen es hatte, untersucht die Einzelforschung; sie ist noch nicht abgeschlossen. Spätestens im Frühjahr 1941 nahm die Wehrmacht- und Heeresführung jedoch rechtswidrige Befehle Hitlers hin. So wurden auf Befehl Hitlers im Frühjahr und Sommer 1941 von den Oberkommandos der Wehrmacht und des Heeres Befehle herausgegeben, die die Zusammenarbeit der Wehrmacht mit der Sicherheitspolizei und dem SD, also der SS, regelten (28. April 1941), die Erschießung von Kommissaren der Roten Armee ohne Urteil anordneten (6. Juni 1941) und bei Übergriffen deutscher Soldaten gegenüber der Landesbevölkerung Straffreiheit gewährten (13. Mai 1941). Auch wenn der "Kommissarbefehl" offenbar nicht überall befolgt und bald wieder aufgehoben wurde, liegen diese Befehle doch als Schatten auf der höheren Wehrmacht- und Heeresführung. Andererseits muß man auch festhalten, daß es einen gleich zu Kriegsbeginn erlassenen "Grundsätzlichen Befehl Nr. 1" gab, der festlegte, daß jeder Angehörige der Wehrmacht nur so viel Information bekommen durfte, wie er zur Ausübung seiner Funktion unbedingt brauchte.

3. In der ersten Nachkriegszeit stand, wie wir wissen, die Behauptung einer institutionellen und inneren Unabhängigkeit der Wehrmacht gegenüber nationalsozialistischen Einflüssen im Vordergrund. Heute wissen wir, daß dies so nicht gesagt werden kann, sondern daß es in Teilen Schuld und Verstrickung gab. Dennoch gilt für die meisten Soldaten der Wehrmacht noch immer, was der unvergessene Axel von dem Bussche 1947 sagte: "Ein Großteil der Treue gegenüber dem obersten Kriegsherren ist ,bona fide` geleistet worden." Daß die Durchsetzung nationalsozialistischer Prinzipien in der Wehrmacht keineswegs konfliktfrei erfolgte und bis zum Tag des Attentats am 20. Juli 1944 durchaus in Grenzen blieb und daß sich trotz allem rechtliches Denken und parteiunabhängige Strukturen in der Mehrzahl der Truppenteile der Wehrmacht behaupten konnten, wissen viele, die mit der Geschichte der Wehrmacht vertraut sind. Die Erforschung dieser Konflikte ist ja, soweit ich sehe, gerade ein zentraler Aspekt der militärgeschichtlichen Forschung.

Die Rede, zum Beispiel, von "den Generälen", die an allem schuld seien, verliert an Aussagekraft, wenn man bedenkt, daß es im "Dritten Reich" insgesamt 3191 Generäle und Admiräle (ohne Sanitäts- und Veterinäroffiziere) gegeben hat. An der Schnittstelle zwischen Militär und Politik befanden sich in den Oberkommandos nur wenige Personen. Ob sie versagten und warum, bedarf sorgfältiger Klärung durch die Diskussion der Fachhistoriker. Dasselbe gilt für die gegenwärtig wieder aktuelle Frage einer "willigen" Zusammenarbeit zwischen Heer und SS/Polizei in Polen, der Sowjetunion und auf dem Balkan, wo die jeweiligen besonderen Bedingungen zu berücksichtigen sind. Pauschal der Wehrmacht "Vernichtungsabsichten" im Sinne des NS-Regimes zu unterstellen scheint mir eine durch die historische Forschung nicht belegbare und daher überzogene Wertung zu sein. Auch die Behauptung, jeder habe von der gezielten Massenvernichtung gewußt, ist ganz offensichtlich falsch.

4. Die deutschen Streitkräfte wuchsen im Zweiten Weltkrieg, wie die Streitkräfte der Gegnerstaaten, zur Riesenorganisation einer Kriegswehrmacht heran, die von rund achtzehn Millionen Soldaten durchlaufen wurde. Vielen von ihnen, die den ganzen Krieg oder große Teile davon mitgemacht haben, ist die Wehrmacht zur zweiten, fast schon zur ersten Heimat geworden. Nur selten nach Hause beurlaubt, lebten sie ihr Leben im Feld oder in der Etappe und entfremdeten sich der Heimat und dem normalen Leben immer mehr. Die Ausnahmeexistenz unter der schrecklichen Wirklichkeit des Krieges, der täglichen Realität des Tötens und Getötetwerdens, wurde zum Normalfall. Diese Situation des Soldaten im totalen Krieg muß vor allem von jenen bedacht werden, die, ohne zu wissen, was Krieg heißt, aus der Erfahrung eines behüteten Lebens heraus glauben urteilen zu können.