Wie viele Demütigungen ertragen die UN-Truppen im ehemaligen Jugoslawien noch? Im vierten Jahr ihrer Mission sind die Blauhelme Zielscheibe von Scharfschützen, Watschenmänner für südslawische Politiker, Melkkühe ihrer Militärs geworden. Seit der von Expräsident Carter vermittelte Waffenstillstand im Trommelfeuer der drei Armeen in Bosnien untergegangen ist, wissen die Vermittler: Alle Kriegsparteien jagen derselben großen Illusion vom Sieg nach - der jugoslawischen Selbstzerstörung. Können die Vereinten Nationen Völkern helfen, denen anscheinend nicht zu helfen ist?

Im hehren Bestreben, es allen recht zu machen, verheddert sich die Uno an vielen Fronten: Während UN-Generäle in Bosnien mit Radovan Karadzic als Partner verhandeln, verfolgen ihn UN-Richter in Den Haag als Kriegsverbrecher. Während Blauhelme bosnische Städte zu schützen versuchen, verkaufte der mittlerweile entlassene UN-General Pereljakin Waffen an die Serben. Während Hilfstransporte das Leid der Menschen in eingeschlossenen Städten lindern, päppeln sie zugleich die Belagerer auf. Bei dem Versuch, das Unvereinbare zur Deckung zu bringen, droht die Mission der Blauhelme in Bosnien und in Kroatien zur Karikatur zu verkommen.

Also endlich abziehen nach dem Muster Somalias? Wer das Ende des Einsatzes im ehemaligen Jugoslawien will, muß sich fragen, ob der Rückzug möglich und wünschenswert ist. Die Nato hat dafür bereits detaillierte Pläne entwickelt. Doch in den Bergen Bosniens wurde schon mancher Planer überrascht. Mit Luftpatrouillen wäre es nicht getan. 50 000 Nato-Soldaten, darunter Deutsche, müßten die Blauhelme schützen.

Der Rückzug wäre die Umwandlung der Friedensmission in einen Kampfeinsatz. Serben, Kroaten und Muslime würden eine Kesselschlacht um Waffen, Stützpunkte und Kasernen der UN-Truppe beginnen, noch ehe sie abgezogen wäre. Mit Gefangennahmen ist zu rechnen. Die Serben wollen die Blauhelme im Land behalten, weil sie der beste Schutz vor Luftangriffen sind. Muslimische Zivilisten werden versuchen, den Abzug aus den ostbosnischen Enklaven zu verhindern. Wird das holländische UN-Kontingent ungerührt weiterfahren, wenn die Frauen und Kinder von Srebrenica die Straße blockieren? Die Blauhelme sind längst zu Geiseln des Krieges und seiner Opfer geworden.

Doch soll sich die Uno denn wirklich aus der Umklammerung der Schwächsten befreien? Diese Menschen wissen am besten, was Bosnien den Blauhelmen verdankt. In welchem kriegszerrütteten Land kann man auf dem Flughafen der umkämpften Hauptstadt landen? Ohne die Uno wären Sarajevos Landebahnen zerstört, würden Hunderttausende hungern. Ohne die Uno hätten viele Städte, vor allem die drei ostbosnischen Enklaven, keine Zukunft. Ohne die Uno gäbe es kein Flugverbot, das einen verheerenden Luftkrieg verhindert. Ohne die UN-Beobachter wäre eine erneute Brutalisierung der Kämpfe mit Lagern, Massenvergewaltigungen und systematischer Folter wie 1992 wahrscheinlich - im Schatten der Weltöffentlichkeit. Ohne die Uno würde der Kitt der kroatisch-muslimischen Föderation zerbröckeln, eine Neuauflage ihres Krieges im Kriege ermöglicht. Ohne den Schutz der 400 spanischen Blauhelme in Mostar, sagt EU-Administrator Koschnick, müßte auch er die Koffer packen. Die wenigen Erfolge der Vermittler wären dahin.

Frieden für ganz Bosnien als Ziel darf nicht der einzige Maßstab sein, an dem die Uno gemessen wird. Die Ansprüche aller Beteiligten müssen bescheidener werden, auch der Blauhelme selbst. Sie können nicht in jedem bosnischen Dorf präsent sein. Die UN-Mission muß sich auf wichtige Städte konzentrieren und nichtausgelastete Soldaten nach Hause schicken. Wer bleibt, sollte mit Gelassenheit den blauen Helm der Demütigung tragen und sich nicht scheuen, zur Selbstverteidigung auch einmal Nato-Jäger anzufordern. Nicht nur der große Erfolg zählt, sondern schon die Eindämmung eines Konflikts, der mehr als nur Bosnien und Randgebiete Kroatiens zum Brennen bringen könnte. Dies haben die UN-Truppen bislang verhindert.