Paris Wenigstens eine Gruppe von Franzosen darf sich jetzt schon freuen: die der Verkehrssünder.Ihnen wird der neue Präsident Hunderttausende von Strafmandaten erlassen - ein Gnadenakt zum Gut-Wetter-Machen.Alle anderen halten sich mit Jubel besser noch etwas zurück: die Rentner und Fischer, die Studenten und Witwen, die Krankenschwestern und Weinbauern, die Besserverdienenden in den Nobelvierteln und die Ausgeschlossenen in der Banlieue.Jacques Chirac hat zwar im Wahlkampf allen alles verspro chen; halten wird er es nicht können. Tatsächlich liegt noch weitgehend im dunkeln, welche Politik der neue Herr im Elysée betreiben will.Hat er selbst eine Vorstellung?In aller Offenheit sagte er wenige Tage vor seinem Wahlsieg: "Fragt mich jetzt nicht, was ich mit meinem Amt anfangen werde.Mich interessiert zur Zeit einzig, es zu bekommen."Von Chiracs programmatischem Büchlein zur Wahl bleibt nur das Bild des Apfelbaums auf der Titelseite in Erinnerung, das Logo der Kampagne.Bei Jacques Chirac war der Mann seit jeher markanter a ls der Inhalt. "Um abends mit jemand ein Bier zu trinken, würde ich ohne Zögern Chirac vorziehen", pflegten Mitarbeiter von Premierminister Edouard Balladur zu bemerken, "politisch hingegen ist der Chef einfach seriöser."Auch das Urteil seiner Amtsvorgänger über Chirac fiel zwiespältig aus.Georges Pompidou nannte ihn "loyal, großzügig und mutig".Valéry Giscard d`Estaing sprach indes schonungslos von einem "Tölpel und Dummkopf".François Mitterrand schließlich beschrieb ihn einmal als "aalglatten Mann", dem "die Einfältigkeit falscher Binsenweisheiten" behagt. Der Stil des 63jährigen gerät mitunter zur Karikatur des ehrgeizigen Bulldozer-Politikers, mal gnadenlos gehetzt, mal so aufgesetzt gelassen, daß Beobachter an seiner Solidität zweifeln.Ständig formt er sich neu, unablässig ändert er sein Auftreten, seine Anzüge, seine Aussagen."Strukturelle Unvorhersehbarkeit" bescheinigen ihm selbst enge Vertraute.Als Student verkaufte er die kommunistische Parteizeitung Humanité, um zehn Jahre später als Premierminister auf Ellenbogenliberalismus zu setzen un d jetzt wiederum den kleinen Mann zu entdecken. 1975 begrüßte er Saddam Hussein mit den Worten: "Sie sind mein persönlicher Freund." Seit Jahrzehnten führt er "Wahlkämpfe der Nähe", begibt sich mit Lust und Liebe für sein Volk in Kuhställe und Bergwerke, in Weinberge und auf Volksfeste.Am liebsten liest er Krimis.Die Krönung der Musik sieht er in Johnny Hallyday.Unter Chirac dürften Coca-Cola und Corona-Bier Einzug halten im Elysée-Palast.Doch auch dieser volkstümliche Chirac hat eine Kehrseite: In der Corrèze, wo seine Familie herkommt, besitzt er ein Schloß.Gattin Bernadette siezt er.Und in seltenen Mußestunden be geistert er sich für chinesische Dichtkunst. Zahlreich sind die Anekdoten, die das Bild des machthungrigen, ja mitunter brutalen Politikers korrigieren.Der Pariser Obdachlosenarzt Xavier Emmanuelli berichtet von Chiracs sichtlicher Betroffenheit, als er ihm aus seinem Alltag im "anderen Paris" erzählte.Ein Lokalpolitiker weiß von einem Besuch Chiracs in einem Asyl für Geistesgestörte, als er seinen Troß stehenließ, um unter vier Augen mit einem Patienten zu reden."Er ist viel offener, als Sie denken", pflegen seine Mitarbeiter im Rathaus v on Paris Besuchern zu sagen.Verrät diese Menschlichkeit den wahren Chirac?Oder ist auch sie bloß geschickte Inszenierung eines routinierten Staatsschauspielers?Hat Chirac sich selbst gefunden?Vielleicht werden die Franzosen nun endlich jenen Mann ken nenlernen, der ihnen als Minister, zweifacher Premierminister, langjähriger Bürgermeister von Paris und dreimaliger Präsidentschaftskandidat rätselhaft geblieben ist.Wie sagt ein Getreuer: "Chirac ist jener Politiker, der Frankreich am meisten gleich t - mit all seinen Widersprüchen." Spätestens seit dem Tod seines Mentors Pompidou 1974 war für Jacques Chirac klar, daß er Präsident der Republik werden wollte.Für die meisten gälte die Ernennung zum Premierminister oder die Wahl zum Pariser Bürgermeister als Krönung ihrer Karriere.Nicht für ihn.Er hat an sich geglaubt, als fast niemand mehr an ihn glaubte. 1981 und 1988 unterlag er deutlich; auch diesmal erreichte er im ersten Wahlgang nur klägliche zwanzig Prozent der Stimmen.Doch nichts vermochte ihn aufzu halten im Kampf um das allerhöchste Staatsamt."Nur" die Nummer zwei oder drei zu sein war für ihn eine Schmach.Nie litt er mehr als 1986 bis 1988: Premierminister unter Mitterrand.Unaufhörlich drängte er nach vorn, versuchte, sich in die Do mäne des Präsidenten, die Außenpolitik, einzumischen.Maliziös wies ihn dieser ein ums andere Mal in die Schranken.Chirac kochte - und ließ es sich anmerken, was ihn erst recht zum "Verlierer" stempelte. Überdeutlich wurde dieses Image noch einmal während der vergangenen zwei Jahre, als Premierminister Balladur von Erfolg zu Erfolg ritt und ihm, diesmal endgültig, die Hoffnung auf den Thron zu rauben schien: Auf dem Parteitag der gaullistischen RPR 1993 in La Rochelle begaben sich die Parteinotabeln nach dem Abschlußessen zum Flughafen.Dort warteten drei Flugzeuge: ein großes, ein mittleres und ein kleines.Zielstrebig steuerte Balladur, Chiracs langjähriger Berater und Vertrauter, auf das größ te zu, jenes des Regierungschefs.Chirac eilte auf das mittlere zu, wurde jedoch von einer Hosteß zurückgewiesen.Es handle sich um die Maschine von Innenminister Charles Pasqua, auch er langjähriger Steigbügelhalter Chiracs.So mußte dieser mit dem kl einsten Flugzeug vorliebnehmen.An jenem Wochenende, lassen Freunde verlauten, habe er sich entschieden, trotz aller Widerwärtigkeiten erneut für das Präsidentenamt zu kandidieren. Chirac besaß zwar nicht die Gunst und das Vertrauen seiner Landsleute, aber die Truppe zum Angriff auf die Elysée-Festung: Die RPR, die er 1976 gründete, nennt sich gaullistisch, ist aber im Grunde eine Partei ohne politische Inhalte, eine Gruppierung der Formen, der Feiern und der Phrasen.Ihr Daseinszweck war einzig und allein, ihrem Herrn und Meister Jacques Chirac früher oder später in das Elysée zu verhelfen.Die zweite Bastion des ewigen Kandidaten war das Rathaus von Par is, ein formidabler Machtapparat, den er 1977 eroberte.Chirac regiert es wie ein absolutistischer Fürst.Die monatlichen Sitzungen des Pariser Stadtrates sind reine Inszenierungen.Dank einer systematischen Stadtplanung mit dem Ziel, Paris zu "verbürgerlichen", ist die Kapitale fest in Chiracs Hand.Die Linke stellt nur 23 von 163 Abgeordneten und hat in keinem der zwanzig Arrondissements etwas zu bestellen.Die politische Kontrolle ist total.Der Wahlspruch der Chirac-Mannschaft "Was wir für Paris taten, werden wir für Frankreich tun" mutet deshalb zynisch an.Gewiß, Paris funktioniert, ist sauberer und sicherer als vergleichbare Metropolen.Chiracs Führung ist effizient, wirklich demokratisch ist sie nicht. Ein Wechsel des politischen Stils in Frankreich dürfte deshalb unter Chirac erneut verschoben werden.Anders als sein Gegner, der Sozialist Lionel Jospin, hat Chirac nie von einem bescheideneren Zuschnitt des imperialen Präsidentenamtes gesprochen.Die Idee eines président-citoyen ist nicht seine.Von einer Verkürzung der siebenjährigen Amtszeit, von einem Verbot der Ämterhäufung und von einer wirklich unabhängigen Justiz hält er wenig.Chirac gehört politisch zur Generation der Giscards und Mitterr ands: autoritär, machtbewußt und machtverliebt.Präsident Chirac läutet politisch nicht das 21.Jahrhundert ein, sondern das 20.Jahrhundert aus. Kommende Woche tritt Chirac sein Präsidentenamt an.Wird er es sein, der die Politik bestimmt?Oder wird er sich - wiewohl in präsidialer Pose - glücklich unterm Apfelbaum einrichten und seine Getreuen gewähren lassen?Chirac hielt stets treuer zu Freunden als zu Ideen.Früher lenkten ihn die alten Größen des Gaullismus und Weggefährten de Gaulles.Heute sind es überaus ambitiöse Jungspunde der Rechten, die bereits ganz unverhohlen das Jahr 2002 anvisieren - wenn die nächste Präsidentenkür stattfindet.Seine wichtigsten Adlaten sind sich - milde ausgedrückt - persönlich nicht grün und vertreten politisch entgegengesetzte Meinungen.Philippe Séguin ist ein republikanischer Nationalist, Alain Madelin ein ursprünglich aus dem rechtsext remen Spektrum kommender Ultraliberaler, während es Alain Juppé mehr schlecht als recht gelingt, diese eigentlich unvereinbaren Positionen zu versöhnen. Chiracs Programm dürfte nicht einmal ansatzweise in die Tat umgesetzt werden - was vielleicht ganz gut ist.Die wichtigste Frage lautet weniger: Was will Jacques Chirac?Sondern: Wer wird sein Ohr haben?Werden es nüchterne Technokraten sein wie Juppé und sein europafreundliches Umfeld?Wird die antieuropäische Séguin-Haltung triumphieren?Die Rechte und ihre Speerspitze, die RPR, kontrolliert nun Elysée und Regierung, das Parlament, fast sämtliche Regionen und Departements sowie zahlreiche große S tädte.Das Land gleicht derzeit einem Einparteienstaat. Zu den Mächtigen im Innern Frankreichs kommen die Einflüsse von außen.Chirac hat auch zu Europa keine vorgefaßte Meinung.Er ist kein Europa-Enthusiast, aber er ist ein Pragmatiker und Taktiker.Er lernt ständig hinzu und nimmt Rat an.Für Bonn heißt das: Jetzt nicht mißtrauisch in Richtung Seine blicken, sondern den neuen Präsidenten herzlich umarmen, rasch persönliche Bande knüpfen.Böse Zungen behaupten, Chirac vertrete immer die Ansicht desjenigen, mit dem er zuletzt gegessen habe. Wenn ihn "ein kleiner Hunger" packt, greift er gerne zu herzhafter Kost.Sein Leibgericht ist tête de veau, Kalbskopf.Gut möglich, daß Helmut Kohl davon reichlich kosten wird.Vom Pfälzer Saumagen zum Kalbskopf - allzu schwer dürfte dieser Menüwechsel nicht fallen.