Im Herzen von Jerusalem klafft ein riesiges Loch. Hier in Mamilla, ganz in der Nähe des Jaffators, entsteht ein neues Luxushotel: In einem Jahr soll "David`s Royal Residence" fertig sein. Fast alle hundert Bauarbeiter sind dazu extra aus Rumänien angereist - offiziell angeworben von der israelischen Regierung.

Die Männer, die am Sabbat im Schatten der Altstadtmauer zum Picknick Wodka trinken, stellen in Israel ein neues Phänomen dar. Sie zählen zu den etwa 100 000 ovdim sarim - den "fremden Arbeitern", die ins Land geholt wurden, um den plötzlich gestiegenen Bedarf an Arbeitskräften zu decken. Sie sind vor allem im Baugewerbe und in der Landwirtschaft zu finden, wo sich bisher die Palästinenser aus der Westbank und dem Gaza-Streifen ihr Brot verdient haben. Seit der israelischen Abriegelungspolitik aber wird auf den Baustellen nicht arabisch, sondern rumänisch, bulgarisch und sogar chinesisch gesprochen.

Bisher hatte der Bauunternehmer Mark Mordechai unter seinen Leuten 150 Palästinenser beschäftigt. Heute sind es nur noch fünfzig. Die neuen Kräfte sind zwischen zwanzig und fünfzig Jahre alt und verdienen 600 bis 800 Dollar im Monat. Dafür arbeiten sie neun Stunden pro Tag und sechs Tage pro Woche - außer Samstag. Weil die Arbeitgeber gesetzlich für Unterkunft und Verpflegung sorgen müssen, hat Mordechai die weißen Wohncontainer mit Kühlschränken und Fernsehapparaten ausgerüstet. Außerhalb der Baustellen, über denen manchmal der Davidstern weht, ist den Arbeitern die neue Welt fremd. Sie kennen weder die hebräische Sprache, noch wissen sie etwas von jüdischer Kultur. Auf einem der schmalen Betten liegt eine Ausgabe von Revista Mea ("Meine Zeitschrift") - so heißt eine israelische Zeitschrift in rumänischer Sprache für Neueinwanderer.

Die meisten ausländischen Arbeiter sind wie Gheorge Kapranu aus Zufall in Israel gelandet. Er wäre auch nach Deutschland oder Amerika gegangen, erzählt der 41jährige Rumäne. Hauptsache, das Geld stimmt. Und hier verdient er zehnmal soviel wie zu Hause. Wenn es nach ihm ginge, würde er am liebsten hierbleiben und seine Frau und Kinder nachholen. Genau das allerdings soll vermieden werden. Deshalb gibt es nur beschränkte Arbeitserlaubnisse von drei bis zwölf Monaten; außerdem gehört es zur Vorschrift, daß die Arbeiter alleine kommen.

Rumänen oder Bulgaren sind aus der Sicht der Unternehmer ein Gewinn, auch wenn sie insgesamt teurer bezahlt werden müssen als die Palästinenser, von denen im übrigen niemand behauptet, sie seien schlechte Arbeiter. Die neuen Kräfte hätten keine mehrstündige Anreisezeit, und ihr Eintreffen hänge nicht von der politischen Lage ab. Und außerdem, fügt Karol Haas hinzu, der selbst aus Transsylvanien stammt und in Mark Mordechais Firma für die Betreuung der Arbeiter aus der Fremde zuständig ist, "kommen sie nicht auf den Gedanken, dem israelischen Arbeitgeber etwas anzutun".

Den allerwenigsten ovdim sarim ist klar, daß ihre Anwerbung im Grunde aus einer vertrackten politischen Lage resultiert. Vor der Intifada, die im Dezember 1987 begann, überquerten täglich mehr als 120 000 Palästinenser die grüne Grenze nach Israel. Während des Golfkriegs kam es erstmals zu einer völligen Abriegelung von Westjordanland und Gaza-Streifen; nach einem besonders blutigen Anschlag auf Israelis, im April 1993, folgte eine Dauersperre. Doch die Abhängigkeit von den palästinensischen Arbeitskräften, die seit 1967 in Israel gearbeitet hatten, war so groß, daß die Sperre immer wieder gelockert wurde - bis zum nächsten Attentat. Der Import von Arbeitern wurde offiziell nach dem Anschlag auf einen Tel Aviver Bus im vergangenen Oktober beschlossen, bei dem 22 Israelis ums Leben kamen. Das israelische Kabinett legte die Zahl auf 19 000 fest, heute sind daraus 70 000 geworden. 10 000 zusätzliche Genehmigungen sollen noch in diesem Monat erteilt werden. Die restlichen 20 000, so wird geschätzt, arbeiten illegal. Druck auf die Regierung übt vor allem das Baugewerbe aus.

Daß im Einwanderungs- und Industrieland Israel ein Bauboom herrscht, ist durch die Bürofenster des Bauunternehmerverbands in Tel Aviv leicht wahrzunehmen. Avinoam Nachum, der im vierten Stock sitzt, hat die Kräne vor Augen. Es sei eine Tatsache, erklärt er, daß Israelis nicht unbedingt in dieser Branche arbeiten wollten. "Wir versuchen bereits alles, um das Image des Bausektors aufzuwerten", in dem in den vergangenen fünf Jahren 20 000 Neueinwanderer gearbeitet haben. Aber die russischen Immigranten, unter denen es eine hohe Arbeitslosigkeit gibt, seien eben auch nicht die Besten in diesem Bereich.