Liberia, 1847 von freigelassenen Sklaven aus den Südstaaten der USA gegründet, ist die älteste Republik Afrikas und galt lange Zeit als Hort der Stabilität. Doch hinter der Fassade eines demokratisch regierten Musterlands blühten Vetternwirtschaft und Korruption. Die ehemaligen Sklaven, die sich seit 1822 an der westafrikanischen Küste ansiedelten und ihre Niederlassung zu Ehren von US-Präsident Monroe Monrovia nannten, unterschieden sich nur wenig von weißen Kolonialherren. Sie wurden von der American Colonization Society unterstützt und bildeten eine von der einheimischen Bevölkerung abgehobene Elite.

Nach Gründung der Republik wurde Liberia über hundert Jahre lang von der True Whig Party regiert, deren Mitglieder sich - vom kleinen Beamten bis zum Staatschef - aus der Elite der sogenannten Americo-Liberianer rekrutierten. Die Regierung vergab großzügig Konzessionen an ausländische Firmen, die ohne Rücksicht auf nationale Interessen die natürlichen Reichtümer ausbeuteten: Gold, Diamanten, Eisenerz, Tropenholz und Kautschuk. 1926 sicherte sich der amerikanische Firestone-Konzern vier Prozent des Territoriums für den Anbau von Gummibäumen und wurde so zum größten Arbeitgeber Liberias; das Streikrecht wurde suspendiert.

Die gegenwärtige Krise ist das Ergebnis einer steckengebliebenen Demokratisierung. Die halbherzigen Reformversuche der Präsidenten Tubman (1944 bis 1971) und Tolbert (1971 bis 1980) scheiterten ebenso wie der Versuch des Stabsfeldwebels Samuel Doe, die Macht der traditionellen Eliten mit Gewalt zu brechen. Nach seinem blutigen Putsch besetzte Doe alle Schlüsselstellungen mit Stammesangehörigen der Krahn und legte damit die Zündschnur an einen ethnischen Konflikt, dessen Explosion Liberias Staatsgefüge weitgehend zerstört hat.

Mitte der achtziger Jahre gelang Charles Taylor, der sich mit den Einnahmen der von ihm geleiteten General Services Agency (GSA) aus Liberia abgesetzt hatte, die Flucht aus einem Bostoner Gefängnis. Nach Aufenthalten in Ghana und Sierra Leone, wo er vorübergehend in Haft saß, fand Taylor Asyl in Burkina Faso bei Präsident Blaise Compaoré. Der hatte eine Tochter des Staatschefs der Elfenbeinküste, Félix Houphouët-Boigny, geheiratet; ihr erster Mann, ein Sohn von Expräsident Tolbert, war auf Befehl von Samuel Doe ermordet worden - kein Königsdrama von Shakespeare, sondern zeitgenössische Politik in Afrika. Mit Waffenlieferungen aus Libyen und logistischer Hilfe der Elfenbeinküste begann Taylor einen Guerillakrieg gegen Samuel Doe, dessen Regierung kurz vor dem Fall stand, als Friedenstruppen der westafrikanischen Staatengemeinschaft intervenierten. Seitdem ist der Bürgerkrieg zum Stammeskrieg degeneriert, der Liberia entvölkert und in unvorstellbares Elend gestürzt hat: 150 000 Menschen haben ihr Leben verloren; 750 000, ein Drittel der Gesamtbevölkerung, wurden aus ihren Heimatorten vertrieben und sind seit Jahren auf der Flucht.