Nun ist wieder Ruhe. Mit dem Tarifabschluß im öffentlichen Dienst ist die Lohnrunde dieses Jahres so gut wie beendet, nur in einigen Branchen wie der Textilindustrie steht eine Einigung noch aus. Zwischen 3,2 Prozent bei den Staatsbediensteten und 3,8 Prozent, etwa in der Chemieindustrie, im Versicherungs- und Baugewerbe, steigen die Einkünfte der Beschäftigten nominal. Das war`s denn auch. Neben der nackten Lohnzahl wurde kaum Originelles vereinbart, das den Betrieben, den Arbeitnehmern oder gar den Beschäftigungslosen weiterhülfe. Ohne den überflüssigen Streik in der Metallindustrie wäre diese Runde langweilig gewesen wie seit Jahren nicht.

Das Ende des diesjährigen Tarifrituals ist die eine wichtige Nachricht der vergangenen Woche. Die andere kommt aus Nürnberg. Auf dem Arbeitsmarkt tut sich so gut wie nichts. Nach den Statistiken der Bundesanstalt für Arbeit haben, trotz Frühling und Konjunkturaufschwung, noch immer 3,6 Millionen Menschen keinen Job. Deprimierender noch als diese Momentaufnahme ist eine Prognose des ifo-Instituts. Obwohl Umsatz und Investitionen kräftig steigen, wird demnach das verarbeitende Gewerbe die Zahl seiner Mitarbeiter 1995 noch einmal um 3 Prozent reduzieren. Bis zur Jahrtausendwende werden jährlich im Durchschnitt 1,3 Prozent des Personals abgebaut, trotz eines erwarteten Wirtschaftswachstums von 2 Prozent pro Jahr. Die deutsche Industrie wird zwar auch neue Arbeitsplätze schaffen - doch leider vor allem im Ausland. Die Werktätigen daheim bleiben eingeklemmt zwischen Produktivitätsfortschritt und Standortkonkurrenz.

Nicht nur dies zeigt die Falle, in der die Tarifpolitik sitzt. Die Gewerkschaften triumphieren (und werden von den Arbeitgebern gescholten), weil sie in diesem Jahr einige Zehntel mehr herausgeschlagen haben, als von den Wirtschaftsforschern empfohlen und als sie wohl selbst erwartet hatten. Und doch haben sie, weil Preise, Steuern und Abgaben steigen, auch im Aufschwung für ihre Klientel kaum mehr erreicht als eine Sicherung der Realeinkommen - und dies nach Jahren des Kaufkraftverlustes. Jede zusätzliche Mark für die Beschäftigten müsse er sich borgen, meinte Bundesinnenminister Manfred Kanther, der Verhandlungsführer der Arbeitgeber im öffentlichen Dienst. Deshalb seien strenggenommen überhaupt keine Lohnerhöhungen drin. Ähnliches gilt, so scheint es, auch für die private Wirtschaft. Weil die deutschen Arbeitskosten international noch immer im Spitzenfeld liegen, tut jede Tarifsteigerung gerade den im internationalen Wettbewerb stehenden Branchen weh. Soweit die Theorie.

Ein Blick auf die Praxis läßt allerdings den Verdacht keimen, daß alle Beteiligten mit dem alljährlichen großen Brimborium der Lohnkämpfe einen liebgewonnenen Mythos pflegen: daß sich nämlich allein im Streit um die Zehntel Wohl und Wehe der Betriebe wie der Beschäftigten entscheide. Zwar werden nur Ideologen leugnen, daß es einen Zusammenhang zwischen der nominalen Lohnhöhe auf der einen Seite und Wettbewerbsfähigkeit sowie Beschäftigung auf der anderen Seite gibt. Teure Arbeit zwingt zur Rationalisierung. Kein Zweifel auch, daß zu hohe Tarifabschlüsse gerade für jene Betriebe, die ohnehin auf der Kippe stehen, tödlich sein können. Wer es nicht glauben mag, kann sich in Ostdeutschland eines Besseren belehren lassen. Der Preis der Arbeit bleibt eine wichtige volks- und betriebswirtschaftliche Kenngröße - aber eben nur eine von vielen.

Die Erfahrung der vergangenen Jahre und dieses Frühlings lehrt, daß andere Faktoren mindestens ebenso entscheidend sind - im Guten wie im Schlechten. Wichtige Branchen haben sich in einem beispiellosen Kraftakt aus der Rezession befreit. Zwar wurden viele Mitarbeiter ausgekehrt, eben weil die Löhne hoch sind. Doch vor allem neue Produktionsverfahren, eine intelligentere Arbeitsorganisation und ein schlankeres Management haben an vielen Stellen enorme Produktivitätspotentiale freigesetzt, mit neuen Produkten und verbessertem Service wurden Marktanteile zurückerobert. Schon träumen die Großunternehmen der chemischen Industrie wieder von den Milliardengewinnen des Rekordjahres 1989; viele Betriebe des Maschinenbaus feiern eine Wiedergeburt; die Autoindustrie verkauft ihre deutlich verbesserten neuen Modelle oftmals zum selben Preis wie die Vorgänger. Das Hochlohnland Deutschland ist noch immer, hinter den Vereinigten Staaten, Vizeweltmeister bei den Exporten.

Daß die Ernte nun doch noch verhagelt werden könnte, liegt nicht zuvörderst an den etwas hoch ausgefallenen Tarifabschlüssen. Der Wert der Deutschen Mark hat sich gegenüber dem Dollar allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres um über achtzehn Prozent erhöht, im Vergleich zu den Währungen der Europäischen Union legte die Mark um sechs Prozent zu. Bleibt es dabei, sind die Folgen für die Exportwirtschaft nicht absehbar, in den kommenden Jahren noch weniger als 1995. Angesichts dieser Zahlen kann man es IG-Metall-Chef Klaus Zwickel nicht ganz verdenken, wenn er die "aus dem Tarifabschluß resultierenden Kostenbelastungen" für "Kleinkram" hält.

Diese Fakten nehmen die Tarifparteien allerdings nicht aus der Verantwortung, auch nicht in der Lohnpolitik. Die zusätzlichen Belastungen durch die Währungsrelationen sind gerade kein Argument für, sondern gegen Lässigkeit bei den Löhnen. Vor allem aber sind Arbeitgeber und Gewerkschaften gefordert, weiterhin dafür zu sorgen, daß die Betriebe trotz der hohen Löhne und der verschärften Konkurrenz wettbewerbsfähig bleiben. Die Flächentarifverträge können hierfür den Rahmen liefern, etwa indem sie eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit ermöglichen. Daß viele Manager ihre bereits heute bestehenden Freiheiten nicht zu nutzen verstehen, taugt als Gegenargument auf Dauer nicht. Am Ende hängt dann letztlich alles von den Handelnden vor Ort ab: von den Betriebsräten und den Unternehmensleitungen. Ihr Job ist es, durch intelligente Kooperation die Betriebe fit zu machen für die Zukunft. Ein Anfang ist bereits gemacht.