Die Gesamtschule ist trotz der in Deutschland üblichen permanenten Angriffe, trotz der Halbherzigkeit ihrer Unterstützer von einst eine erfolgreiche Schule. In Europa und in der ganzen Welt hat sie sich weitgehend durchgesetzt: als Grundschule und vielfach als einzige Sekundarschule. Anders als die festgelegten Schullaufbahnen des mehrgliedrigen Schulwesens oder die starre Einheitsschule (zum Beispiel der ehemaligen DDR) ist die Gesamtschule die beste Möglichkeit, eine doppelte Balance zu halten: Sie balanciert einmal die pädagogischen Gegensätze der "Differenzierung" aufgrund unterschiedlicher Begabungen und Neigungen aus; und zum anderen die gesellschaftlichen und pädagogischen Anforderungen der "Integration", also der Zusammenführung der Vielfalt unter dem g emeinsamen Dach einer Schule für alle Kinder. An den Staat und die Gesellschaft ist immer die Frage zu richten: Wieviel pädagogische und soziale Apartheid, wieviel Separation soll in der Schule zugelassen werden? Im dreigliedrigen Schulwesen braucht die höhere Schule - das Gymnasium - die niedere Schule, die Hauptschule. Auch das beste Gymnasium - und es gibt viele gute Gymnasien - kann diejenigen Schülerinnen und Schüler nicht fördern, die sie aufgrund der äußeren Rahmenbedingungen erst gar nicht eingelassen hat. In den letzten Jahren gingen immer mehr Schülerinnen und Schüler ins Gymnasium, damit wurde diese Schulform zur neuen Hauptschule und die Hauptschule zur Restschule; alsbald dürfte die Realschule die Probleme der Hauptschule erben. Die Antwort der Gesellschaft angesichts der zunehmenden Ausdifferenzierungen in Minderheiten und Randgruppen und neue Kindergenerationen kann nur heißen: Schule der Vielfalt in einer Schule, der Gesamtschule.

Die strukturellen Merkmale der Gesamtschule gelten nach wie vor seit 25 Jahren: Die Durchlässigkeit im Blick auf die Schullaufbahn ist in einer gemeinsamen Schule einfacher, unbelastender, größer als zwischen separierten Schulformen. Das längere Offenhalten von Schullaufbahnen führt zu höherer Bildungsaspiration. Wenn in einer Schule die ganze Breite eines Schulangebots vorhanden ist, dann erhöht dies die Möglichkeit für Kinder und Jugendliche, ihre Interessen auszubilden und für ihre Neigungen entsprechende Möglichkeiten zu finden. Durch die Festlegung auf schulformspezifische Bildungsgänge werden etwa Hauptschüler erst "gemacht", sie werden nicht geboren. Außerdem sind die Sozialkontakte derer, die eine einzige Schule besuchen, deutlich größer als die, die unterschiedliche Schulen besuchen. Schließlich ist ein wohnortnahes Schulangebot, das alle Schulabschlüsse bietet, besonders in Regionen mit geringeren Schülerzahlen, am besten durch eine Gesamtschule zu gewährleisten.

Über keine andere Schulform gibt es so viele Untersuchungen wie über die Gesamtschule. Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung faßt in seinem Bildungsbericht vom Juli 1994 die Ergebnisse der zurückliegenden Jahre wie folgt zusammen: In Gesamtschulen erreichen mehr Schülerinnen und Schüler mittlere Abschlüsse als im traditionellen Schulsystem. Es bleiben auch weniger Schülerinnen und Schüler ohne Abschluß. Die Quote der Wiederholer und Sitzenbleiber ist deutlich geringer, und die Gesamtschule trägt zur Verminderung sozialer und regionaler Benachteiligung bei.

In Gesamtschulen erreichen mehr Schülerinnen und Schüler die Berechtigung zum Besuch der Sekundarstufe II. Da das Abitur an Oberstufen, gleich an welcher Schulform es abgelegt wird, von der Schulaufsicht überwacht wird, ist die Vergleichbarkeit der Leistungsansprüche gewährleistet. Aussagen, die Abschlüsse an Gesamtschulen seien mit Minderleistungen verbunden, haben also keine empirische Basis. An Gesamtschulen herrscht überwiegend ein positives Schulklima, die Eltern sind in aller Regel mit ihrer Gesamtschule zufrieden. Die Unterschiede zwischen einzelnen Gesamtschulen können größer zwischen Schulen als zwischen Schulformen sein. Das gilt auch für die Schulen des traditionellen Schulsystems. So weit das Urteil des Max-Planck-Instituts.

Die Gesamtschule gibt es so wenig wie die Hauptschule, die Realschule oder das Gymnasium. Am erfolgreichsten sind Gesamtschulen dort, wo sie gute Entwicklungsbedingungen haben, etwa in ländlichen Gemeinden. Ganz anders sieht es in manchen großstädtischen Problemlagen aus. Dort haben immerhin die Gesamtschulen erreicht, daß mehr Kinder zu höheren Bildungsabschlüssen geführt wurden und die Zahl der Kinder, die keinen Schulabschluß erreichen, gegen null tendiert.

Das Nebeneinander von herkömmlichem dreigliedrigem Schulwesen und der integrierten Gesamtschule in Großstädten funktioniert so, als würde im Straßenverkehr gleichzeitig Rechts- und Linksverkehr zugelassen - also überhaupt nicht. Das führt zu Problemen, auch für die Gesamtschule.

Gerade weil sie für die Lehrerinnen und Lehrer ein schwieriger Arbeitsplatz ist, ist sie - wie die Grundschule - die innovativste Schulform. Viele der pädagogischen Erneuerungen, die in Gesamtschulen entwickelt wurden, wurden von den anderen Schulformen mit der Zeit übernommen. Stichworte sind: intensive Orientierung für Schülerinnen und Schüler, intensive Zusammenarbeit mit Eltern, soziales Lernen im Fachunterricht, Lernen in Projekten - auch über Projektwochen hinaus; inhaltliche Veränderungen wie fachübergreifendes, fächerintegriertes Lernen, Lernentwicklungsberichte auch in der Sekundarstufe; Kooperation und Teamarbeit von Lehrerinnen und Lehrern, Entwicklung schulspezifischer Lehrpläne, Realisierung von Freiarbeit, Arbeit nach Wochenplänen auch in der Seku ndarstufe, weiterhin Öffnung der Schule durch Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern, Entwicklung pädagogischer Ganztagskonzeptionen, Entwicklung von Profiloberstufen, Betriebspraktika, Entwicklung unterschiedlicher Differenzierungsmodelle, Integration behinderter Kinder in der Sekundarstufe, Erarbeitung von Schulprogrammen und vieles mehr.