Ich werde hier keine Verteidigung im üblichen Sinne vorbringen, wie man es vielleicht von mir erwartet. Zunächst muß ich einige Fehler berichtigen. In diesem Verfahren stützt sich der Ankläger nicht auf meine eigenen Worte, sondern auf den Text, den die Zeitungen Milliyet und Hürriyet auf der Grundlage einer unvollständigen, falschen, verkürzten Übersetzung aus dem Deutschen veröffentlicht haben.

Ich habe meinen ursprünglichen, im Spiegel erschienenen Artikel sowie die journalistischen Versionen von Hürriyet und Milliyet einem Experten vorgelegt und ihn um ein Urteil darüber gebeten, ob diese Zusammenfassungen dem im Spiegel veröffentlichten Text gerecht werden. Dieser Experte teilte mir mit, er könne aus dem Text nicht klug werden. Sätze seien aus dem Zusammenhang gerissen; ein ganzer Absatz sei in einem Halbsatz wiedergegeben, und auch das noch mit Abänderungen - ich müsse nicht lügen, wollte ich behaupten, dies sei nicht mein Text. Der vorliegende Text stammt von Milliyet und Hürriyet! Es gibt keinen Grund, warum Ihnen dieser Text zur Beurteilung vorgelegt werden sollte - wenn dieser Grund nicht in den Manipulationen der beiden Zeitungen liegt oder in der Kampagne, die einige Journalisten dieser beiden Zeitungen gegen mich geführt haben.

Ich frage mich, wo in meinem Falle der Ankläger steht - auf der Seite eines normalen Bürgers, dem alle Mittel genommen wurden, oder auf der Seite von Redakteuren, die ihre Weisungen vonaußen erhalten, die sich auf die Regierung stützen, auf die alten Bollwerke der Macht, und die aus dieser Position der Stärke über Schwächere herfallen? Wir können sehen, wo er steht.

Nähme der Ankläger das Rechtssystem ernst, dann wäre er nicht so vorgegangen, wie er es getan hat: Er hätte mich nicht mit einer völlig unbegründeten Anklage vor dieses Gericht gestellt. Zumindest hätte er sich den deutschen Artikel von neutraler Seite übersetzen lassen oder mich um die türkische Version gebeten. Läßt man diese Überlegung außer acht, ebenso wie die verbreitete Vorstellung, der Ankläger habe lediglich die Aufgabe, Anklage zu erheben, so ist doch festzuhalten, daß das Buch "Die Türkei und die Gedankenfreiheit" zu eben jenem Zeitpunkt erschien, als der Ankläger die Anklage vorbereitete. Zu diesem Buch haben 24 Autoren Beiträge geliefert. Zwei Artikel stammen von mir. Einen dieser Artikel veröffentlichte Index on Censorship, eine der angesehensten und einflußreichsten Zeitschriften Großbritanniens. Der andere erschien im Spiegel. Ein Ankläger, der die Gerechtigkeit ernst nimmt, hätte das Original des Texts sehen wollen. Die Ankläger ließen dieses Buch innerhalb von zwei Stunden nach seinem Erscheinen beschlagnahmen. Es ist eine erstaunliche Leistung, ein 140 Seiten starkes Buch in zwei Stunden zu lesen. Aber in unserem Land sind sehr erstaunliche Dinge möglich.

Warum hatte es der Ankläger so eilig, warum machte er sich nicht die Mühe, das Buch zu lesen? Ich glaube den Grund dafür zu kennen: Im türkischen Original hätte er keinen Grund zur Anklage gefunden. Eines jedoch weiß der Ankläger nicht: Ich schreibe seit fünfzig Jahren. Und seit fünfzig Jahren bin ich der Schriftsteller, der ich auch heute bin. Und da die Türkei niemals ein demokratisches Land gewesen ist, war sie für uns alle ein großes Gefängnis. Ein kleineres Gefängnis bedeutet für mich keinen Unterschied. Außer wenn die türkische Regierung in diesem kleineren Gefängnis noch größere Gefahren für mich bereithält.

Ich werde Ihnen einige Beispiele für die sogenannten Übersetzungen der beiden Zeitungen aufzählen. Der Titel meines Aufsatzes lautet im Spiegel: "Feldzug der Lügen". Daraus wurde: "Eine Lügenkampagne". Ein gewaltiger Unterschied. An einer Stelle spricht die Übersetzung von einem "Vergleich mit Vietnam". Falsch: Ich schrieb, die Völker Vietnams und Afghanistans hätten Amerika aus Vietnam und die Sowjets aus Afghanistan verjagt. Damit wollte ich deutlich machen, daß durch Krieg nichts zu erreichen sei.

Ich werde noch auf einen letzten Fehler hinweisen und dann aufhören, um nicht noch mehr von Ihrer Zeit zu verschwenden. Die Massenmörder in unserer Geschichte, wie Murad Mascha, wie alle anderen Tyrannen und Blutsäufer, ließen sich alles mögliche zuschulden kommen, aber eines taten sie nicht. Sie brannten nicht die Wälder ihres Landes nieder, sie sagten nicht: Wir wollen die Wälder niederbrennen, um die Guerillas auszurotten, die sich dort verbergen, die Banditen, Flüchtlinge, Deserteure, alle, die Zuflucht in den Wäldern suchen. Aber die türkische Republik hat dieses unverzeihliche Verbrechen begangen.