HORB. - Eine kleine Meldung erfreute vor kurzem die Zeitungsleser in der ganzen Republik. Der Oberbürgermeister der Stadt Horb, so meldete die Agentur, habe seinen Dienst-BMW verkauft, um mit dem Verkaufserlös von 24 000 Mark ein Besprechungszimmer einzurichten. Bravo! Wer ist dieser Mann? Wo, verdammt noch mal, liegt Horb?

"Ich bin Deutschlands jüngster Oberbürgermeister in Deutschlands schönster Stadt", sagt Michael Theurer, und nun weiß man zumindest, daß der junge Herr mit seinem Selbstvertrauen wenig Probleme hat. Michael Theurer ist tatsächlich erst 28 Jahre alt, Student der Volkswirtschaft und damit der Benjamin aller Stadtoberhäupter hierzulande. Vor fünf Monaten wurde er als neuer Chef in das Rathaus von Horb gewählt. Er war angetreten gegen den Amtsinhaber, den 51jährigen, gut katholischen Familienvater Hans Hörner, gelernter Verwaltungsfachmann und Mitglied der CDU. Studentle gegen Respektsperson.

Das System der süddeutschen Direktwahl hat in Horb wieder einmal seine Berechtigung erfahren. Denn die Wähler sind gar nicht so dumm. In Horb haben sie jedenfalls schnell gemerkt, daß ihnen in Michael Theurer ein Naturtalent gegenübertrat, ein geborener Oberbürgermeister, nicht nur weil er aussieht, wie ein schwäbischer "Schultes" auszusehen hat: mit der hohen Stirn, der Neigung zur Rundlichkeit und einem freundlich-verbindlichen Blick. Nein, wenn Theurer am Sonntag mit Anzug und Weste durch den Ort zum Gasthof "Schiff" geht, wo er Sauerbraten mit Spätzle ißt, dann grüßen ihn die Passanten mit einer Mischung aus Freundschaft und Respekt. Als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan, hört er sich die Sorgen und Beschwerden der Horber an und verspricht, sich zu kümmern.

Horb am Neckar besteht aus neunzehn zusammengelegten Ortsteilen. Von Auftritt zu Auftritt wurden die Wirtshäuser voller, wenn Theurer auftrat und dem Amtsinhaber Versäumnisse vorhielt. Denn Horb ist im Prinzip ein wunderschönes, in Wahrheit aber ziemlich heruntergekommenes Städtchen am Rande des Schwarzwaldes. Das Franziskaner-Kloster einsturzgefährdet. Der mittelalterliche Marktplatz von Autos verschandelt. Die Unterstadt vom Durchgangsverkehr erdrosselt. Nur wenige der Häuser in der Altstadt sind renoviert. Touristen meiden Horb.

Die Wähler trauten ausgerechnet einem Studenten zu, das zu ändern. Sein Optimismus, aus Horb mehr machen zu können als das, was es ist, steckte sie offensichtlich an. Über tausend Horber jubelten noch in der Wahlnacht ihrem neuen Oberbürgermeister zu, und der war über Nacht zum Chef von 430 Rathausbediensteten geworden - alle Teilzeitkräfte mitgezählt.

Völlig unerfahren im Geschäft ist Theurer allerdings nicht. Vier Jahre lang saß er für die FDP schon im Gemeinderat, und als Gründungsmitglied der Öko-Liberalen - einer Untergliederung der Bundes-FDP - hat er auch im Bonner Thomas-Dehler-Haus schon einen Namen. Aber eigentlich hatte Theurer etwas anderes vor: Nach Abschluß seines Studiums wollte er - er hatte beim Schwarzwälder Boten volontiert - zurück in den Journalismus. Acht Jahre lang muß er nun im Rathaus ausharren, dann ist wieder Wahl.

Der Oberbürgermeister wohnt zu Hause bei seinen Eltern und fährt einen Opel Astra. "Der reicht mir", sagt er, "für größere Strecken nehme ich den Zug." Darum hat er die Dienstlimousine seines Vorgängers verkauft. "Wie sieht das aus, wenn der Oberbürgermeister im großen Auto daherkommt, aber im Rathaus das Geld für ein Besprechungszimmer fehlt?" sagt er. Das gefällt den Horbern natürlich und den Amtsleitern, und man nimmt es dem jungen Chef gerne ab, daß er nicht nur vom Sparen redet. Die Bevölkerung der Stadt hat er gleich in der ersten Woche aufgefordert, eigene Sparvorschläge zu machen, Aufbruchstimmung machte sich breit. Das marode Kloster zu retten, hat sich wenige Wochen nach der Wahl schon ein privater Förderverein gefunden, der das denkmalsgeschützte Gebäude nun vor dem Einsturz sichern und Zug um Zug renovieren will. So hineingewühlt in die Arbeit hat sich der neue "Schultes", daß die Putzfrau im Rathaus froh ist, wenn er mal endlich nach Hause geht und sie saubermachen kann. Theurer ist regelrecht verliebt in seine Stadt. "Schauen Sie, ist das nicht wunderschön", schwärmt er, wenn er mit seinem Besucher die Treppen vom Marktplatz über die "Sommerhalde" zum Neckar hinuntersteigt.