Jerusalem

Wer in Israels diplomatischen Dienst eintritt, verpflichtet sich schriftlich, jeden Auslandsposten anzunehmen - mit einer Ausnahme: Deutschland. Die Mission Bonn darf einer ablehnen. Auch noch dreißig Jahre nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen.

Konrad Adenauer hatte 1952 der israelischen Regierung den Austausch von Botschaftern vorgeschlagen. Jerusalem hielt den Zeitpunkt für verfrüht. Anfang der sechziger Jahre bremste dagegen die Bundesrepublik, die verhindern wollte, daß arabische Staaten im Gegenzug die DDR anerkennen würden. Doch schließlich setzte Bundeskanzler Ludwig Erhard seine "einsame Entscheidung" durch, wie es heute Asher Ben Nathan sagt, der 1965 als erster israelischer Botschafter nach Bonn kam.

Normalerweise entsendet das Jerusalemer Außenministerium einen Missionschef nicht in sein Geburtsland, um eine zu starke Identifikation mit der ursprünglichen Heimat zu vermeiden. Weil aber nichts "normal" sein kann, wenn es um Deutschland und Israel geht, und die Gefahr einer zu großen Nähe kaum bestand, verfuhr man genau andersherum. Die ersten fünf Botschafter, die nach Bonn geschickt wurden, stammten alle aus einem deutschen oder österreichischen Kulturkreis und hatten die Nazizeit selbst erlebt. Gerade sie wurden als Brückenbauer ausgewählt.

Asher Ben Nathan sind die Deutschen von seinem ersten Tag in Bonn an nachgelaufen und wollten Autogramme haben. Allerdings nicht, weil Israel - über das kaum ein Deutscher etwas wußte - plötzlich so populär geworden wäre, sondern weil der gebürtige Wiener dem Schauspieler Curd Jürgens so verblüffend ähnlich sah. In seinem Tel Aviver Büro hat der 74jährige ehemalige Diplomat wichtige Aufnahmen aus seinem Berufsleben gesammelt. Darunter ist auch ein Bild, das ihn bei der Beerdigung Adenauers in Bonn zeigt.

Als Asher Ben Nathan seinen Posten antrat, sprach man in der Bundesrepublik nicht viel über die Vergangenheit. Gewiß, es gab die Forderung, endlich ein neues Kapitel aufzuschlagen, erinnert sich Ben Nathan. "Viele sahen in der Anerkennung Israels eine längst fällige Schuldbegleichung", sagt er. Andererseits protestierten vielerorts die Eltern, "wenn ein Lehrer in der Schule vom Holocaust sprach. Man warf ihm vor, er hetze die Kinder gegen sie auf". Die ersten Auschwitzprozesse neigten sich dem Ende zu; die NPD hatte in manchen Bundesländern bis zu zehn Prozent der Stimmen erhalten: Deutschland, Mitte der sechziger Jahre.

Für Ben Nathan stellte sich ein schwieriges Problem, das auch seine Nachfolger beschäftigen sollte: Wie vermeidet einer Treffen mit Deutschen, die eine zweifelhafte Vergangenheit haben oder im Verdacht stehen, Juden verfolgt zu haben? Zwei Wörter fehlten in seinem Vokabular: vergessen und verzeihen. "Vergessen kann man nicht", erklärt Ben Nathan seine damalige Haltung. "Und ich kann niemandem verzeihen, der ein Verbrechen begangen hat; so wie ich niemandem zu verzeihen habe, der keines begangen hat."