Vielleicht langweilen sich Politologen gelegentlich, und vermutlich verspüren sie dann den Ehrgeiz, den Weltläufen etwas Wesentliches hinzuzufügen. Dieses Verlangen teilen sie mit manchem ihrer Kollegen aus den anverwandten Disziplinen, die sich ebenfalls Geist und Gesellschaft verpflichtet sehen. Alle suchen nach standesgemäßer Beschäftigung, die sie als Experten auszeichnet und bescheidenen Ruhm verspricht.

Die Wahl will mit Sorgfalt bedacht sein. Hat man ein wichtiges Objekt oder einen renommierten Gegner ausgemacht, schreibt man eine geharnischte Analyse. Manche nennen so etwas Verriß, aber das sollten sie nicht tun, das wäre rufschädigend. Ruhmvoll ist dagegen, wenn die Analyse gedruckt wird und ein wenig Glimmer auf den eigenen Namen fällt; optimal, wenn die Analysanten einen Auftraggeber finden, möglichst einen finanzstarken mit flexibler Organisation. Wenn die Adressaten, deren Klingel man drückt, dankend abwinken, geht es aber auch ohne Auftrag, sozusagen freischaffend. Die folgende kleine Geschichte sollte also keinesfalls persönlich genommen werden, auch wenn sie eher nicht frei erfunden ist.

Zwei Politologen, ihrem engeren Kollegenkreis bekannt, nennen wir sie die J + V Allianz (kurz: JVA), spezialisieren sich auf Kommissionsanalysen. Im Rundfunkbereich sind, wie die beiden Herren schreiben, Kommissionen selten, und so freuten sie sich über eine, die sie als WK bezeichnen, weil sich nach ihrer Meinung der Name "Weizsäcker-Kommission" für diese Arbeitsgruppe eingebürgert habe. Das mag zutreffen oder auch nicht, jedenfalls klingt es gewichtiger als Mahrenholz-Kommission (nach ihrem Vorsitzenden) oder Kommission für Medienverantwortung, wie sie richtig hieß. Diese Kommission hatte dem Bundespräsidenten vor einem Jahr einen "Bericht zur Lage des Fernsehens in Deutschland" vorgelegt und einige Empfehlungen zur Sicherung gesellschaftlicher Verantwortung im Fernsehmarkt an den Präsidenten adressiert. In ihren Analysen konzentriert sich JVA ganz auf die Papierform, den Bericht der Kommission und publizierte Materialien wie Stellungnahmen und Presseartikel. Unveröffentlichte Papiere wie Protokolle und vieles andere bleiben außen vor. Gespräche mit den beteiligten "Akteuren", wie das bei Politologen heißt, spart man sich für spätere Untersuchungen auf. Da mögen andere ein Fragezeichen bei der Recherche machen, hier ging es um Wissenschaft.

Im übrigen will man mit den vorgelegten Analysen nichts Definitives gesagt haben: "Unsere Auseinandersetzung mit der WK läuft auf Hypothesen hinaus." Geleitet werden diese Hypothesen von fundamentalen Fragen, etwa: "Wie kam es zur Konstellation der Kommission?" Eine Konstellation, die JVA als hochgradig unwahrscheinlich und erstaunlich bezeichnet, um schließlich als Lösung zu präsentieren: "Sie war im Interesse aller Beteiligten."

Ungemein überrascht zeigen sich die Kommissionsforscher auch von der "Homogenität des Votums". Daß die Mitglieder der Kommission ihren Bericht gemeinsam unterzeichnet und keine Sondervoten formuliert haben, beeindruckt die beiden so sehr, daß sie diesem Phänomen mit Interaktionsund Leitbildanalysen zu Leibe rücken und aus den Texten extrahieren, daß es sich bei der WK "um eine informell gesteuerte kooperationsorientierte Interaktion in verhältnismäßig egalitärer Gruppenformation" handelte, orientiert an einem "homogenen", der Aufklärung verpflichteten Leitbild.

Solcherart Hypothesen sind zum Teil banal, zum Teil erheiternd, jedenfalls für jene Kommissionsmitglieder, über deren Interessen, Werthaltungen und Handlungen da gemutmaßt wird. Schade nur, daß den beiden Kommissionsforschern die Ergebnisse von Ernst Gottfried Mahrenholz und seinen Kollegen nicht gefallen wollen. Da sich in der Materialsammlung der JVA keine Aussagen über den Arbeitsauftrag der Kommission finden, erklären die Wissenschaftler, worauf die Kommission eigentlich hätte antworten sollen. Auf die Frage etwa, ob durch die deutsch-deutsche Einigung und durch Maastricht institutionelle Veränderungen in der Rundfunkpolitik notwendig sind. Mit der technischen Entwicklung der Multimedia-Zukunft hätte sich ein "Bericht zur Lage des Fernsehens" beschäftigen müssen, schulmeistern die Politologen und erwarten weiterhin eine Klärung, "wie die verfassungsgerichtlich angesprochene Bestands- und Entwicklungsgarantie für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sich finanziell ausdrückt". Auch weiß JVA eloquent darzulegen, warum die Empfehlungen der Kommission zwar vielleicht richtig, aber vermutlich letztlich doch von marginaler Wirkung sein werden, um nach einigen weiteren Klagen über mangelnde Originalität (Bekanntes gebündelt), zuwenig Fleiß (nicht historisch eingeordnet) sowie der beliebten Unterstellung, die Kommission hätte sich mit der Empfehlung eines Medienrates selbst perpetuieren wollen, schließlich die große Keule zu ziehen und die Hypothese zu wagen, die WK hätt e eine medienpolitische Chance verpaßt.

Ein bekannter Kanzler hat einmal das Bild von der Karawane und den bellenden Hunden bemüht; wir begnügen uns mit einem Hinweis. Um Auskunft zur Lage der politischen PR gebeten, kamen Teile der JVA jüngst zu so innovativ originären Aussagen wie: "Aufgabe politischer Öffentlichkeitsarbeit ist die Reduktion von sozialer Vielfalt im politischen Prozeß und Management von Interdependenzbeziehungen zwischen politischem System und seinen Umwelten mit dem Ziel einer permanenten Reproduktion von Strukturen als systematischen Handlungsvoraussetzungen von politischen Akteuren im Prozeß der Herstellung kollektiv ver bindlicher Entscheidungen."