Belfast Der Frieden wird halten", sagt Una Mcgregor und unterstreicht ihre Worte mit energischer Geste, so als wolle sie Zweifel und Ängste wegwischen."Wir hier in der Ardoyne werden nicht zulassen, daß kaputtgemacht wird, was in den vergangenen Monaten erreicht worden ist."Ihr Kollege Eanes meint, je länger der Waffenstillstand halte, desto schwerer werde es, den Terror wiederaufleben zu lassen.Die beiden Sozialarbeiter leiten die "Pop-Bar", ein Jugendzentrum in der Ardoyne, einem katho lischen Stadtteil von Belfast.Sinn Féin, politischer Ableger der IRA, schneidet hier bei Wahlen stets glänzend ab.Die frisch renovierte "Pop-Bar", mit Billard, Tischtennis, Sporthalle und Cafeteria, liegt in einer ehemaligen Textilfabrik, hinter der sich neue Reihenhäuser aus rotem Backstein ducken.London hat viel Geld in diese Gegend gepumpt. In der Ardoyne wie in anderen katholischen Hochburgen hat die IRA die Funktion der Staatsgewalt usurpiert.Ihre Kommando-Einheiten, "Provos" genannt, sind Polizei und Justiz zugleich.Seit Ausrufung des Waffenstillstandes vor gut acht Monaten ahnden sie "antisoziales" Verhalten wie joyriding (das Rasen mit gestohlenen Autos), Vandalismus und Drogenhandel noch härter als zuvor.Im Vorgriff auf das "neue Nordirland" wollen sie ihre Position als selbsternannte Ordnungsmacht nicht preisgeben, auch wenn sie Schußwaffen nicht mehr verwenden dürfen.Das alte kneecapping, den gezielten Schuß durch Knie oder Armgelenk, ersetzen die "Provos" durch eine weitaus brutalere Praxis: Mit Baseballschlägern und Eisenstangen werden Arme und Beine von "unbot mäßigen" Jugendlichen zertrümmert. Dennoch keimt Hoffnung auf.Una Mcgregor sieht den Haß auf die "Prods", die Protestanten, abflauen, die Jugendlichen, inmitten von Terror und Gewalt aufgewachsen, sprechen von Ausbildung und Jobs.Vieles sei anders geworden in den vergangenen Jahren, berichten Una und Eanes, Katholiken hätten nun "bessere Chancen auf Arbeitsplätze und Beförderung", erhielten gar führende Positionen im Nordirland-Office der britischen Regierung.Die Diskriminierung sei spürbar zurückgegangen. Una lobt das nordirische Tourismusbüro, das nun plötzlich mit irischem Kunsthandwerk werbe; und am St.Patrick`s Day, dem irischen Nationalfeiertag, sei auf Initiative des (protestantischen) Oberbürgermeisters im Rathaus von Belfast ein irischer Volkstanz aufgeführt worden."Unser Traum ist nicht so sehr die irische Einheit", sagt Una Mcgregor, "wir wollen vor allem, daß man unsere Kultur und Traditionen akzeptiert." Die beiden Sozialarbeiter repräsentieren die neue katholische Mittelschicht, die aus den Gräben des Konflikts herausdrängt.Beide arbeiten an einer Frontlinie der 25jährigen Troubles: Täter, Opfer und Leidtragende des Bürgerkrieges stammen überwiegend aus den Vierteln der Arbeiterklasse.Die Katholiken dort wählen Sinn Féin und unterstützen die IRA aus Protest gegen Armut und miese Lebensumstände, aber auch weil viele an den "republikanischen Traum der irischen Einheit" glauben.Und jede Stimme für Sinn Féin soll den "Anpäßlern" und "Leisetretern" in den katholischen Mittelschichten signalisieren, daß sich ihre Lage nur wegen der Bürgerrechtsbewegung und des IRA-Terrors verbessert hat. Für den Erfolg des Friedensprozesses muß die working class auf beiden Seiten gewonnen werden.Una und Eanes haben gerade zusammen mit Jugendlichen und Eltern aus der Ardoyne eine Reise in ein gefährliches Land gemacht, das sie niemals zuvor betreten hatten: die Shankill Road, nur einen Kilometer von ihrem Viertel entfernt.Diese Gegend ist Belfasts größtes loyalistisch-protestantisches Arbeiterviertel.Noch immer verherrlichen hier martialisch-heroisierende Wandmalereien die loyalistischen Kämpfe r; trotzig verkünden Inschriften "No Surrender" - keine Unterwerfung.Aber auch hier gibt es Zeichen des Wandels."UDP, it`s good to talk" - es ist gut, miteinander zu reden - verkündet ein Plakat der Ulster Democratic Party.Die kleine loyalistische P artei versteht sich als politischer Arm der militanten protestantischen "Paras".Ihre kompromißbereite Haltung hat Washington mit einer Einladung ins Weiße Haus und London mit direkten politischen Gesprächen honoriert.Das Büro der UDP liegt schräg ge genüber einer Häuserlücke, die im Oktober 1993 eine Bombe der IRA riß.Neun Menschen, darunter einige Kinder, wurden damals zerfetzt. Die Leute aus der Ardoyne mußten ihren ganzen Mut zusammennehmen, um das ehemalige Feindesland zu betreten.Vergessen und vergeben sind weder hüben noch drüben weit verbreitet.Aber man wollte um keinen Preis die Abschlußfeier eines bislang einzigartigen "Cross Community"-Projektes im Jugend- und Gemeindezentrum der Shankill Road verpassen.Acht Wochen lang hatten katholische und protestantische Jugendliche aus beiden Vierteln an einem Schulungsprogramm teilgenommen.Dann hange lten ein katholisches Mädchen und ein protestantischer Junge an Seilen unter der Decke der Sporthalle aufeinander zu, um gemeinsam ein schwarzes Banner mit einer weißen Friedenstaube zu entfalten.Das gemischt konfessionelle Publikum feiert e sie begeistert. "Eine tolle Sache" sei das gewesen, sagt Hugh Sinclair.Seit einem Jahr dreht sich sein Leben um das "Stadium", das Jugend- und Gemeindezentrum auf der Shankill Road.Er hilft Pastor Jack McKee, dem Leiter des Zentrums, seit er den protestantischen Untergrundarmeen den Rücken gekehrt hat.An Nachwuchs hat es den Paras in der Shankill-Gegend nie gemangelt.Junge Männer wie Hugh Sinclair, ohne Schulabschluß, arbeitslos, verwahrlost und ohne Perspektive, flüchteten sich nur allzu gerne in die Geb orgenheit der Gangs mit ihren Hierarchien und klaren Feindbildern.Jetzt hat Hugh, der zwei Jahre im Gefängnis saß, diese "böse Zeit" hinter sich gelassen - Diebstähle, Raubüberfälle, bewaffnete Rachefeldzüge gegen die Katholiken in der Ardoyne und der Falls Road."Gott hat mir die Augen geöffnet", sagt Hugh ein wenig verlegen; er habe "massenweise" Ecstasy und LSD geschluckt und während eines "Trips" ein religiöses Erlebnis gehabt, "das hat mich zum Christen gemacht".Die Drogen sind ein Pro blem.Die militanten Paras bringen sie jetzt unters nordirische Jungvolk, weil Schutz- und Erpressungsgeld wegen der Waffenruhe nicht mehr fließen.Tausende Youngster, die auf Ecstasy-Trip seien, weiß Hugh, "scheren sich nicht mehr um das ganze politische Gefasel".Diesen Nebeneffekt der rave culture kennt auch die Polizei."Von rave-Parties wurden eigentlich nie Probleme gemeldet", bemerkt Superintendent Jim Nairn. Der hochrangige Offizier sagt, "siebzig zu dreißig" stünde die Chance für einen dauerhaften Frieden.Der Geheimdienst berichtet von "Abweichlern", die den Friedensprozeß hintertreiben wollen, vor allem in den ländlichen Grenzgebieten zur Republik Irland.Aber Sinn Féin Präsident Gerry Adams und sein Stellvertreter Martin McGuinnes hätten die IRA bislang erstaunlich gut auf Kurs gehalten.Darin sind sich auch die Katholiken in den kleinen Bars der Ardoyne und der Falls Road einig.Auf Adams u nd McGuinness lassen sie nichts kommen. "Dummes Geschwätz" nennt Damien aus der Falls Road die Behauptung, die Führer von Sinn Féin würden die republikanische Bewegung in den nun stattfindenden ersten direkten Gesprächen mit London verraten und sich politische Karrieren zimmern.So etwas könne nur von den "pathologischen Fanatikern und Dummköpfen" der INLA stammen, der extremistischen Splittergruppe Irish National Liberation Army, die für ihre sadistischen Morde an der protestantischen Zivilbevölkerung berüchtigt ist. Das Cross Community Project zwischen Shankill Road und Ardoyne allerdings hält Damien für nichts weiter als "Propaganda".Die umstehenden Zecher pflichten ihm bei.Die "Barrieren in den Köpfen" seien noch nicht überall in Nordirland weggebrochen.