Die höchste Pro-Kopf-Verschuldung der Republik, ein Sanierungsprogramm, das nicht greift, eine Arbeitslosenquote wie in den neuen Ländern, überalterte Industrie und schleppender Strukturwandel - nein, die Bilanz im kleinsten Bundesland liest sich nicht gut. Gut liest sich nur das SPD-Programm. Es verheißt, aus Borniertheit oder Verzweiflung, "eine optimistische Zukunftsperspektive" für den Stadtstaat. Am Sonntag wird in Bremen gewählt.

Seit 48 Jahren regiert dort die SPD, mal allein, mal mit Partner, zuletzt mit Grünen und Liberalen. Bereits bei den Wahlen 1991 stürzte die Partei aus den Höhen absoluter Mehrheit auf 38 Prozent. Läßt sich der Niedergang noch stoppen? Die Antwort der SPD: "Wir brauchen wieder eine sozialdemokratische Alleinregierung im Lande Bremen."

Daran glaubt niemand. Die Utopie von der eigenen Mehrheit ist nur eine Trotzreaktion auf die ungemütlichen Bremer Verhältnisse. Die SPD hat nicht nur Schwierigkeiten, die Folgen jahrzehntelangen Regierens wählerwirksam zu verkaufen. Sie kann und will auch nicht bekanntgeben, in welcher Koalition sie künftig zu regieren gedenkt. Rot-Grün, sozial-liberal, Große Koalition: Für die SPD scheint nichts undenkbar - außer dem Machtverlust. Als Partei mit vielen Möglichkeiten - multioptional - will sie ihm noch einmal entgehen.

Auf den Machtverlust der SPD haben sich andere eingeschworen. "Arbeit für Bremen und Bremerhaven" (AfB) heißt eine Wählerinitiative, bei der man nicht recht weiß, ob sie der Glaube an eine neue Politik oder nur der Haß auf die Sozialdemokratie zusammenhält. Das Pikanteste an der Neugründung ist ihr Initiatorenkreis: allesamt ehemalige Sozialdemokraten vom rechten Flügel, die sich "nach jahrelanger innerer Emigration" von ihrer Partei getrennt haben. Spitzenkandidat Friedrich Rebers reklamiert für sich "ursozialdemokratisches Profil". Er zieht gegen die "Selbstgefälligkeit" seiner früheren Parteifreunde zu Felde. Doch das klingt auch eher selbstgefällig: "Wir entsprechen genau der Stimmung der Bevölkerung". Der Zulauf sei "sensationell". Schon registriert Rebers eine richtige "Volksbewegung". Einen "Alptraum für Bremen" sieht dagegen Bürgermeister Klaus Wedemeier. Zum Alptraum für die SPD immerhin könnte sich die Initiative entwickeln. Die Prognosen jedenfalls sehen sie schon in der künftigen Bürgerschaft. Rebers Wunschkoalition: AfB, FDP, CDU.

Doch Wedemeier machen nicht nur die rechten Sozialdemokraten außerhalb seiner Partei zu schaffen. Der von der FDP initiierte Mißtrauensantrag gegen den grünen Umweltsenator Ralf Fücks, an dem im Februar die Ampel platzte, fand im Parlament auch sozialdemokratische Unterstützer. Nicht nur im AfB sitzen diejenigen, die die Kooperation mit den Grünen für den eigentlichen Sündenfall der SPD halten. Einen rot-grünen Wahlkampf kann sich Wedemeier, selbst wenn er ihn wollte, nicht leisten. Einzig die Grünen trommeln für das rotgrüne "Reformbündnis". Ihre Begründung jedoch ist auch nicht gerade zwingend. Die Alternative zur SPD sei "noch schrecklicher", meint Fücks. Immerhin, das grüne Stimmungstief während der Ampel scheint überwunden zu sein. Daß das Regierungsbündnis an einem ökologischen Symbolkonflikt scheiterte, wirkt auf die lange frustrierte Anhängerschaft versöhnend. Doch daß die grüne Szene die Konsequenzen des Bremer Haushaltsnotstandes schon realisiert hätte, will Fücks kaum glauben. Die 1992 festgelegten Raten für die Schuldentilgung von 900 Millionen Mark jährlich sind nicht aufzubringen. Steuerausfälle von 650 Millionen machen das Sanierungsprogramm zu Makulatur.

Vielleicht gerade deshalb präsentiert sich die Union in der Schlußphase des Wahlkampfs besonders optimistisch. Angesichts der tristen Lage konzentriert sich ihre Kampagne ganz auf den Wechselwunsch. Von 23 auf 30 Prozent kam sie bereits beim letzten Mal. Jetzt, so verkündet Sparkassenchef und CDU-Spitzenkandidat Ulrich Nölle, könne die Union stärkste Partei werden. Der Banker probiert hierfür ein Argument, das ähnlich schon einmal die DDR-Bürger überzeugte. Das Geld für den Bremer Aufschwung komme aus Bonn, von Kohl und Waigel. Bekommt Nölle mehr?

Der programmatische Gleichklang von Union und AfB ist verblüffend: Liegt es daran, daß auch AfB-Spitzenmann Rebers im Sparkassenvorstand sitzt? Kommt jetzt die Sparkassenkoalition? Wirtschaftsfreundliche Verkehrspolitik, wirtschaftsfreundliche Flächenpolitik, dazwischen eingestreut ein paar populistische Akzente zur inneren Sicherheit - da will auch die FDP nicht fehlen. Doch ob der Bruch der Ampelkoalition als Start zur "neuen Mehrheit" taugt? Das liberale Restprofil, jenseits der Wirtschaftsförderung, blieb im Wahlkampf auf der Strecke. Mit ihm der liberale Innensenator van Nispen, der die machtorientierte Wende nicht mittragen wollte und der FDP den Rücken kehrte. Für die Liberalen geht es, wieder einmal, um alles oder nichts.