Mit der Aufforderung "Lernen Sie Ihre Schokoladenseite lieben" wirbt die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK) um fitneßbewußte junge Frauen. Die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) rührt für ihren Ernährungskurs "gesünder essen" die Trommeln. Für sanfte Medizin schließlich machen sich die Innungskrankenkassen stark. Ob Yogakurs, kostenlose Massageangebote, Raucherentwöhnung oder preiswerte Wanderferien auf Mallorca - die gesetzlichen Krankenkassen lassen ihrer Phantasie bei der Kundenwerbung freien Lauf. Vom 1. Januar 1996 an kann jeder gesetzlich Versicherte seine Kasse frei aussuchen. Zur Wahl stehen auch die Technikerkrankenkasse mit ihren attraktiven Beiträgen sowie einige nicht minder interessante Betriebskrankenkassen. Kein Wunder, daß die Anbieter jetzt lautstark um neue Mitglieder werben. Die am stärksten unter Druck geratenen Ortskrankenkassen - ihnen wurden die Mitglieder zum Beispiel von Arbeitsund Sozialämtern zugewiesen - zahlen sogar schon Kopfgelder an erfolgreiche Außendienstler.

"Unternehmerisches Denken" wollte Bundesgesundheitsminister Seehofer in die verstaubten Amtsstuben der Kassen tragen und damit die steigenden Kosten im Gesundheitswesen drücken. Ob ihm diese Kur anschlägt, bleibt abzuwarten. Das Konkurrenzgehabe der Kassen jedenfalls bringt den Versicherten wenig und verschlingt viele Werbemillionen, die den ohnehin immensen Verwaltungsaufwand der Kassenbürokratie (8,7 Milliarden Mark im vergangenen Jahr) zusätzlich aufblähen. Kundenorientierte Konzepte jedoch, wie die auch in Zukunft weiter wachsenden Gesundheitsausgaben bei gleichzeitig schrumpfender Erwerbstätigenzahl bewältigt werden können, lassen auf sich warten.

Welche Lasten geschultert werden müssen, zeigen eindrucksvoll Zahlen der Hallesche-Nationalen Krankenversicherung, Stuttgart: Vor knapp zehn Jahren mußte im Durchschnitt jeder siebte Bundesbürger einmal jährlich ins Krankenhaus, heute ist es bereits jeder fünfte. 1967 gab es für rund zwei Dutzend Nierenkranke die Möglichkeit zur künstlichen Blutwäsche, 1994 schon rund 28 000 Dialysepatienten. Im Jahr 1987 wurden bundesweit 10 000 Bypass-Operationen ausgeführt, 1990 waren es 62 000.

Um den Krankenkassen neue Angebote zu ermöglichen, hatte sich Minister Seehofer zunächst für differenzierte, bedarfsgerechtere Tarife in der gesetzlichen Versicherung offen gezeigt. Doch von diesem Vorstoß war während der "Petersberger Gespräche", die die dritte Stufe der Gesundheitsreform vorbereiteten, keine Rede mehr. "Es ergab sich weitgehende Übereinstimmung darüber, daß Zusatzversicherungsangebote und Wahltarife im deutschen gegliederten Krankenversicherungssystem ausschließlich Aufgabe der privaten Krankenversicherung sind", freut sich Peter Greisler, Vorsitzender des Verbandes der privaten Krankenversicherung.

So sieht alles danach aus, als bliebe es vorerst beim altbekannten Herumdoktern an Symptomen mit diversen Sparmodellen: Die AOK etwa denkt mit ihrem "Hausarztkonzept" über die Beschneidung der freien Arztwahl nach, die Betriebskrankenkassen wollen Ärzte, Pflegedienste und Kliniken nach amerikanischem Vorbild vertraglich an sich binden. In der Bonner Koalition schließlich kursieren Überlegungen, steigende Krankenkassenbeiträge einseitig dem Arbeitnehmer aufzuerlegen.

Wolfgang Lohmann, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, tritt dafür ein, "den Beitragssatz für die Arbeitgeber auf dem heutigen Niveau festzuschreiben". Alle zukünftigen Erhöhungen müßte danach der Arbeitnehmer in voller Höhe aus der eigenen Tasche zahlen - die solidarische Finanzierung der Kassen wäre aufgekündigt. Zur Freude der Privatversicherer. Als Ausgleich könne der Versicherte ja seine Kasse künftig frei wählen, meint Verbands-Mann Greisler und hofft darauf, daß sich dann die freiwillig Versicherten der gesetzlichen Kassen eher zu einem Umstieg ins PKV-Lager bewegen lassen.

An zündenden Zukunftskonzepten mangelt es indes auch den meisten Privatversicherern, die derzeit die hektische Aufbruchsstimmung der Kassen mit Argusaugen beobachten. Trotz besserer Erkenntnis locken die privaten Krankenversicherungen junge Menschen immer noch mit Billigangeboten an und rücken ihren älteren Kunden mit Mondpreisen zu Leibe.