Das Lachen des Dalai Lama beginnt tief unten im Zwerchfell, es sprudelt nach oben und entlädt sich in einem warmen Baßbariton: "Ach was, das macht doch nichts. Es hat ihn sicher verwirrt." Mit einer ausladenden Handbewegung wischt Seine Heiligkeit, geistliches und weltliches Oberhaupt der Tibeter und 14. Reinkarnation von Boddhisatva Avalokitesvara, der Gottheit der Barmherzigkeit, eine üble diplomatische Brüskierung großmütig von sich: Zu Beginn seines Gesprächs mit Bundesaußenminister Klaus Kinkel hatte der Gast aus Dharamsala dem Deutschen einen weißen Seidenschal umlegen wollen, wie es in Tibet als Geste der Wertschätzung Sitte ist. Aber der Minister schreckte zurück, wehrte fuchtelnd ab, griff dann doch nach dem Tuch und zerknäulte es schließlich hilflos in seinen Händen.

Dabei war alles so gut gemeint gewesen. Denn bis zum vergangenen Jahr hatte die Bundesregierung bei der Nachricht "Dalai Lama ante portas" geschlossen die Flucht durch die Hintertür ergriffen. Diskret nämlich wirbt China - das Tibet als Teil seines Territoriums betrachtet und hartleibig jede Autonomie verweigert - mit lukrativen Aufträgen in einem riesigen Wachstumsmarkt. Dann aber hat Kinkel sich offenkundig auf sein Menschenrechtsempfinden - Darin lasse ich mich von niemandem überholen - besonnen, wohl nicht zuletzt wegen der anhaltenden Kritik am demonstrativen Desinteresse der Bundesregierung gegenüber dem Friedensnobelpreisträger von 1989. Und nun dies: Der Besuch ward zur Blamage.

Ist er deshalb auch gescheitert? Bei allem Charisma, das den Dalai Lama aus der Sicht seiner Untertanen zu einem Gott und in den Augen westlicher Fans zu einem Popstar verklärt, erweist er sich im Gespräch vor allem als ein nüchterner Pragmatiker: "Nicht doch. Herr Kinkel hat mir in unserem einstündigen Gespräch ganz offen die deutsche Position erklärt und dabei betont, daß er nicht als Parteipolitiker, sondern als Außenminister mit mir sprach. Und ich habe ihn gebeten, auf China einzuwirken, damit es sich endlich zu Verhandlungen über Tibet bereit findet." Mag Kinkel sich auch wie Laokoon im Schal des buddhistischen Mönchs verknoten - entscheidend ist das klare Signal, das diese Begegnung an Peking sendet: Chinas Tun in Tibet bleibt nicht unbeobachtet.

Wer wollte, der konnte es schon lange sehen, was die Chinesen seit ihrem Einmarsch auf dem "Dach der Welt" 1950 angerichtet haben (der junge Dalai Lama flüchtete neun Jahre später mit über hunderttausend Gläubigen nach Indien). Menschenrechtsorganisationen berichten seit Jahrzehnten über Folterung und das Verschwinden von Ordensleuten, über blutig unterdrückte Aufstände und Zwangsabtreibungen. Sieben Millionen Chinesen wurden in Tibet zwangsweise angesiedelt, historische Bauwerke wurden ebenso zerstört wie die Umwelt. Gerüchten zufolge soll Peking dort sogar in einer entlegenen Ecke Atommüll deponiert haben. "Kultureller Genozid", nennt es der Dalai Lama bitter.

Die Unabhängigkeit aber, womöglich noch mit Gewalt erkämpft, sei keine Lösung für Tibet - diese Mahnung richtet er an die wachsende Schar tibetischer Radikaler, die glauben, daß die von ihm verfochtene Gewaltfreiheit ein Anachronismus sei. Der Dalai Lama leiste der schleichenden Sinisierung ihrer Heimat nur Vorschub, kritisieren sie. Der Oberste sieht es differenzierter: "Buddha selbst hat gesagt, daß dieser Grundsatz da seine Grenzen findet, wo man töten muß, um einen höheren Schaden abzuwenden - so wie der Zweite Weltkrieg geführt wurde, um die Nationalsozialisten zu vernichten." Der Dalai Lama schweigt einen Augenblick und hüllt seine geflickte, weinrote Robe fester um das ärmellose, safrangelbe Oberteil. "Aber wenn wir in Tibet Gegengewalt anzettelten - es wäre ein willkommener Vorwand für die Chinesen, uns endlich ganz auszuradieren."

Und so verfolgt der fast sechzigjährige Bauernsohn, der noch als Kleinkind zum Nachfolger des verstorbenen 13. Lama erklärt und seitdem in den tausend Zimmern des Potala-Palastes in Lhasa von ebenso vielen Mönchen weltabgeschieden erzogen wurde, mit unerschütterlicher Geduld seine Strategie des "Mittleren Weges". Seit sechsunddreißig Jahren fordert er China zu Verhandlungen über ein Autonomiestatut auf. Gleichzeitig fördert er die Demokratisierung innerhalb der exiltibetischen Gemeinde und weiß vom Nutzen der öffentlichen Meinung im Westen.

Autonomie, nicht Unabhängigkeit? "Daß ich kein gewähltes Oberhaupt meines Volkes bin" - der Dalai Lama ist selbst herzlich amüsiert über einen solchen Anachronismus - "entbindet mich ja nicht von der Verantwortung ihm gegenüber. Deshalb muß ich manchmal realistischer sein als meine Anhänger." Und das heißt: "Wir können ohne China nicht leben. Daher haben wir genausowenig wie der Westen ein Interesse daran, daß eine so große Nuklearmacht in die Isolation getrieben wird. Andererseits zeigen die alten autoritären Strukturen Sprünge, die immer größer werden. Wenn China in den mainstream der pluralistischen Demokratie gebracht werden könnte - das wäre auch für Tibet das Beste."