Sonntag, 6. Mai: NDR 3: "Besiegt oder befreit?", WDR 3: "Befreit"

Ein Streit um Worte ist ein Streit um Lesarten - es ist gut, wenn es mehrere gibt, es ist meist so, daß eine sich durchsetzt. Aber immer nur auf Widerruf. Selbst wenn eine Öffentlichkeit sich stillschweigend oder laut palavernd auf eine bestimmte Interpretation geeinigt hat, wird sie doch die Alternativen nicht vergessen, sondern in sich arbeiten und gären lassen - bis irgend jemand findet: Man muß das alles ganz anders sehen. So kommt ein Historikerstreit, so kommt Historie als auf- und umgeschriebene Geschichte überhaupt zustande, und so wirkt das Gestern unablässig auf das Heute ein: als Lesart in Bewegung.

Medien spielen hierbei eine große Rolle, und der Gedenkrummel, viel geschmäht, ist immer mehr als Theater. Wenn im Rückblick auf den 8. Mai 1945 eine Sendung, die um 20.15 Uhr beginnt, "Besiegt oder befreit?" als Titel bietet und eine weitere, die um 22.05 Uhr anschließt, nur noch "Befreit" heißt, dann scheint das mehr zu sein als ein zufälliger Anklang, es ist Frage und Antwort, und die Antwort faßt eine Lesart kurz. Keine Angst also vor deutschem Revanchismus. Im Jahr 1995 ist die vorherrschende Interpretation des Zweiten Weltkriegs vernünftig. Jedenfalls im Fernsehen.

Das zu wissen tut auch dann gut, wenn da mal eine Sendung verrutscht. Peter Merseburgers Runde im NDR kam nicht in Gang - es waren der Teilnehmer einfach zu viele. Immerhin wurde deutlich: Leicht ist es nicht, sich gegen den Strom einer vernünftigerweise herrschenden Lesart in eine Epoche mit ganz anderer Stimmung hineinzudenken - und sich selbst da in einer Funktion zu begegnen, die man heute verwirft. Heilwig von der Mehden: "Wir versuchen mühsam und ehrlich, uns zurückzuversetzen." Das Resümee: Die meisten Deutschen fühlten sich vor fünfzig Jahren besiegt und befreit nur als Geschlagene.

Der WDR hatte es insofern leichter, als er fünf Portraits von zweifelsfrei Befreiten bot: von Juden, die aus dem KZ erlöst wurden oder aus dem Versteck herauskonnten, von Schriftstellern, die damals schon dagegen waren und es nie über sich bringen konnten, den Arm zum Hitler-Gruß zu heben. Aber was heißt "leichter"! Die Gewissensnöte des Tätervolkes müssen genauso "drankommen" und betrachtet werden wie die existentiellen Nöte der Opfer - die zu Kriegsende oft schon so ausgezehrt waren, auch in ihren Seelen, daß sie gar keine Vorstellung mehr davon hatten, was das hieß: befreit sein. Stella Müller-Madej, die ihre KZ-Erfahrung in dem Buch "Das Mädchen von der Schindler-Liste" dargelegt hat: "Es war eine große Verwunderung, befreit zu werden. Ich hatte keine Vorstellung davon, wie Freiheit aussieht."

Wir heute haben nicht nur die Vorstellung, sondern den Genuß der Freiheit. Deshalb erscheint es uns manchmal überflüssig, sie, diese Vorstellung, immer wieder durch alle Lesarten zu schicken, die unsere Geschichte bereithält. Aber wir kommen nicht drumrum, auch nicht im Fernsehen. Und wir wissen das und wollen es zu guter Letzt nicht anders. Daß der Fernsehkonsument unheilbar an chronischer Vergnügungssucht erkrankt sei, ist ein Vorurteil der Werbewirtschaft.