Ein Gefangener im Vatikan - oder ein Diktator, der aber nicht einmal Herr ist über das, was er diktiert? Mit so vielen schönen wie kritischen Reden wird alle Welt in diesen Tagen an den 75. Geburtstag Johannes Pauls II. am 18. Mai erinnert werden. Er selbst jedoch, dieser 269. Papst in der bald zweitausendjährigen Geschichte der römischen Kirche, er lebt trotz seiner anhaltenden "Weltflucht" durch Reisen in alle Kontinente immer mehr vereinsamt, eingebunden in den uralten, wenn auch inzwischen computerbestückten Kurienapparat.

Berge von Papier werden für den Papst produziert. Nur selten läßt er das "Vorgeschriebene" beiseite - so, als er unlängst vor jungen Leuten predigte und bekannte: "Wenn man der Jugend begegnet, bricht der andere Text herein und zerstört das Papier . . ." Auf andere, allerdings fatale Weise ist dies auch dem Buch widerfahren, mit dem dieser polnische Pontifex im vorigen Herbst zum Bestsellerautor und Geldregenmacher gar nicht so frommer Verleger wurde.

"Wenn ich schreiben muß, mache ich das auf polnisch - die Muttersprache ist doch unersetzbar", sagte er vor einem Jahr im Gespräch mit Jas Gawronski, einem prominenten italienischen Journalisten, dem das Polnische wie das Italienische geläufig ist. Doch nicht etwa einem solchen wurde die Übersetzung und Herausgabe des Papstbuches "Die Schwelle der Hoffnung überschreiten" anvertraut, von dessen italienischer Ausgabe, der angeblichen "Originalausgabe", der Mailänder Mondadori-Verlag in den vergangenen sieben Monaten mehr als eine Million Exemplare verkauft hat. Vielmehr erschien bei Vittorio Messori, der den Papst zu dem Buch angeregt hatte, im April 1994 der Pressechef des Vatikans, der spanische Doktor der Medizin Joaquin Navarro-Valls, mit einem italienischen Manuskript. Wer es aus dem Polnischen übersetzt hat, blieb vatikanisches Staatsgeheimnis - wofür es wohl (un)gute Gründe gibt.

Nicht zufällig nämlich fehlt in den Übersetzungen, aber auch in der polnischen Ausgabe, die der Verlag der KUL, der Katholischen Universität in Lublin, druckte (wo Karel Wojtyla einst einen Lehrstuhl hatte), ein für die Textkritik wichtiger Hinweis des Herausgebers Messori: "Ein direkter Mitarbeiter des Papstes hat mir anvertraut, daß dieser alles immer mit eigener Hand schreibt, von Anfang bis Ende . . ." Und zum Beweis kann man - freilich nur in der italienischen Ausgabe - sogar den polnischen handschriftlichen Anfang des Buches bewundern (siehe Faksimile). Beim Blick darauf stellt sich für den der polnischen Sprache Kundigen plötzlich heraus, daß die päpstlichen Hauszensoren ihrem Heiligen Vater schon den zweiten und dritten Satz einfach gestrichen haben - und dies nicht nur in den Übersetzungen, sondern sogar in der Lubliner Ausgabe.

Ist diese polnische Fassung etwa gar nicht das Original? Der Direktor des KUL-Verlags hat das Originalmanuskript nie gesehen; er bekam vom päpstlichen Nuntius in Warschau, Józef Kowalczyk, nur die Diskette mit dem polnischen Text zugeschickt, um ihn so zu drucken. Vorsorglich geschah dies in einer ersten Auflage von nur zehntausend Stück für Millionen gespannter Landsleute des Autors.

Da beginnt also der Papst auf polnisch mit Feder und Tinte seine Antwort aufzuschreiben auf Vittorio Messoris Frage, ob er nie Glaubenszweifel habe: "Ich denke, wir müssen mit der Klärung der Worte und Begriffe anfangen. Es geht um die Worte, deren Sie sich bedienen. Es geht gleichzeitig um grundsätzliche Begriffe. Ihre Frage ist einerseits von lebendigem Glauben, andererseits von gewisser Unruhe durchdrungen . . ."

Gewiß, aus der Sicht eines Verlagslektors oder Redakteurs mag der zweite wie der dritte Satz entbehrlich, weil unwichtig sein, obschon beide spontane Nachdenklichkeit dokumentieren - etwa nichts Bemerkenswertes bei einem Papst? Es wäre dennoch kaum der Erwähnung wert, wenn es als einzige dokumentierbare Streichung nicht den Verdacht nahelegen würde: Was wurde da sonst noch alles gestrichen, geglättet oder auch "nur" zurechtgebogen?