Der Vorhang teilt sich, das Philharmonische Staatsorchester unter Markus Lehtinen setzt ein - und die fünf Tänzer auf der Bühne bleiben stocksteif stehen, gesammelt, zwanzig Takte lang. Immer noch einer der überraschendsten Starts in ein Ballett. So beginnen, mit George Balanchines Choreographie auf Strawinskys "Violin Concerto", die "21. Hamburger Ballett-Tage".

Wenn der Vorhang zum zweiten Stück des Abends aufgeht, Strawinskys "Petruschka"-Burleske, bleibt das Orchester lange stumm. Der einsame Tänzer im rosa Röckchen einer Ballerina (Petruschka: Eric Miot) rekelt sich und läßt einen zweiten hinter sich ahnen - und wenn der sich aufrichtet (in schwarzem Frack und Zylinder, der Mohr: Gamal Gouda), knäuelt sich aus der grotesken Körper-Plastik, die John Neumeier auf die Bühne zwingt, eine dritte Gestalt (die Ballerina: Bettina Beckmann). Erst jetzt, da die drei Hauptgestalten des 1911 uraufgeführten Balletts sich in die Positionen eines mehr als nur eifersüchtigen Kampfes begeben, ertönt Musik.

Das "Violin Concerto", zum ersten Mal getanzt 1972, hat die einstige Balanchine-Ballerina Karin von Aroldingen mit Neumeiers Ensemble einstudiert: in der klassizistischen Klarheit und Kühle des Meisters.

"Petruschka" stellt Neumeier als "work in progress" vor. Eine von aller Folklore befreite erste Fassung kennen wir seit 1982. Jetzt kommen mit Reigen-Tänzen "alte" Elemente wieder ins Spiel, ohne daß die entdramatisierte Geschichte klarer würde. Und so verbreitet die einzige Uraufführung der bis zum 21. Mai dauernden Festwochen gedankenschwere Langeweile. Da jubeln die Hamburger über den schönen Kitsch von Balanchines Ballett "Theme and Variations" (1947), das Patricia Neary einstudiert hat. Neumeiers Ballett auf dem Weg in ein Museum zu Lebzeiten?