Laut hallt Popmusik über die Euskirchener Fußgängerzone. Ältere Frauen verteilen unter bunten CDU-Schirmen Heftchen mit "Lins(s)en-Rezepten für Genießer", dazu gibt es hausgemachten Linseneintopf. Ein junger Animateur stellt Quizfragen: "Wie heißt die Hauptstadt von Frankreich?" Paris, richtig. Ein T-Shirt für die Dame. Dazwischen ruft er unentwegt ins Mikrophon: "Wir erwarten Helmut Linssen, Ministerpräsident für Nordrhein-Westfalen. CDU - die neue Kraft." Nächste Frage: "Wo steht der höchste Fernsehturm . . .?"

"Canvassing", Stimmenfangen, nennt die CDU diese Art Wahlkampf nach amerikanischem Muster. Weit über 100 solcher Auftritte absolviert der CDU-Spitzenkandidat derzeit. Dabei erfahren die Zuhörer zum Beispiel, daß Woche für Woche 200 000 Schulstunden in Nordrhein-Westfalen ausfallen, 7000 Polizisten fehlen und pro Stunde 160 Straftaten im Land verübt werden, weswegen die CDU eine "Freiwillige Sicherheitswacht" einrichten will. "Die SPD tut nichts!" ruft Linssen. Er ist aber sorgsam darauf bedacht, nicht die Fehler seiner Vorgänger zu begehen. Die haben das Land in so düsteren Farben gemalt, daß die Menschen sich schlechtgemacht fühlten und zu ihrer Regierung hielten. "Nordrhein-Westfalen ist ein traumhaftes Land", sagt Linssen also, es werde nur "unter Wert regiert".

Der 52jährige ist der vierte Herausforderer, der nach Kurt Biedenkopf, Bernhard Worms und Norbert Blüm gegen den seit fast siebzehn Jahren regierenden Johannes Rau antritt. Als erster CDU-Spitzenkandidat wurde Linssen im vergangenen Jahr durch Urwahl der Mitglieder gekürt.

Er kommt aus einer katholischen Unternehmerfamilie vom Niederrhein und fand erst 1972 zur Politik. Als "linke Kreise der SPD" gefordert hätten, "die Belastbarkeit der Wirtschaft zu erproben", sei er der CDU beigetreten. Zuvor hatte der promovierte Diplomkaufmann mit seinem Bruder das elterliche Geschäft für Düngemittel und andere landwirtschaftliche Produkte in Geldern geleitet. Heute ist er nur noch Gesellschafter des siebzig Beschäftigte zählenden Betriebs. In den Landtag zog er 1980 ein, 1987 machte ihn Norbert Blüm zu seinem Generalsekretär, 1990 übernahm er von Bernhard Worms den Vorsitz der Landtagsfraktion.

Dieses Mal werde er es schaffen, die CDU zur Regierungspartei zu machen: Davon ist Linssen felsenfest überzeugt. Nur noch zwei Prozentpunkte trennten sie von der SPD, behauptet er allen Ernstes und bezieht sich dabei auf das Kommunalwahlergebnis vom vergangenen Herbst. Daß seine Partei bei der letzten Landtagswahl um über dreizehn Prozentpunkte hinter den Sozialdemokraten lag und alle Umfragen für den kommenden Sonntag ein ähnliches Resultat vorhersagen, scheint er massiv zu verdrängen. Mit seinem achtköpfigen Schattenkabinett - Linssen will vier der zwölf Ministerien einsparen - zelebriert er schon wöchentliche Kabinettssitzungen. Es braucht offenbar solchen an Realitätsverlust grenzenden Optimismus, um durchzuhalten und die eigenen Leute zu motivieren. Denn das größte Problem der Landes-CDU ist ihr Phlegma. Schon Norbert Blüm beschwerte sich vor einigen Jahren lautstark: "Es geht nicht an, daß einer allein in die Arena steigt, während die Partei auf den Rängen sitzen bleibt."

Die fast dreißig Jahre währende Opposition hat viele Parteigänger entmutigt und die CDU verändert: In den Ruhrgebietsstädten, auch in den Großstädten entlang des Rheins verfügt sie über kein Direktmandat. Rund zwei Drittel ihrer Abgeordneten zogen über die Liste ins Parlament. In ihrer Struktur gleicht die Volkspartei CDU immer mehr der FDP, die meisten Mandatsträger verlieren Wählerbindung und Bürgernähe. Mit seiner "Canvassing"-Tour will Linssen auch die eigenen Kandidaten auf Trab bringen. Er beobachte genau, wie sie sich engagierten, sagt er. Und wehe, einer läßt die Zügel schleifen! Als ein Kandidat in Osterurlaub fuhr, statt um Wähler zu buhlen, habe er sich den Betreffenden gehörig zur Brust genommen. Ein anderer habe daraufhin erklärt, seine Gesichtsbräune käme vom intensiven Strassenwahlkampf.

Einen "Macher" nennt Linssen sich und vergleicht sich gern mit Kurt Biedenkopf und Edmund Stoiber. Mit dem Bayern hat er einiges gemein: Er polarisiert und ist bekannt für seine Schärfe, die seine schnarrende Stimme noch verstärkt. Dem als liberal geltenden Innenminister Herbert Schnoor warf er vor, Nordrhein-Westfalen zum "letzten Asylanten-Paradies in Europa" gemacht zu haben. Von Norbert Blüm, CDU-Landeschef, unterscheidet er sich deutlich. Der Mittelstandsvereinigung seiner Partei steht Linssen näher als den Sozialausschüssen: "Ich bin sicher kein Verteilungspolitiker." Der Gewerkschafter Blüm habe es doch nicht geschafft: "Schauen Sie sich mal die Ergebnisse in seinem Dortmunder Wahlkreis an."