ZEIT: Herr Ruggiero, die Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und Japan nehmen zu.Washington spielt mit dem Instrument eines Handelskrieges.Sie sind Direktor der WTO, die gegründet wurde, um solche Konflikte zu verhindern.Was werden Sie tun? Ruggiero: Ich hoffe, daß Japaner und Amerikaner ihr bilaterales Problem bilateral lösen können.Ich sehe da keinen Grund zur Verzweiflung; es gibt noch genügend Lösungsmöglichkeiten.Und ich habe keine Neigung, über ein Problem zu reden, das noch gar nicht eingetreten ist.Sollte aber eines der beiden Länder das Problem vor die Streitschlichtungsgremien der WTO bringen, wäre das keine Tragödie.Die Gremien wurden schließlich dazu geschaffen, Streit zu schlichten. ZEIT: Können Sie denn jetzt aktiv werden? Ruggiero: Die WTO tritt erst dann auf, wenn sich ein Land an sie wendet.Allerdings ist unsere Position stärker als die des früheren Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens.Aus diesem Grunde kann die Organisation streitende Parteien oft davon überzeugen, ihre Konflikte schnell unter sich zu lösen und gar nicht erst vor die WTO zu bringen.Dies war kürzlich bei einem Streit zwischen Singapur und Malaysia der Fall.Die beiden Länder brachten ihren Disput vor die WTO, zogen ihn aber b ald wieder zurück und einigten sich. ZEIT: Die Amerikaner verhalten sich bei Handelsstreitigkeiten derzeit äußerst aggressiv.Das gilt nicht nur für den fortwährenden Konflikt mit Japan.Wie wollen Sie das stärkste Mitglied Ihrer Organisation disziplinieren? Ruggiero: In Handelsfragen zeigen fast alle großen Nationen gerne Härte.Das überrascht mich nicht. ZEIT: Ein anderes Problemkind ist die Europäische Union.Wie bewerten Sie beispielsweise den Streit um die Dollar-Bananen? Ruggiero: Soviel ich weiß, ist der Bananenstreit noch nicht vor die WTO gebracht worden.Deshalb tue ich mich schwer, dies zu kommentieren. ZEIT: Sollten Handelsstreitigkeiten überhaupt bilateral gelöst werden? Ruggiero: Handelskonflikte lassen sich auf drei Ebenen lösen: bilateral, regional und weltweit.Zwischen diesen Ebenen herrscht kein Wettbewerb.Doch alle gefundenen Lösungen müssen mit den Grundregeln des Welthandels übereinstimmen.Und das Wesen des freien Handels liegt in der Nichtdiskriminierung: Vorteile für ein Land müssen nach dem Prinzip der Meistbegünstigung allen Konkurrenten gewährt werden. ZEIT: Begrüßen Sie aus diesem Grund auch die Idee einer Freihandelszone zwischen Europa und Nordamerika, wie sie einige Politiker in den Vereinigten Staaten angeregt haben? Ruggiero: Das ist eine ganz andere Frage.Hier kommt es darauf an, welche Bedeutung man dem Begriff Freihandelszone gibt.Das Welthandelssystem funktioniert nur, wenn die großen Handelspartner, und zwar alle, gut zusammenarbeiten.Wenn Europa und Amerika ihre Beziehungen verbessern, kann dies daher zunächst einmal nur gut für die Welt sein.Eine Freihandelszone ist aber etwas sehr Komplexes.Sie muß mit den Welthandelsregeln übereinstimmen.Ich habe noch niemanden eine derartige Freihandel szone vorschlagen hören, aber eines kann ich sagen: Was immer Amerika und Europa miteinander vereinbaren, muß unmittelbar auf andere Länder ausgedehnt werden; daher frage ich mich, ob es nicht besser wäre, weitere Marktöffnungen gar nicht erst bilateral, sondern gleich multilateral zu vereinbaren. ZEIT: Als Europäer repräsentieren Sie die westlichen Industrienationen.Vor Ihrem Amtsantritt haben die Entwicklungsländer dagegen einen anderen Kandidaten unterstützt.Wie wollen Sie diesen Ländern helfen, stärker am Welthandel teilzunehmen? Ruggiero: Das Positivste an den Liberalisierungsvereinbarungen der vergangenen Uruguay-Runde besteht darin, daß es sich nicht wie früher um eine Angelegenheit des Clubs der Reichen handelte, sondern daß die Entwicklungsländer eine bedeutende Rolle dabei spielten.Die Rollen einzelner Mitgliedergruppen haben sich gewandelt.Die Industrieländer sind aus der jüngsten Rezession nur dank des Wirtschaftswachstums der Entwicklungsländer herausgekommen.So ist der Handel innerhalb der Europäischen Unio n 1993 um zehn Prozent geschrumpft.Gleichzeitig hat der Warenaustausch mit den asiatischen und sogar den südamerikanischen Ländern dramatisch zugenommen.Nur eine Zahl: 1993 hat Westeuropa für 265 Milliarden Dollar Waren und Dienstleistungen in Entw icklungsländer exportiert - gegenüber Importen von nur 135 Milliarden Dollar.Wenn es denn einen Zusammenhang zwischen Handel und Arbeitsplätzen gab, dann war er positiv und nicht negativ. ZEIT: Handelsfragen werden mehr und mehr zu politischen Streitthemen.In Europa breitet sich der Verdacht aus, daß die hiesigen Arbeitsplätze in Länder abwandern, die dank schlechter Arbeitsbedingungen und fehlender Umweltschutzregeln einen unfairen Wettbewerbsvorteil haben.Wird dem Freihandel nicht dadurch die Basis entzogen, daß die Menschen die Folgen dieses Sozial- und Umweltdumpings nicht mehr akzeptieren? Ruggiero: Sehen Sie, die Probleme in Westeuropa kommen nicht vom Handel mit den Entwicklungsländern.Ende der achtziger Jahre haben die Europäer 20 Prozent ihrer Exporte mit den Entwicklungsländern abgewickelt.Heute sind es bereits 25 Prozent, und in weiteren fünf Jahren werden es 30 Prozent sein.Die Europäer verlieren also keine Jobs an die Dritte Welt, der Handel verbessert vielmehr die Lage auf den Arbeitsmärkten.Die Jobs gehen wegen des technischen Fortschritts und anderer Faktoren verloren.N atürlich kann es wegen der Importe in einigen Sektoren zu Problemen kommen, ebenso bei den schlecht ausgebildeten Arbeitnehmern im allgemeinen.Aber was dort verlorengeht, wird bei gutbezahlten Jobs gewonnen, denn die Industriestaaten importieren aus den Entwicklungsländern Waren mit geringer Wertschöpfung, sie exportieren dorthin aber High-Tech-Produkte, bei denen die Löhne wesentlich höher liegen. ZEIT: Trotzdem glauben immer mehr Europäer, daß es nicht richtig sein kann, mit Ländern zu konkurrieren, in denen schlechte Arbeitsbedingungen herrschen und es keine ausreichenden Umweltschutzgesetze gibt.Was antworten Sie auf solche Sorgen? Ruggiero: Wenn die Industrieländer in den nächsten Jahren eine Chance auf richtiges Wirtschaftswachstum haben, dann wird dies wegen der Entwicklungsländer sein.Sicher werden diese mehr exportieren, aber sie werden noch viel mehr importieren.Das Geld, das sie durch den Handel einnehmen, geben die Entwicklungsländer zum großen Teil gleich wieder in den Industrieländern aus, während diese nur einen kleinen Teil ihrer Erlöse in die Dritte Welt zurückfließen lassen. Es gibt eine Berechnung, wonach in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren drei bis vier Milliarden Menschen an die Marktwirtschaft herangeführt werden.Natürlich werden sie auch als Produzenten auftreten, aber vor allem werden sie Konsumenten sein.Das wahre Problem ist ein anderes: Die Industrieländer müssen akzeptieren, daß sie keine andere Wahl haben, als diesen Prozeß, der unausweichlich ist, durch schnelle Strukturanpassungen und neue Ausbildungssysteme voranzubringen.Die Gesellschaften müsse n flexibler werden.Es gibt dazu keine Alternative außer Protektionismus.Und der wäre wirtschaftlich und politisch zerstörerisch.Wenn wir glauben, wir könnten Waren und Menschen von den Industrieländern fernhalten, würden wir nur mehr Gewalt und Krie g in die Welt bringen. ZEIT: Glauben Sie, daß die reichen Gesellschaften zu dem dafür notwendigen Wandel in der Lage sind? Ruggiero: Das liegt an ihnen, nicht an den Entwicklungsländern.Sie brauchen Politiker und Zeitungen, die den Menschen die Wahrheit sagen und keine Angst vor der Dritten Welt einjagen. ZEIT: Sie meinen also, es gibt keine guten Argumente für Sozial- und Umweltstandards im Welthandelssystem? Ruggiero: Doch, sicherlich.Es gibt einen WTO-Ausschuß für Handel und Umweltschutz, der sich mit dieser wichtigen Frage beschäftigt.Wir leben in einer kleinen Welt, und nachhaltige Entwicklung ist im Interesse aller Länder.Doch auch wenn die Arbeitsbedingungen Menschenrechte verletzen, dann heißt die Lösung nicht Protektionismus - da können Sie sicher sein.Die Antwort sind ganz im Gegenteil offene Grenzen, um diesen Ländern ein reales Wirtschaftswachstum zu ermöglichen.Dann verb essern sich auch dort die Arbeitsbedingungen. Das Interview führten Uwe Jean Heuser und Nikolaus Piper