Martin Bangemann kann zufrieden sein. Der deutsche EU-Kommissar bekam von einer "Beratergruppe für ethische Implikationen der Biotechnologie" Rückendeckung in Sachen Verbraucherschutz und Gentechnik. Nach dem Urteil der neun Experten ist es nicht nötig, gentechnisch manipulierte Lebensmittel generell zu kennzeichnen. Nur bei substantiellen Veränderungen sei ein Hinweis für die Verbraucher angemessen. Genau diese Position hatte Bangemann schon seit Jahren vertreten. Eingriffe in Gene seien schließlich Verfahren wie andere auch.

Leider teilen die meisten Deutschen diese Überzeugung nicht. Über achtzig Prozent lehnen genmanipuliertes Essen grundsätzlich ab. Und wenn sich die neue Technologie partout nicht vermeiden läßt, sollen die betreffenden Lebensmittel wenigstens gekennzeichnet werden.

Mit der Abneigung gegen novel food stehen die Bundesbürger in Europa durchaus nicht allein. Skandinavier und Österreicher, Niederländer und Spanier sind skeptisch und wollen zumindest wissen, was im Essen ist. Auch das Europäische Parlament fordert eine strenge Kennzeichnungspflicht. Doch dem Unbehagen der Verbraucher stehen wie so oft die Interessen der Hersteller entgegen. Sie deklarieren die unpopulären Eingriffe nur ungern. Und die Regierungen der Mitgliedsstaaten streiten schon seit Jahren darüber, wieweit sie ihre Bürger aufklären sollen und wollen. Die Frage nach der Kennzeichnung aber blockiert die gesamte "Verordnung über neuartige Lebensmittel und Lebensmittelzutaten".

Diese Verordnung soll endlich regeln, was auf den Markt kommen darf und was nicht. In Großbritannien etwa wird bei der Käseherstellung bereits Chymosin, ein gentechnisch hergestelltes Enzym, verwandt. Auch Bier, Fruchtsaft, Marzipan oder Brotteig sollen bald mit Enzymen aus dem Genlabor produziert werden. Und europaweit drängt möglicherweise schon in den nächsten Wochen gentechnisch veränderter Mais und Raps auf den Markt. Die Zeit wird also knapp, und der Kampf um ein Gentech-Label ist in Brüssel neu entbrannt. Der neueste Kompromißvorschlag Frankreichs schreibt Verbraucherinformation sehr klein - ganz im Sinne der Kommission. Für Länder wie die Bundesrepublik ist er nicht akzeptabel. Noch ist kein Kompromiß in Sicht.

Doch selbst wenn sich die Europäer demnächst tatsächlich auf eine Kennzeichnungspflicht einigen sollten und ein Gentech-Label einführen, werden sich die Verbraucher nicht völlig vor novel food schützen können. Denn gekennzeichnet werden sollen, da sind sich die Regierungen einig, allenfalls Lebensmittel, die gentechnisch veränderte Organismen enthalten oder aus solchen bestehen. Also etwa die haltbar gemachte Tomate, die frisch aussieht, es aber nicht ist.

Eine viel größere Rolle im Genlabor spielen aber Zusatzstoffe, zum Beispiel Enzyme. Sie können mittels Gentechnik viel profitabler produziert werden. Solange sie dabei selbst unverändert bleiben, sollen die mit ihrer Hilfe produzierten Lebensmittel nicht kennzeichnungspflichtig sein. Aus Verbrauchersicht ein erheblicher Mangel: Die gentechnischen Verfahren sind relativ neu, es gibt noch wenig Erfahrungen mit ihnen. Fehlt hier die Transparenz, werden die Kunden mißtrauisch.