Es geht uns gut. Die Zeiten, wo wir vor Hunger kaum in den Schlaf kamen, sind gottlob vorbei. Jetzt hat sich an unserem Eßtisch in der schlichten Cafeteria oder im eleganten Dreisternerestaurant ein unsichtbarer Gast uneingeladen breitgemacht: der Gesundheitsforscher. Mit Medizinstatistiken in der Hand und Hochglanzbroschüren der Ernährungsindustrie in der Tasche wirft er meist vorwurfsvolle Blicke auf unseren Teller.

Irgend etwas hat er immer zu meckern. Wir essen zuviel Fleisch und zuwenig Gemüse, Ballaststoffe genannt. Und natürlich viel zuviel Fett. Weil uns gute Butter aus deutschen Landen so gut schmeckt, muß sie wohl schädlich sein, sie fördert Atherosklerose, Herzinfarkt, Schlaganfall. Wer das nicht will, soll seinen Fettbedarf bei Meeresfischen holen. Die seien mit ihrem hohen Anteil an dreifach ungesättigten Fettsäuren richtige Heilsbringer. Da erinnert uns der unsichtbare Gast gern an die fischverzehrenden Japaner oder Eskimos, bei denen Herzinfarkte fast unbekannt seien.

Bloß die Japaner werden mit ihrem großen Fischverzehr zwar alt dabei - die Finnen aber, die nicht weniger Fisch essen, leben auch nicht länger als wir. Irgendwie scheint die vergleichende Sterbestatistik nicht so richtig zu stimmen. Das Beweismaterial der Ernährungsforscher mit den umfangreichen und unverständlichen Medizindaten, in denen etwa von Omega-Fettsäuren im Meeresfisch die Rede ist, macht den von der Cholesterinangst gepeinigten Bürgern, die keinen Fisch mögen oder ihn nicht vertragen, das Leben nicht eben leichter. Willig begeben wir uns auf die kollektive Jagd nach Risikofaktoren für Herz-und-Kreislauf-Erkrankungen und glauben fast alles, was die Epidemiologen uns im Laufe der Zeit aufgetischt haben.

Da hören wir in diesen Tagen gleich zwei Nachrichten, die ganz anders klingen. Im angesehenen New England Journal of Medicine erklärt uns Alberto Aschiero, Chef der Abteilung für Epidemiologie und Ernährung an der Bostoner Harvard-Universität: Fisch, ob viel, ob wenig, hilft auch nicht gegen Herzinfarkt. Aschiero und seine Mitarbeiter haben von 1986 bis 1992 in aufwendigen prospektiven und statistisch sauberen Studien den Zusammenhang von Fischverzehr und Auftreten von Angina pectoris und Herzinfarkten bei über 44 000 Zahnärzten untersucht. Dabei sind sie jetzt zu dem Schluß gekommen, daß tägliche Fischmahlzeiten genausowenig vor Herzinfarkt schützen wie der nur einmalige Genuß von Makrele, Hummer oder Rollmops pro Woche. Mit der segenbringenden Wirkung der in Kaltwasserfischen vorhandenen dreifach ungesättigten Fettsäuren oder der täglichen "Mahlzeit" von drei Fischölkapseln mit Omega-Fettsäuren ist es nach den Untersuchungen der Wohltäter aus Boston nicht weit her.

Die zweite Nachricht kommt aus der Rockefeller-Universität in New York. Dort hat der emeritierte Professor des britischen Nationalen Herz-und-Lungen-Instituts in London Michael Oliver seinen staunenden Kollegen erklärt, daß auch die Reduktion von Fett auf einen Kalorienanteil von 30 Prozent wenig nutze. Die magische 30-Prozent-Grenze galt bislang als das uns seit Jahren vorgestellte, aber nie erreichte Traumziel mancher Ernährungsforscher.

Sie haben sich wie die begeisterten Anhänger von Fischdiäten getäuscht. Denn mit einer bloßen Einschränkung des Fettanteils in unserer Nahrung lassen sich Herzkrankheiten noch nicht vermeiden. Michael Oliver hegt zwar keinen Zweifel, daß ererbte genetische Faktoren und reichlich Fett für das Entstehen von Atherosklerose verantwortlich sind. Er weiß aber aus Erfahrung, daß eine brutale Diät die Lebenslust derart einschränkt, daß kaum ein vernünftiger Mensch diese Art von Ernährung über einen längeren Zeitraum durchhält.

Solcher, sollen wir sagen: Bierernst hat oft Mißmut zur Folge. Und Lebensqualität und -erwartung haben bekanntlich auch mit der Freude an gutem Essen und Trinken zu tun.