Sonderbar, diese Bilder. Diese Gemälde! Auf den ersten Blick wirken sie so behaglich, so vertraut, so klassisch, wie im Museum bei den alten Meistern, bei welchen die Pferde noch nicht blau waren. Doch beim zweiten und beim dritten Blick weiß man sich schon auf die wundersamste Weise in die Irre geführt. Aber genau dies macht doch den Witz der Bilder, wie Michael Sowa sie zu malen liebt: daß sie, einerseits, mit einer geradezu akademischen Pedanterie und manche von ihnen monatelang gemalt worden sind - und daß sie, andererseits, uns ganz etwas anderes auftischen, als wir bei so viel Akribie zu erwarten gewöhnt sind. Sind wir nicht dazu erzogen, von einem altmeisterlich gemalten Bild einen altmeisterlichen Inhalt mitgeteilt zu kriegen? Und was geschieht statt dessen? So ordentliche Bilder, so unordentliche Botschaften! Wir sehen draußen vor dem Fenster Vögel vorbeifliegen, aber es sind Pinguine. Oder: Wir betrachten eine Dame, die mit Hut und Handtasche vor einer hohen Hecke innehält und ihren Hund ausführt? Ihre riesige Motte! Oder: Wir schauen auf die schöne, so betörend unheimliche Toteninsel, und was geschieht in eben diesem Augenblick? Das Boot wankt, die weiße Kapuzengestalt verliert die Balance und reißt den Sarg mit sich in die Tiefe: "Böcklins 6. Fassung" von Michael Sowa. Woanders erkennen wir in düster bewölkter dunkelgrüner Dämmerung einen vollschlanken Herrn mit Schwert, Siegfried, erschrocken den Arm vors Gesicht haltend; denn die Drachen speien nicht, sie furzen Feuer im Nibelungental ("Ein Mythos verpufft"). Oh, lächerliche Schicksale!

Oh, komischer Maler! Am Sonntag bekam er für seinen listigen Humor, seinen satirischen Gedankenwitz und seine virtuose Malerei - nach Tullio Pericoli - den nun zum zweitenmal verliehenen Olaf-Gulbransson-Preis. In dem schönen, kargen, dem Namensgeber gewidmeten Museum in Tegernsee wurde Michael Sowa zugleich eine Ausstellung eingerichtet. Etwa sechzig Bilder sind von ihm zu sehen.

Aller beflissene Ernst darin - nichts als eine Täuschung. Immer ist alles anders als gedacht. Diese koboldhafte Lust des Malers am Befremdlichen! Aber darauf muß einer ja erst kommen, auf diese Schweine, zum Beispiel: so blitzsauber, und in ihren pfiffigen Gesichtern lauert der Schalk, wenn sie tun, was sie normalerweise selten tun - wenn sie etwa als "Flugschweine" in Bäumen und auf Telegraphendrähten "sich sammeln"; oder wenn sie, so wie "Köhlers Schwein", in einen kühlen Teich hechten; oder wenn sie, daumengroß, aber voll entwickelt, in einem Teller Suppe planschen, in den riesigen runden Augen das schlechte Gewissen: diese braunen Flecken auf dem weißen Tisch! Und wer weiß, was die sechs Schweine von Dödensted angestellt haben, daß die Bauern sich zu einer "Demo" zusammengerottet und ein Transparent entrollt haben: "Schweine raus aus Dödensted" - und während die sich trollen, graben wir in unserer Phantasie nach der Travestie im Schwein und überhaupt. Alles möglich. Niemand wird es je erfahren. Wieso aber auch: Es hätte ja sonst viel zu schnell ein Ende mit der Grübelei.

Es ist schon richtig, was der Maler sagt, das seien "keine Themen für die Ewigkeit", aber was sind schon ewige Themen? Genügt es nicht, wenn sie den Launen unseres Gemüts gefallen? Und unserer Phantasie einige Übungen abverlangen, zu denen sie sonst niemals aufgerufen wäre? Es ist aber auch richtig, wenn sich der Betrachter fragt, ob es nicht die Malweise ist, die den Anschein von Ewigkeit erweckt? Ach, diese Präzision, mit der all diese Gemälde gemalt sind, das Laub, die Stämme, die Halme und die Haare, die Häute und erst die Augen, diese kugelrunden Entsetzensschreie in den Gesichtern, weiß und groß und kalt. Und dann das aufgewühlte Meer und diese wirren Wellen, die ein tückisches Licht zum Blitzen bringt, darüber der unheilvolle Himmel, und im Boot oder auf dem Floß die winzige, daumennagelgroße Kreatur, die, wer weiß bloß, warum, zu derlei unwirtlichen Abenteuern aufgebrochen ist.

Natürlich sollen wir eine Gänsehaut kriegen, das ist doch der Spaß. Wenn, zum Beispiel, auf den leergefegten Straßen eine Riesenschnecke die "Stadt in Angst" versetzt; oder wenn der bärengroße, bärenstarke Osterhase Vater und Tochter mit stechendem Blick verfolgt, wegen eines blauen Ostereis; wenn eine Familie "Im Wald" vor einem großen Schild verharrt, das vor Insekten "so groß wie Turnhallen" warnt. Aber die garstigsten schönen Gemälde Michael Sowas sind wahrscheinlich seine Portraits von Frauen, Männern, Paaren und Gruppen, bisweilen Fratzen schneidend, stechend das Weiß in den blöden Augen, und seltsam das Hausgetier in ihrer Gesellschaft, ob Pfau, Fisch, Hase, ob Hund oder Motte.

Zum Fürchten? Ja, aber doch eben auch zum Lachen, so wie es die Szenen sind, zu welchen den Berliner Sowa einst die DDR animiert hat wie in seinem Bild "Straße frei! (Johannes R. Becher)": menschenleere Stadt, der Konsum geschlossen, ein Schild "DDR 40 - Wir sind dabei", im Hauseingang ein Koffer - und eine Becken schlagende Ente mit einem VoPo-Helm. "So unheimlich komisch geht zugrunde, was über Jahrzehnte doch nur unheimlich war", schrieb Robert Gernhardt dazu. Und wie lächerlich "Der Stasischatz", die deckenhoch gehorteten Bananen, sündigste aller kapitalistischen Früchte.

Dies ist nun der Augenblick, da diese Spielart der komischen Malerei ihre Rubrik zu finden scheint: die der Karikatur. Man muß ja, während man Sowas Gemälde betrachtet, nicht nur wie Gernhardt an Ruisdael oder Elsheimer, an Friedrich oder Magritte denken, man sollte sich, wie es uns F. W. Bernstein, der Karikaturist, zugleich unser einziger Professor für das Karikaturenwesen, anempfiehlt, ruhig auch an die "Aquarell-Virtuosen Deix und Haderer mit ihren naturalistischen satirischen Bildern" denken, an Erich Sokol sowieso. Mir fällt auch immer wieder Topor ein, selbst wenn Michael Sowas Humor nicht wirklich finster ist und niemandem übel wird - und der Umweg über die Verwunderung, den kleinen Schrecken, den grellen Glanz des Unheimlichen letztlich das Gelächter findet.